Wenn uns hierzulande jemand von den dramatischen Sonnenuntergängen am „Sieben Meilen Strand“ von Hanover erzählt, würde wohl der eine oder andere etwas irritiert schauen – gemeint ist allerdings nicht die Hauptstadt von Niedersachsen, sondern vielmehr der Westen der Insel Jamaika, gut 7.000 Meilen westlich von Deutschland.

Und dieses Eiland in der Karibik – damit wären wir beim Thema – hat sich zu einem beliebten Ziel für Freiwilligeneinsätze entwickelt, und dies nicht ohne Grund. Trotz der vergleichsweise guten wirtschaftlichen Lage der einstigen englischen Kolonie fehlt es zumindest an einem: genügend zahnärztliches Personal.  Nicht mal 200 Zahnärzte stehen einer Einwohnerzahl von drei Millionen Menschen gegenüber. Viele Jamaikaner werden wohl ihr Leben lang keinen Zahnarzt zu Gesicht bekommen. Eine eigene zahnmedizinische Fakultät gibt es erst seit 2010, gerade hat der zweite Jahrgang das Studium erfolgreich abgeschlossen.

Mobile Kliniken in Kirchen und Schulen

Seit nunmehr zehn Jahren gibt es eine sehr erfolgreiche Initiative namens „Great Shape“, die jedes Jahr im Herbst ihre mobilen Kliniken an verschiedenen Orten auf- und abbaut. So auch in diesem Herbst: erstes Ziel waren verschiedene kleinere Ortschaften im etwas abgelegenen Westzipfel der Insel, wie etwa Lucea, der Hauptstadt der Provinz Hannover, aber auch Sheffield im Westmoreland.

Gut 60 Freiwillige kommen jede Woche zusammen, um in diesen improvisierten Kliniken in Kirchen, Schulen und Gemeindehäusern Patienten zu behandeln, die sonst keine Möglichkeit haben, sich zahnärztliche behandeln zu lassen.

Freiwillige und Einheimische gemeinsam unterwegs

Pro Station sind es ca. 15 Freiwillige, dazu meist noch einmal die gleiche Zahl an einheimischen Kräften. Nicht selten sind es 1.000 Patienten, die pro Station und Woche behandelt werden können. Sehr beliebt sind die Dental Hygienists, oft frisch von der Uni, die die Cavitrons zum Glühen bringen. Nicht weniger beliebt sind die erfahrenen Kräfte aus allen Sparten, die sich häufig als gute Geister entpuppen.

Dass die Arbeit locker von der Hand geht, lässt sich schon allein daran erkennen, dass keine Station ohne Soundanlage auskommt – getreu dem Motto: Wenn wir schon richtig powern, dann darf auch die Musik nicht fehlen. Nicht wenige der erfahrenen DHs entpuppen sich als wahre Stimmungskanone und so gibt es bereits bei der Anfahrt schon viel zu lachen. Keine Frage, dass die Freiwilligen aus Deutschland von Anfang an integriert werden. Die überwiegende Zahl der humanitären Ferienarbeiter kommt aus den USA und Kanada, und dort wiederum aus Seattle und Toronto.

Die Arbeitsabläufe sind gut durchstrukturiert. Die Patienten bekommen eine Erstuntersuchung, meist ist eine erfahrene DH für die Triage zuständig. Danach werden sie in die Warteschlangen für Extraction, Filling oder Cleaning eingereiht.

Hoher Aufwand für Hygiene und Material

Vor- und Nachbereitung des Behandlungsplatzes sind ebenfalls gut durchstrukturiert, genauso wie die Instrumentenaufbereitung. Besonderer Wert wird auf die Hygiene gelegt, denn auch unter Lazarettbedingungen soll ein höchstmöglicher Standard erreicht werden.

Dementsprechend ist der Materialaufwand gewaltig: Vor jedem Einsatz gilt es unzählige Plastikboxen, Kartons und Kisten zu sortieren und die ganze Arbeitswoche den Überblick zu behalten. Zwei Sterilisatoren arbeiten quasi im Dauerbetrieb, genauso wie mindestens zwei Kompressoren und bei Bedarf werden die Stromgeneratoren angeworfen, was bei der örtlichen Versorgungsqualität leider ständig geschieht.

Dazu werden neben den ständig besetzten sechs mobilen Einheiten stets zwei Behandlungsstühle in Reserve gehalten. Meist handelt es sich hier um ausgemusterte amerikanische Militäreinheiten der Marken A-Dec und Aseptico, die als sehr robust gelten – oder besser „fallschirmtauglich“.

Hinzu kommt noch ein nicht unbeträchtlicher Anfahrtsweg und so sind die Tage für die Freiwilligen meist sehr lang. Denn angefangen wird sehr früh: Frühstück um 7 Uhr, gleichzeitig gibt es das tägliche Briefing und spätestens um 8 Uhr stehen die Busse abfahrbereit.

Hotels und Hinterland – Gegensätze erleben

Unterkünfte für solch große Gruppen sind an sich ein Problem auf einer Insel wie Jamaika, wäre da nicht die Stuartfamilie, Eigentümer der Sandals Hotelkette, die großzügig Unterkünfte für die Freiwilligengruppen stellt. Und dies ist eine kleine Entschädigung für all die Mühen und den Aufwand, den jeder Freiwillige auf sich nimmt, denn die Sandals Hotels gehören zu den besten Resorts in der Karibik. So spürt man den krassen Gegensatz am eigenen Leib: Wenn man ins Hinterland kommt, ist man mitten im Alltagsleben der Jamaikaner, die unter sehr einfachen Bedingungen leben. Immerhin geht es ihnen deutlich besser als den Menschen etwa in Haiti, das gerade einmal 90 Seemeilen von Jamaika entfernt liegt. Dafür sind die Lebenshaltungskosten in Jamaika exorbitant hoch – ein Glas Nutella kostet etwa 20 US-Dollar, so dass sich dieses Verhältnis wieder relativiert.

Gleichzeitig sieht man die Ausstattung der Touristenhotels in den gehobenen Preisklassen. Doch gerade diese bieten eine enorme Zahl an Arbeitsplätzen. Und auch an die Hotelmitarbeiter wird bei den Einsätzen gedacht: Zwei Hotelzimmer werden kurzerhand in Behandlungszimmer umfunktioniert, damit das Personal in den Genuss einer Zahnreinigung kommt – wiederum eine große logistische Aufgabe, denn keines der großen Resorts hat unter 500 Angestellte.

Programm mit der Universität von Kingston

Während die Gruppen aus Nordamerika meist nur für zehn Tage inklusive verlängertes Wochenende anreisen, sind Famulanten aus Deutschland mindestens 28 Tage im Land, wenn sie den Zuschuss vom DAAD in Anspruch nehmen wollen. Damit diesen Anforderungen entsprochen wird, hat DIANO ein Programm mit der Universität von Kingston entwickelt, das wiederum unterversorgten Bevölkerungsgruppen zugute kommt. In Jamaika ist es üblich, dass die Studierenden viele Samstage bei sogenannten Outreach Missions eingesetzt werden. Auch hier werden mobile Kliniken an vielen Stationen eingerichtet. Auf diese Weise werden Altersheime, Waisenhäuser, aber auch die Gefängnisse versorgt. Mittlerweile wurde das Outreach-Mission-Programm als besonders förderungswürdig eingestuft und direkt dem Gesundheitsministerium unterstellt.

Tobias Bauer, Singen

Wer sich für Einsätze auf Jamaika, auf Kuba, in Haiti oder der Dominikanischen Republik interessiert, mehr über Hilfseinsätze und Famulaturen wissen möchte oder die Einsätze mit Spenden unterstützen will, kann sich gerne an den Autor Tobias Bauer, Initiator von DIANO e.V., wenden: dental.aid.net@googlemail.com

Titelbild: Tobias Bauer