Erstmals kandidiert eine junge Zahnärztin für ein Amt im Geschäftsführenden Vorstand der Bundeszahnärztekammer (BZÄK). Und sie tut dies öffentlich. Rebecca Otto aus Thüringen steht als Vertreterin der jungen Zahnärztegeneration für einen jüngeren, weiblicheren und regional ausgewogenen Vorstand.

Am 6. November 2020 wird – nach derzeitigem Planungsstand – in Karlsruhe die Bundesversammlung der Bundeszahnärztekammer (BZÄK) stattfinden. Mit der turnusgemäßen Neuwahl des geschäftsführenden BZÄK-Vorstands stellen die Delegierten die Weichen für die Zukunft der Zahnärzteschaft. Mit Zahnärztin Rebecca Otto aus Jena wird erstmals eine junge Kollegin für einen Sitz an der Spitze der Bundeszahnärztekammer kandidieren. Dass sie dies öffentlich tut, die breite Öffentlichkeit sucht, ist ein Novum – denn bislang wurden Kandidaturen für den Geschäftsführenden Vorstand der BZÄK weitgehend intern abgestimmt und dann auf der Bundesversammlung zur Wahl gestellt.

Diversität führt zum Erfolg

„Für uns Zahnärztinnen und Zahnärzte ist die Politik derzeit ein wankelmütiger Partner. Einerseits wird die Zahnärzteschaft seitens der Politik als nicht systemrelevant wahrgenommen, andererseits wird ein erheblicher politischer Druck zur Einführung einer Frauenquote auf den Vorstand der Bundeszahnärztekammer ausgeübt. Dabei ist es offensichtlich: Diversität führt zum Erfolg, nicht nur hinsichtlich des Geschlechts, sondern auch des Alters, der Herkunft oder des Arbeitsschwerpunkts“, so Rebecca Otto in der Pressemeldung zu ihrer Kandidatur.

Zur Person

Rebecca Otto (Foto: Otto/Sina Günter)

Rebecca Otto, geb. am 25. September 1979, studierte in Göttingen, absolvierte ihre Assistenzzeit in Thüringen und praktizierte anschließend in Hamburg. 2009 folgte die Niederlassung in eigener Praxis in Jena. Ebenfalls 2009 startete Rebecca Otto in die Standespolitik, seit 2015 als Mitglied der Kammerversammlung der LZK Thüringen, im gleichen Jahr Mitglied des Vorstands der LZK Thüringen. 2019 kandidierte sie erstmals mit einer eigenen, rein weiblichen Liste – und konnte die drittmeisten Stimmen auf sich vereinen.

Neue Generation, keine Quote

Durch ein junges, weibliches Mitglied im geschäftsführenden Vorstand könne die BZÄK eine neue politische Gewichtung in der zahnärztlichen Spitzenvertretung setzen und neue Türen öffnen, ist Otto überzeugt. „Mit mir als Vertreterin einer neuen Zahnarzt-Generation im geschäftsführenden Vorstand wird die BZÄK jünger, frischer, vielfältiger und kann so standespolitische Interessen besser und authentischer gegenüber der Politik und der Gesellschaft vertreten. Ich stehe für einen besseren Mix im Vorstand: jünger, weiblicher, regional ausgewogen und verschiedene zahnärztliche Arbeitsgebiete umfassend. Und das ohne Quote!“ Mehr über die Kandidatin und ihr Programm auf ihrer Kampagnenwebsite https://rebecca-otto.de.

Bundesversammlung in Karlsruhe noch offen

Aktuell ist noch offen, ob die Bundesversammlung der BZÄK am 6. und 7. November in Karlsruhe tagen wird, wie auch aus der BZÄK zu erfahren war. Es hängt von der weiteren Entwicklung des Infektionsgeschehens in der Corona-Pandemie und der Zustimmung der örtlichen Behörden in Baden-Württemberg ab, ob die 164 Delegierten und ein kleiner Stab der Verwaltung vor Ort tagen können. Sollte dies nicht der Fall sein, ist für Dezember 2020 eine online durchgeführte Versammlung mit Wahl eines neuen Vorstands in Vorbereitung.

Aktueller Vorstand seit 2011 im Amt

Der jetzt amtierende Geschäftsführende Vorstand (GV) der BZÄK mit Dr. Peter Engel als Präsident und Prof. Dr. Dietmar Oesterreich und Prof. Christoph Benz ist seit 2011 in dieser Besetzung im Amt. Für Peter Engel, der 2008 in Stuttgart als Nachfolger von Dr. Dr. Jürgen Weitkamp zum Präsidenten gewählt wurde, geht damit bereits die dritte Amtszeit zu Ende. Er hatte 2016 – auch weil sich kein Kandidatentableau fand, das Aussicht auf einen Wahlerfolg in der Bundesversammlung hatte – nach den regulär möglichen zwei Amtszeiten ein drittes Mal kandidiert und war mit der nötigen Zweidrittel-Mehrheit der Delegierten in Berlin erneut gewählt worden. Sein Ziel war es immer, dass sich 2020 ein jüngeres Team zur Wahl stellt, zu dem unbedingt eine Frau gehören soll.

Bislang kein erfolgversprechendes Kandidatenteam

Zumindest bis zum 21. Oktober 2020, der letzten Sitzung des aus allen Kammerpräsidenten bestehenden Vorstands der BZÄK, gab es, wie es aus Vorstandskreisen heißt, noch kein Kandidatenteam, das sich mit Erfolgsaussichten zur Wahl stellen könnte. Es gebe eine ganze Reihe von Kandidaten. Jetzt müsse man schauen, wie daraus ein schlagkräftiger GV werden könne, der die vielen Aufgaben und Herausforderungen, die jetzt auf die Zahnärzteschaft zukommen, erfolgreich bearbeiten und nach innen und außen vertreten könne, war von Peter Engel auf Nachfrage auch in einer Gesprächsrunde am 20. Oktober 2020 zu hören.

Kontroverse Diskussion um mehr Repräsentanz von Frauen

Dr. Peter Engel, Präsident der Bundeszahnärztekammer, auf der BV 2018 in Frankfurt (Foto: BZÄK/axentis.de)

Was das Thema Repräsentanz von Frauen in der Bundesversammlung der BZÄK und der Standespolitik allgemein angeht, hatte sich Engel 2018 in der BV in Frankfurt (Main) für das Thema sehr stark gemacht und an die Delegierten appelliert, hier wichtige Weichen zu stellen und Frauen den Weg in den Standespolitik und die Bundesversammlung zu erleichtern. Der entsprechende Antrag war dann allerdings nach einer in der Debattenkultur sehr unerfreulichen Diskussion um eine gar nicht geforderte Quote mit Mehrheit abgelehnt worden. Damals hatte auch ein Teil der weiblichen Delegierten gegen den Antrag gesprochen. Verabschiedet wurde dann ein allgemeinerer Antrag mit einem Appell an die Frauen, selbst aktiver zu werden.

Anteil der Zahnärztinnen steigt vor allem in den jüngeren Altersgruppen deutlich

2018 lag der Anteil der weiblichen Delegierten in der BV bei 15 Prozent, wie Sabine Steding damals berichtete. Für 2020 werden nach aktuellem Stand 23,17 Prozent oder 38 Frauen unter den 164 Delegierten sein. Der Anteil der Frauen unter den zahnärztlich tätigen Zahnmedizinern betrug 2018 45,6 Prozent. 2019 waren es schon 46,2 Prozent. Bei den unter 35-Jährigen waren es 2019 mehr als 62 Prozent Frauen, bei den 35- bis 44-Jährigen mehr als 55 Prozent. In den neuen Bundesländern liegt der Anteil der Frauen ohnehin in allen Altersgruppen über 50 Prozent.

Eigene Frauenlisten bei Kammerwahlen

Inzwischen haben Zahnärztinnen bei Kammerwahlen eigene Listen aufgestellt und waren damit zum Beispiel in Nordrhein, Westfalen-Lippe und Thüringen auf Anhieb erfolgreich. Auch in Berlin stellt sich jetzt eine Frauenliste zur Wahl. Unter den Kandidatinnen sind oft bereits länger in den Kammern aktive Frauen, die sich dafür aus ihren bisherigen Listen verabschiedet haben, und auch berufspolitische Neueinsteigerinnen. Die Wahl einer – jungen – Frau in den GV der BZÄK wäre nicht nur für diese Frauen und die junge Zahnärztegeneration ein weiteres wichtiges und zukunftsweisendes Signal.

Dr. Marion Marschall, Quintessence News

Ein Interview mit Rebecca Otto und Dr. Juliane von Hoyningen-Huene lesen Sie hier: „Wir laufen Gefahr, den Anschluss an das 21. Jahrhundert zu verlieren“.

Titelbild: Rebecca Otto aus Jena kandidiert für den GV der BZÄK (Foto: Otto/Sina Günter)