ZMF Brigitte Strauß

Welche Voraussetzungen und Faktoren bestimmen den Erhalt der eigenen Zähne auch bei den älteren Senioren (75–100 Jahre)? Die Autoren Brigitte Strauß und Prof. Peter Eickholz schildern in ihrem Beitrag für die Parodontologie 3/19 die parodontale Therapie eines über 90-jährigen Patienten, der im 2. Quadranten eine extrem verkürzte Zahnreihe aufweist, über 22 natürliche Zähne verfügt und 73 kg wiegt. Hoher sozioökonomischer Status, regelmäßige Teilnahme an der unterstützenden Parodontitistherapie (UPT) und eine günstige familiäre Disposition scheinen trotz Diabetes mellitus die parodontale Stabilität zu begünstigen.

Die Zusammenhänge zwischen Parodontitis und Diabetes waren auch das Thema einer Kampagne der DG Paro zum diesjährigen Parodontologietag am 12. Mai 2020 (mehr dazu auf Quintessence News).

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Einleitung

95–22–73: Nein, dies sind nicht die Traummaße von „Germany‘s Next Topmodel“. Diese Zahlen beschreiben einen Patienten, der bei der Erhebung des abschließenden Parodontalbefunds im Jahr 2018 95 Jahre alt war, 22 eigene natürliche Zähne aufwies und 73 kg wog.

In der Vierten Deutschen Mundgesundheitsstudie (DMS IV), die 2005 veröffentlicht wurde, wurden als älteste Gruppe die 65- bis 74-Jährigen (jüngere Senioren) untersucht. Aufgrund der demografischen Entwicklung wurde die folgende DMS angepasst und erweitert. In der aktuellen Deutschen Mundgesundheitsstudie (DMS V), die im August 2016 veröffentlicht wurde, sind erstmals auch die älteren Menschen von 75 bis 100 Jahren (sogenannte ältere Senioren) und Menschen mit Pflegebedarf erfasst worden. Im Glossar der DMS V wird zudem angeführt, dass im Rahmen der Mundgesundheit die Salutogenese vermehrte Aufmerksamkeit erlangt. Entgegen der Pathogenese, die sich mit Erkrankungsursachen beschäftigt, wird bei der Philosophie der Salutogenese bestimmt, was uns und unseren Körper gesund erhält. 

In den Kernergebnissen der DMS V wird beschrieben, dass bei den untersuchten Alters­gruppen (ab 12 Jahre bis 100-Jährige) klinische Untersuchungen vorgenommen wurden. Diese umfassten die Haupterkrankungen Karies und Parodontitis sowie das Ausmaß der Zahnverluste. Ebenso wurden weitere Erkrankungen der Mundhöhle, Mundschleimhauterkrankungen, Zahnerosionen (Biokorrosion) sowie die zahnärztlichen Versorgungsgrade dokumentiert. In der sozial­wissenschaftlichen Befragung wurden soziodemografische Parameter erfasst sowie verhaltens- und gesundheitsbezogene Parameter abgefragt2.

Die hier vorgestellten Therapiemaßnahmen sollen zeigen, wie eigene Zähne bis ins hohe Lebensalter erhalten werden können. Dabei ging es im Besonderen um folgende Fragen:

  • Welche Voraussetzungen und Faktoren bestimmen den Erhalt der eigenen Zähne?
  • Sichern die in den Kernergebnissen der DMS V aufgeführten Parameter – neben anderen Aspekten wie der Patientencompliance (zum Beispiel regelmäßige UPT-Teilnahme, Umsetzung der Mundhygieneinstruktionen) – den Erhalt der eigenen Zähne?
  • Werden die Grundregeln (Ansätze) der Salutogenese erfüllt, die zur Mundgesundheit bei­tragen?

Fallbericht

Der Patient wurde am 10. Januar 1923 als Sohn eines Diplomaten im Libanon geboren. Der Vater war Engländer und wurde 104 Jahre alt. Die Mutter war Französin, sie wurde 93 Jahre alt. Im Libanon wuchs er mit einer heute 80-jährigen Schwester und einem jetzt 78-jährigen Bruder auf. Die Erziehung erfolgte durch deutsche Gouvernanten, die großen Wert auf eine gepflegte Erscheinung legten. Drei Sprachen – Englisch, Französisch und Deutsch – spricht er fließend. Er war von Beruf Kaufmann und hat in Florida Häuser und Ferienwohnungen verwaltet. Jetzt besitzt er einen Hund, den er selbständig versorgt. Er braucht keine Gehhilfe oder weitere Hilfsmittel (Gehstock oder Rollator) zum Erhalt der Mobilität. Langlebigkeit wird beeinflusst durch genetische3 und Umweltfaktoren. Die Langlebigkeit der Eltern und Geschwister des Patienten lässt genetische Faktoren zumindest vermuten.

Der Patient lebte zeitweilig in den USA und in Deutschland. Nach seinen Angaben war er in Amerika regelmäßig bei einer Dentalhygienikerin in Behandlung. Vom dortigen behandelnden Zahnarzt erhielt er die Empfehlung, in Deutschland die Behandlung im „Carolinum“ (Zentrum der Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde [ZZMK] der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main) fortzuführen. Nähere Angaben über eine in den USA vorgenommene parodontale Therapie, die nunmehr über 40 Jahre zurückliegen muss, konnte der Patient nicht machen.

Seit Mitte der 1970er-Jahre wurde der Patient in der Poliklinik für Parodontologie, ZZMK (Carolinum), Frankfurt am Main, behandelt. Leiter der Abteilung war damals Prof. Dr. Heinz Spranger, der 1969/1970 zwei klinische Kurse in Parodontologie an der Tufts-University und am Forsyth Dental Center in Boston/USA belegt hatte4.

Für die Zeit von Mitte 1970 bis November 2002 existieren keine Krankenunterlagen, da diese im Zuge der abgelaufenen Aufbewahrungsfrist vernichtet wurden. Es konnten nur mündliche An­gaben vonseiten des Patienten notiert werden. Der Patient legt großen Wert auf den Erhalt seiner Zähne, und es kann angenommen werden, dass in dieser Zeit die zahnärztlichen Termine und die zur parodontalen Nachsorge bei der zahn­medizinischen Fachassistentin wahrgenommen wurden. Anschließend sind unvollständige Unterlagen vom 21. November 2002 bis 2. März 2006 vorhanden. Ab 6. März 2006 liegen vollständige Befundunter­lagen vor.

Abb. 1 Parodontalstatus vom 6. März 2006.

2006

Anamnese vom 6. März 2006
Allgemeine Anamnese

Am 6. März 2006 war der Patient 83 Jahre alt und im Besitz von 24 natürlichen Zähnen (Abb. 1).

Er gab an, von 1941 bis 1971 ca. 25 Zigaretten pro Tag geraucht zu haben. Dies entspricht etwa 38 Packungsjahren. Er litt an Hypertonie und hatte seine Ernährung wegen bestehendem Diabetes mellitus Typ 2 umgestellt. Damals wurde keine Medikamenteneinnahme angegeben und der HbA1c nicht erfragt.

Spezielle zahnmedizinische Anamnese 

Es lag ein konservierend und prothetisch versorgtes Gebiss vor. Über eine frühere durchgeführte Parodontalbehandlung konnte der Patient keine näheren Angaben machen.

Intraoraler Befund 

Die Zähne 18, 16, 24, 26–28, 38 und 48 fehlten. Im Oberkiefer waren die fehlenden Zähne 16, 24, 26 durch Verblendkeramikbrücken ersetzt, wobei der fehlende Zahn 26 ein Extensionsbrückenglied darstellte. Alle anderen Zähne im Oberkiefer waren mit Verblendkeramikkronen überkront. Im Unterkiefer lag eine Verblendkeramik-Überkronung der Zähne 45–43 und 33–35 vor. Die Zähne 47, 46 und 36, 37 waren mit Vollgusskronen versorgt. Die Zähne 13, 12 und 23 waren wurzelkanalbehandelt. Außer den endodontisch behandelten Zähnen reagierten alle Zähne im Ober- und Unterkiefer auf den Sensibilisierungstest mit Kältespray positiv. Die Zähne 23 und 25 waren III. Grades mobil. Der Zahn 17 zeigte eine durchgängige Furkation, es lag ein Furkationsgrad III an allen drei Furkationseingängen vor. Es wurde ein ausführlicher Parodontalstatus mit sechs Messstellen pro Zahn erhoben (Abb. 1). An 90 Prozent der Stellen kam es dabei zu Bluten auf Sondieren (BOP).

Diagnose 

  • Rezidiv einer generalisierten schweren chronischen Parodontitis
  • Nach neuer Klassifikation5–7: Parodontitis generalisiert Stadium III (75 Prozent der Zähne mit approximalem Attachmentverlust ≥ 5 mm), Grad B/C (Diabetes, HbA1c nicht erfragt)

Der Patient hatte einschließlich der Weisheitszähne insgesamt acht Zähne verloren. Der Grund für deren Verlust ist aber unbekannt. Die Notwendigkeit einer komplexen Rehabilitation bestand nicht (deshalb kein Stadium IV).

Therapieplan vom 6. März 2006

  1. Mikrobiologische Untersuchung
  2. Anfertigung eines Röntgenstatus (Zahnfilmstatus)
  3. Systematische Parodontitistherapie
    a. Antiinfektiöse Parodontitistherapie (Full-Mouth-Disinfection, FMD), gegebenenfalls Antibiotika
    b. Reevaluation
    c. gegebenenfalls Parodontalchirurgie
    d. Unterstützende Parodontitistherapie (UPT)

Die Prognose zum Erhalt der Zähne 23 und 25 war ungünstig. Die Ätiologie der Parodontalerkrankung und das Therapiekonzept dafür wurden ausführlich mit dem Patienten besprochen.

Abb. 2 Röntgenstatus vom 29. März 2006.

Röntgenbefund/-status vom 29. März 2006

Am 29. März 2006 wurde ein Röntgenstatus (Einzelzahnaufnahmen) angefertigt (Abb. 2). Darauf ist ein generalisierter horizontaler Knochenabbau bis ins koronale Wurzeldrittel erkennbar, an Zahn 23 bis ins mittlere Wurzeldrittel. An Zahn 23 finden sich mesial ein vertikaler Einbruch bis ins apikale Wurzeldrittel und an Zahn 25 mesial und distal vertikale Einbrüche bis zum Apex. Im Bereich der Zahnkronen aller vorhandenen Oberkieferzähne sowie an allen Unterkieferseitenzähnen und in den Wurzeln der Zähne 13, 12, und 23 stellen sich röntgendichte Strukturen im Sinne von Kronen beziehungsweise Wurzel­kanalfüllungen dar.

Ergänzender parodontaler Befund vom 10. Mai 2006

Aufgrund schwieriger Terminfindung wurde die Behandlung erst am 10. Mai 2006 fortgesetzt.

Diagnostische Maßnahmen am 10. Mai 2006

Es wurden subgingivale Plaqueproben mit Papierspitzen an den Zähnen 14, 25, 36, 46 entnommen und zum Nachweis von Aggregatibacter actino­my­cetemcomitans, Porphromanas gingivalis, Tannerella forsythia und Treponema denticola versendet (iai PadoTest 4.5, Fa. Institut für An­gewandte Immunologie IAI, Zuchwil, Schweiz). An den Zähnen 14, 25 und 46 konnten subgingival P. gingivalis, T. forsythia und T. denticola nachgewiesen werden, an Zahn 36 P. gingivalis, und T. denticola. A. actinomycetemcomitans wurde nur an Zahn 25 nachgewiesen (Bakterienzahl: 61.000).

Ergänzende Diagnose vom 10. Mai 2006

  • Verdacht auf Endo-Paro-Läsion und okklusales Trauma an Zahn 25
  • Verdacht auf Wurzelfraktur/Perforation an Zahn 23

Ergänzender Therapieplan vom 10. Mai 2006

Aufgrund der hohen strategischen Bedeutung von Zahn 25 wurde ein Erhaltungsversuch durch eine Wurzelkanalbehandlung unternommen.

Gegebenenfalls Parodontalchirurgie: Wurzelkanalbehand­lung Zahn 17 und Amputation der palatinalen Wurzel. Wegen der geringen strategischen Bedeutung von Zahn 17 war die palliative Therapie mit kontinuierlicher Kontrolle und Reinigung der Furkation eine Alternative.

Therapieverlauf

Vom 18. Mai 2006 bis 23. Juni 2006 erfolgte eine Wurzelkanalbehandlung an Zahn 25. Danach entschied sich der Patient für die Durchführung einer Parodontalbehandlung alio loco. Die Gründe dafür nannte er nicht. Im Zuge dieser Therapie wurden die Zähne 23 und 25 entfernt.

2011

Am 5. Juli 2011 stellte sich der Patient wieder in der Poliklinik für Parodontologie des ZZMK (Carolinum) mit der Bitte um Weiterführung der UPT vor, ohne Gründe für den jetzigen Behandlerwechsel zu nennen.

Allgemeine Anamnese vom 5. Jul 2011

Zu den bestehenden Erkrankungen Hypertonie und Diabetes mellitus mit einem aktuellen HbA1c-Wert von 7 wurde jetzt ein beginnendes Glaukom angegeben. Der Patient nahm Medikamente gegen den Bluthochdruck (Xalantan Augentropfen, Pfizer Pharma; Ramipril 5 mg, 1a Pharma; Bisoprolol 2,5 mg, ratio­pharm) Blutzuckertabletten (Metformin 3 mg) und Aspirin (Bayer Vital) ein. Exakte Angaben zu den eingenommenen Medikamenten sind nicht notiert. Das angegebene Körpergewicht betrug 73 kg bei einer Körpergröße von 1,72 m. Dies entspricht einem Body-Mass-Index (BMI) von 24,7 kg/m² und liegt somit im Normalbereich.

Abb. 3 Parodontalstatus vom 5. Juli 2011.

Intraoraler Befund vom 5. Juli 2011

Die Zähne 18, 16, 23–28, 38 und 48 fehlten. Im Oberkiefer war der fehlende Zahn 16 durch eine Verblendkeramikbrücke ersetzt. Alle anderen Zähne im Oberkiefer waren mit Verblendkeramikkronen überkront. Im Unterkiefer waren die Zähne 45–43 und 33–35 mit Verblendkeramikkronen und die Zähne 47, 46 und 36, 37 mit Vollguss­kronen versorgt (Abb. 3). 

Es wurde ein Parodontalstatus mit Messung der Sondierungstiefen (ST) und der Attachmentverluste an sechs Stellen pro Zahn erhoben. Die Furkationsbeteiligung wurde bestimmt8,9. Sie ergab Grad III an Zahn 17 und Grad I an den Zähnen 47, 46, 36 und 37. Erhöhte Zahnbeweglichkeit konnte nicht festgestellt werden. An Zahn 17 fanden sich ST = 5 mm, an Zahn 37 ST = 7 mm und an den Zähnen 46, 45 je 4 mm und Blutung. Der BOP-Index betrug 26 Prozent (Abb. 3).

Diagnose vom 5. Juli 2011

  • Zustand nach generalisierter schwerer chronischer Parodontitis mit lokalisiert persisitierenden/rezidivierenden Läsionen an den Zähnen 17, 37
  • Nach neuer Klassifikation5–7: Lokalisierte Gingivi­tis (BOP:  26 Prozent) beim stabilen Par­odontitispatienten (Parodontitis: generalisiert Stadium II [86 Prozent der Zähne mit approximalem Attachmentverlust 3–4 mm]; lokalisiert Stadium III [14 Prozent der Zähne mit approximalem Attachmentverlust ≥ 5 mm]; Grad C [HbA1c = 7 Prozent])
  • Verlust weiterer Zähne (23, 25), primär aufgrund von endodontalen Problemen; keine Notwendigkeit einer komplexen Rehabilitation (deshalb kein Stadium IV)
  • Parodontitis an den Zähnen 45, 46 (ST = 4 mm und BOP), 17 (ST = 5 mm), 37 (ST = 7 mm)

Therapieplan vom 5. Juli 2011

  1. Anfertigung einer Panoramaschichtaufnahme 
  2. Fortsetzung der UPT
Abb. 4 Panoramaschichtaufnahme vom 5. Juli 2011

Röntgenbefund vom 5. Juli 2011

Es besteht ein generalisierter horizontaler Knochen­abbau bis zum koronalen Wurzeldrittel (Abb. 4). Im Bereich der Zahnkronen aller vorhandenen Oberkieferzähne, an allen Unterkiefereck- und -seitenzähnen sowie in den Wurzeln der
Zähne 13 und 12 finden sich röntgendichte Strukturen im Sinne von Kronen beziehungsweise Wurzelkanal­füllungen. Außerdem lässt sich ein retinierter und verlagerter Zahn 38 er­kennen.

Therapiemaßnahmen am 5. Juli 2011

Am 5. Juli 2011 fand die erste UPT nach Durchführung einer systematischen Parodontitistherapie alio loco statt. Der Gingival-Bleeding-Index (GBI)10 betrug 2 Prozent und der Plaque-Control-Record (PCR)11 35 Prozent. Nach Anfärbung des bakteriellen Biofilms wurde die Reinigung der Zähne durch Anwen­dung der Bass-Technik ausführlich trainiert. Der Patient gab an, mit der Benutzung der Interdentalraumbürstchen gut zurechtzukommen. Harte Ablagerungen (Zahnstein) und weiche bakterielle Beläge (Biofilm) zeigten sich vorwiegend im Unterkiefer. Alle Zähne wurden professionell gereinigt, poliert und fluoridiert. Die Zähne 17, 45, 46 und 37 wurden maschinell mit einem Airscaler nachinstrumentiert und mit Handinstrumenten kürettiert. Anschließend wurde 1-prozentiges Chlorhexidindiglukonat(CHX)-Gel subgingival instilliert. 

Die Parodontitisrisikoabschätzung12,13 ergab ein hohes Parodontitisrisiko, da der BOP-Index mit 26 Prozent im hohen Risiko lag und der systemische Faktor Diabetes mellitus Typ 2 vorlag. Das UPT-Intervall wurde demnach auf drei Monate festgelegt.

Therapieverlauf ab 25. November 2011 bis 2017

Am 25. November 2011 wurde eine UPT mit professioneller mechanischer Plaqueentfernung (PMPR) und erneuten Mundhygieneinstruktionen durchgeführt. Der GBI lag bei 0 Prozent und der PCR bei 37 Prozent. Es wurde wieder die Bass-Technik am Modell und intraoral geübt.

Ab dem 14. Juni 2012 bis heute (Stand: 2019) fanden regelmäßige Behandlungen im Rahmen der UPT statt. In jeder Sitzung mit Parodontalstatus wurde das individuelle Parodontitisrisiko neu ermittelt. Es lag seitdem immer im mittleren Risiko und bedeutete, dass die empfohlene UPT-Frequenz auf halbjährliche Termine festgesetzt werden konnte. Die Anamnese wurde immer aktualisiert und um gegebenenfalls zusätzliche Erkrankungen ergänzt. Neben den bekannten Erkrankungen Hyperto­nie, Diabetes mellitus (HbA1c- Wert am 14. Juni 2012: 6,7 Prozent und am 13. Dezember 2012: 6,4 Prozent) und Glaukom traten folgende Neuerkrankungen auf: Herzrhythmusstörungen, Blasenkrebs mit anschließender Operation im April 2013, Kniegelenk­operation links im März 2015, Multineuropathie.

Folgende Medikamenteneinnahmen wurden angegeben: Metformin 3 mg einmal täglich, Bisoprolol 5 mg einmal täglich, Aspirin 0,5 mg einmal täglich, Ramipril 5 mg zweimal täglich, Xalantan Augentropfen, abends ein Tropfen je Auge.

Abb. 5 Entzündungs- (Gingival-Bleeding- Index: GBI; Bluten auf Sondieren: BOP) und Plaque-indizes (Plaque-Control-Record: PCR) vom 14. Juni 2012 bis zum 19. Juni 2017.

Alle Termine, die mit dem Patienten vereinbart wurden, sind wahrgenommen worden. Dies waren insgesamt acht Sitzungen im Rahmen der UPT. Zuerst wurde in jeder Sitzung der bakterielle Biofilm angefärbt, dann ein Mundhygienetraining beziehungsweise eine Remotivation vorgenommen. Anschließend wurden die Zähne gereinigt (PMPR) und fluoridiert. Der GBI lag durchschnittlich bei 2,4 Prozent, der PCR durchschnittlich bei 32,7 Prozent (Abb. 5). Dabei wurde ausführlich die Reinigung mit der Bass-Technik erklärt, am Modell demonstriert und intraoral mit einer Einmalzahnbürste trainiert. Zusätz­lich erhielt der Patient Hinweise und eine Anleitung in der Anwendung einer elektrischen Zahnbürste – in diesem Fall ein elektrisch os­zillierend-rotierendes Modell. Eine Übung mit passenden Interdentalraumbürstchen fand gleichfalls regelmäßig statt. In sieben Sitzungen wurde ein ausführlicher Parodontalstatus mit Messungen an sechs Stellen pro Zahn erhoben, der Attachmentverlust und der Furkationsbefall bestimmt. Der BOP-Index (s. Abb. 5) lag durchschnittlich bei 17,3 Prozent. Die Molaren 47, 46, 36, 37 zeigten in jeder UPT-Sitzung eine Grad-I-Furkations­beteiligung jeweils von lingual und bukkal, der Zahn 17 in jeder Sitzung Furkationsgrad III. Am 14. Oktober 2016 wurde die letzte Sensibilitätsprobe der Zähne vorgenommen. Bis auf die wurzelkanalbehandelnden Zähne 13 und 12 reagierten auf den Kältetest alle Zähne positiv. Am 3. Mai 2018 wurde der letzte Parodontalstatus aufgenommen (Abb. 6 und 7).

Abb. 6 Parodontalstatus vom 3. Mai 2018.
Abb. 7 Intraorale Ansicht im Mai 2018.

Diagnose vom 3. Mai 2018

  • Zustand nach generalisierter schwerer chronischer Parodontitis mit lokalisiert persistierenden/rezidivierenden Läsionen an 17, 12
  • Nach neuer Klassifikation5–7: Lokalisierte Gingivitis (BOP = 11 Prozent) beim stabilen Parodontitis­patienten (Parodontitis generalisiert Stadium II [91 Prozent der Zähne mit approximalem Attachmentverlust 3–4 mm] lokalisiert Stadium III [9 Prozent der Zähne mit approximalem Attachmentverlust ≥ 5 mm], Grad B [HbA1c = 6,8 Prozent])
  • kein weiterer Zahnverlust, Notwendigkeit einer komplexen Rehabilitation wird nicht gesehen (Stadium IV)
  • Parodontitis 17 (ST = 4 und BOP), 12 (ST = 5 mm)

Die Zähne 17 und 12 wurden maschinell mit Airscaler und  Handinstrumenten subgingival instrumentiert. In sämtliche nachbehandelte Taschen wurde im Anschluss 1-prozentiges CHX-Gel instilliert. Folgende Zähne wurden im Rahmen der UPT in absteigender Reihenfolge subgingival nach­instrumentiert:

  • Zahn 12 insgesamt fünfmal,
  • Zahn 17 und 37 insgesamt je viermal,
  • Zahn 14 insgesamt zweimal,
  • Zähne 13, 11, 21, 36, 45, 46, 47 insgesamt je einmal.

Epikritische Betrachtung

Der zum Behandlungsabschluss 95-jährige Patient wurde im Libanon geboren und von deutschen Gouvernanten erzogen. Er lebte später in den USA und seit Mitte 1970 in Deutschland. Er rauchte von 1941 bis 1971 ca. 25 Zigaretten pro Tag. In Amerika war er in regelmäßiger Behandlung bei einer Dental­hygienikerin. Ob damals auch eine systematische Parodontalbehandlung durchgeführt wurde und aus welchen Elementen die Behandlung bei der Dentalhygienikerin bestand, kann nicht rekon­struiert werden. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland setzte er die Behandlung in der Poliklinik für Parodontologie des ZZMK (Carolinum) fort. Allerdings wurde die Behandlung von Juni 2006 bis Juli 2011 unterbrochen. In dieser Zeit wurden eine Parodontalbehandlung alio loco vorgenommen und die Zähne 23 und 25 extrahiert. Die fehlenden Zähne 23–27 wurden nicht ersetzt, es besteht eine Freiendsituation, die den Patienten nicht stört. Der Patient verfügt heute noch über 22 funktionierende eigene Zähne. Er wiegt 73 kg, dies entspricht einem BMI von 24,7 und er ist in guter physischer Verfassung. Er versorgt sich selbst­ständig und auch seinen Hund. Der Vater wurde 104 Jahre, die Mutter 93 Jahre alt. Über eigene Zähne der Eltern konnte der Patient keine An­gaben machen. Ab Juli 2011 folgten bis heute regelmäßige UPT-Sitzungen.

Zu Behandlungsbeginn im Jahr 2006 war der Patient 83 Jahre alt und verfügte über 24 natürliche Zähne, von denen allerdings zwei (Zahn 23 und 25) eine Beweglichkeit 3. Grades14 und Attachmentverluste bis zu 8 und 10 mm aufwiesen. Diesen Zähnen wurde zum damaligen Zeitpunkt bereits eine ungünstige Prognose gegeben. Mit 24 beziehungsweise nach Verlust der Zähne 23 und 25 mit dann 22 Zähnen lag er 2006, ein Jahr nach Erhebung der DMS IV, deutlich über dem Durchschnitt in den alten Bundesländern (mittlere Anzahl vorhandener Zähne bei bezahnten Senioren [65–74 Jahre] inklusive der Weisheitszähne: 14,6 Zähne)15. In den zwölf  Jahren seit dieser Untersuchung, wobei er seit dem 5. Juli 2011 regelmäßig die UPT in der Poliklinik für Parodontologie wahrnimmt, sind nur die beiden fraglichen Zähne 23 und 25 alio loco entfernt worden. Mit 22 Zähnen liegt er damit im Vergleich zu den 75- bis 100-Jährigen mit hohem Sozialstatus immer noch deutlich über dem Durchschnitt (mittlere Anzahl vorhandener Zähne bei allen/bezahnten älteren Senioren inklusive der Weisheitszähne: 15,2/18,2 Zähne)16. Der geringe Zahnverlust kann mit verschiedenen Einflussfaktoren korreliert werden: Der Patient nimmt regelmäßig an der UPT teil, er hat das Rauchen vor langer Zeit aufgegeben und betreibt eine effektive individuelle Plaquekontrolle12,17. Allerdings leidet er an Diabetes mellitus. Dieser ist aber metabolisch gut eingestellt (HbA1c = 6,8 Prozent).

Am HbA1c-Wert lässt sich die Schwierigkeit von Schwellenwerten ablesen. Am 5. Juli 2011 wurde ein HbA1c von 7,0 Prozent vermerkt, was einem Grad C entspricht6. Am 3. Mai 2018 lag der Wert bei 6,8 Prozent und es wurde ein Grad B vergeben6. Ist davon auszugehen, dass ein Unterschied im HbA1c von 0,2 Prozentpunkten nachhaltige biologische Konsequenzen hat? Die Reduktion des HbA1c, die mit antiinfektiöser Parodontitistherapie erreicht werden kann, liegt im Mittel bei 0,3 bis 0,4 Prozentpunkten18 und liegt in der Größenordnung des Effekts, den die Verordnung eines zweiten Medikaments zusätzlich zu Metformin hat (zum Beispiel Insulinsensitizer)19. Der Patient zeigt keine direkten Hinweise für rasche Progression (Attachmentverluste ≥ 2 mm während der vergangenen fünf Jahre). Nur bei einem der Risikofaktoren (HbA1c) stellt sich die Frage des Schwellenwerts, weshalb die Einstufung als Grad B zulässig erscheint.

Was ist für den langen Erhalt der eigenen Zähne aber maßgeblich? Es kann davon ausgegangen werden, dass der Patient gesundheitsbewusst erzogen wurde und aufwuchs. Sind es die guten Gene oder eine Veranlagung für gesunde Zähne, die dem Patienten in die Wiege gelegt wurden? Oder spielte Erziehung hier eine Rolle, die unter anderem Wert auf eine gepflegte Erscheinung und damit auch das Mundgesundheitsbewusstsein legte? Die Lebensdauer der Eltern ist ein guter Prädiktor für die Lebenserwartung einer Person3. Alles Weitere zur parodontalen Prädisposition des Patienten ist Spekulation. Welche Faktoren wirken sich günstig auf den Zahnerhalt und die parodontale Gesundheit aus und welche negativ? Der hohe sozioökonomische Status des Patienten wirkt sich positiv aus16. Ein weiterer wichtiger Faktor für die Mund- und Zahngesundheit ist, dass er bis heute – zuerst in den USA und später in Deutschland – regelmäßig UPT-Termine wahrgenommen hat12,17. Allerdings kann nur für die Therapie in der Poliklinik für Parodontologie sicher nachvollzogen werden, welche Therapieelemente diese UPT umfasste. Das Alter des Patienten wirkt sich negativ auf die Zahl verbliebener Zähne aus12,20,21 wie auch sein Diabetes mellitus22. Aller­dings ist dieser metabolisch gut eingestellt, sodass der negative Effekt eher gering ist23.

Eine Wurzelkanalbehandlung mit anschließender Wurzelamputation an Zahn 17 wurde nicht durchgeführt. Obwohl auch für Zahn 17 langfristig aufgrund der Grad-III-Furkationsbeteiligung eine fragliche Prognose gestellt wurde, befindet sich dieser Zahn seit 2006 in palliativer Furkationstherapie24 immer noch in situ und in Funktion. Weder Attachmentverlust noch Knochenabbau an Zahn 17 haben sich während der UPT nennenswert verschlechtert. In den Jahren der Behandlung in der Poliklinik für Parodontologie des ZZMK (Carolinum) wurde zu keinem Zeitpunkt bis heute eine parodontalchirurgische, resektive oder regenerative Therapie vorgenommen. Auch wurden keine adjuvanten antimikrobiellen Medikamente verwendet. Einzig und allein die mit vertieften Zahnfleischtaschen (> 4 mm mit BOP und ≥ 5 mm) befallenen Zähne wurden im Rahmen der UPT nachinstrumentiert und mit einer 1-prozentigen CHX-Gel-Instillation behandelt.

Die sehr stark verkürzte Zahnreihe im zweiten Quadranten wirft die Fragen auf, wie belastbar Kiefergelenke sind und was Patienten ästhetisch tolerieren. Es scheint, als wären drei bis fünf Seiten­zahnpaare in Okklusion genug, um bei vorhan­denen Frontzähnen langfristig eine gute mundgesundheitsbezogene Lebensqualität zu gewährleisten25,26. Zwar konnte gezeigt werden, dass ältere Patienten in Japan im Falle fehlender Seitenzähne eine Therapie mit Brücken oder Teilprothesen der Therapie mit Implantaten und der verkürzten Zahnreihe vorziehen27, der Patient, über den hier berichtet wird, hat die fehlenden Stützzonen auf der linken Seite allerdings bisher nie bemängelt. Eine Versorgung mit Implantaten oder einer herausnehmbaren Prothese, zum Beispiel zum Ersatz der Zähne 23 und 25, wäre denkbar, ist aber scheinbar für den Patienten nicht notwendig. Ob eine stark verkürzte Zahnreihe eine Lösung ist, hängt ganz wesentlich von der Akzeptanz des individuellen Patienten ab27.

So gibt dieser Fall ein Beispiel dafür, wie Kaufunktion bis ins hohe Alter mit wenig zahnmedizinischem Aufwand und konsequent regelmäßiger UPT erhalten werden kann. Dieses Fallbeispiel unterstreicht den Wert der UPT für die langfristige Aufrechterhaltung der Mundgesundheit auch und insbesondere bei hochbetagten parodontal kompromittierten, aber behandelten Patienten.

Literatur auf Anfrage an news@quintessenz.de

Ein Beitrag von Brigitte Strauß und Prof. Dr. med. dent. Peter Eickholz, beide Frankfurt am Main