Die Funktionsdiagnostik und -Therapie hat in den vergangenen gut 15 Jahren einen Aufschwung in der Wissenschaft, aber auch in der zahnärztlichen Praxis erlebt. Dafür gibt es viele Ursachen. Eine ist sicher, dass immer mehr Patienten mit Problemen in die Praxen kommen, die durch Störungen in Okklusion und Funktion des Kauapparats bedingt sind. Und es wird viel mehr als früher dazu berichtet – Zähneknirschen, Bruxismus und CMD sind heute selbst Patienten vielfach ein Begriff.

Die Deutsche Gesellschaft für Funktionsdiagnostik und -therapie, kurz DGFDT, steht für die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Fragen rund um die Funktion und für die Vermittlung aktuellen, gesicherten Wissens zu Diagnostik und Therapie in die Praxis. Dazu gibt es unter anderem die internationale Fachzeitschrift Journal of Craniomandibular Function. Für Wissenschaftler wie Praktiker ist zudem der jährliche Kongress der Gesellschaft im November in Bad Homburg ein Muss. Prof. Dr. Ingrid Peroz, Präsidentin der DGFDT, und Dr. Bruno Imhoff, im DGFDT-Vorstand verantwortlich für die Öffentlichkeitsarbeit, geben im Interview Auskunft zu den neuesten Themen der DGFDT und den Höhepunkten der Jahrestagung, der in diesem Jahr vom 15. bis 17. November stattfinden wird.

Frau Prof. Peroz, im vergangenen Jahr hat die DGFDT ihren 50. Geburtstag und ihren 50. Kongress gefeiert. Das Fachgebiet und die Gesellschaft haben in dieser Zeit ordentlich Fahrt aufgenommen. Wie haben Sie diesen Schwung für die 51. Jahrestagung nutzen können, was gibt es Neues in diesem Jahr bei Themen und Formaten?

DGFDT-Präsidentin Prof. Dr. Ingrid Peroz und Vizepräsident Dr. Christian Mentler konnten 2017 die Geburtstagstorte zum 50-jährigen Bestehen der DGFDT anschneiden. (Foto: DGFDT)

Prof. Dr. Ingrid Peroz: Nach Rückschau auf die Errungenschaften unserer Fachgesellschaft zu unserem 50-jährigen Jubiläum wollen wir dieses Jahr „Neue Horizonte“ eröffnen. Dazu haben wir entsprechend hochkarätige Referenten eingeladen. Für die funktionelle Rehabilitation versprechen wir uns neue Erkenntnisse durch digitale Technologien.

Daneben interessiert uns die aktuelle Entwicklung in Sachen medikamentöse Therapie bei CMD. Neuentwicklungen an Medikamenten, aber auch Restriktionen für die Verordnung aufgrund hoher Risiken an unerwünschten Nebenwirkungen führen zur stetigen Veränderung pharmakologischer Therapiemöglichkeiten. Prof. Cascorbi aus Kiel wird diese Thematik vorstellen.

Viele Patienten mit CMD klagen auch über Schmerzen im Nackenbereich, Schultergürtel und der Lendenwirbelsäule. Osteopathen sprechen von Fascienketten, die das Cranium mit dem Sacrum verbinden. Studien zu CMD und Körperstatik sind etliche zu finden, jedoch häufig von geringem Evidenzniveau. Prof. Fink wird dieses interessante Thema aufgreifen und diskutieren, ob und wie CMD mit der Körperstatik zusammenhängen.

Neben diesen Hauptvorträgen beleben unsere Jahrestagung die vielen interessanten Beiträge aus der Praxis und der Wissenschaft. Da findet jeder Tagungsteilnehmer etwas, was er für sich und die Praxis mit nach Hause nehmen kann.

Welche Rolle spielen neue digitale Verfahren in Diagnostik und Therapie? Und was erwartet die Teilnehmer der Jahrestagung zu diesem Thema?

Peroz: Es werden immer mehr digitale Daten der Patienten erhoben: Intraorale Scans, digitale Bildgebung, elektronische Registrierungen, die – wenn sie miteinander gekoppelt werden können – uns ein individuelles, digitales Abbild der Funktionsweise unserer Patienten wiedergeben können. Daher wollen wir uns die neusten Entwicklungen der digitalen Technologien für die Funktionsdiagnostik und -therapie vorstellen lassen. Prof. Albert Mehl aus Zürich ist für dieses Thema die ideale Besetzung. Daraus werden sich Einblicke in die Funktionsweise von Kiefergelenk und Okklusion ergeben, aber auch Erkenntnisse für die funktionelle Rehabilitation.

Es gibt noch so viele Fragen zu klären, zum Beispiel: Wie muss die Okklusion eines Patienten mit Bruxismus wiederhergestellt werden? Ist die Front-Eckzahnführung das Optimum für jeden Patienten? Sind implantatgetragene Rekonstruktionen in die gleiche Bisshöhe einzustellen, wie zahngetragene – auch wenn deren Resilienz fehlt?

Das Thema Bruxismus ist ja für viele Zahnärzte besonders wichtig und interessant. Aber auch hier ist die Wissenschaft nicht stehengeblieben, es gibt neue Ansätze und eine neue Auffassung von dem, was Prof. Daniele Manfredini in seinem Editorial in der CMF-Ausgabe 2/18 als das „Phänomen Bruxismus“ benannt hat. Was hat sich hier grundsätzlich verändert, was müssen die Zahnärzte in der Praxis neu lernen und beachten?

Peroz: Prof. Manfredini befasst sich sehr intensiv mit Bruxismus, vor allem dem Wachbruxismus. Dieser nimmt neben dem Schlafbruxismus eine immer wichtigere Rolle ein. Wir wissen heute, dass sich beide Bruxismusformen ätiologisch unterscheide, und wir wissen, dass Bruxismus ein großer Risikofaktor für eine CMD ist. Die Okklusion ist als ätiologischer Faktor für die Entstehung des Bruxismus deutlich in den Hintergrund getreten.

Uns ist klargeworden, dass auch die beste Rehabilitation einen Bruxismus nicht heilt. Eine Leitlinie zur Diagnostik und Behandlung des Bruxismus ist auf den Weg gebracht und wir 2019 fertig sein. Daher wird sich die Jahrestagung 2019 intensiv dem Bruxismus widmen. Dieses Jahr haben wir jedoch auch schon Beiträge in die Jahrestagung aufgenommen, die diagnostische und therapeutische Ansätze vorstellen.

Die 51. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Funktionsdiagnostik und -therapie (DGFDT) unter dem Motto „Neue Horizonte“ findet vom 15. bis 17. November 2018 in Bad Homburg vor der Höhe im Hotel Maritim statt. Das ausführliche Programm, die Anmeldung und alle weiteren Informationen gibt es auf der Internetseite der DGFDT.

Herr Dr. Imhoff, Patienten mit Hypersensibilitäten stellen die Praktiker oft vor große Herausforderungen. Jetzt ist eine neue wissenschaftliche Mitteilung zur okklusalen Hypersensibilität angekündigt. Welche neuen Erkenntnisse und praktischen Empfehlungen sind darin enthalten?

Dr. Bruno Imhoff: Unsere Arbeitsgruppe hat die verfügbare Literatur gesichtet und die Leitlinie zur Okklusalen Dysästhesie, kurz OD, mit größtmöglichem Praxisbezug verfasst. Insbesondere die im Alltag wichtige Unterscheidung, ob die vom Patienten beklagten Okklusionsstörungen Ausdruck einer Fehlwahrnehmung sind, oder eine echte Störung vorliegt, ist für die Therapieentscheidung von großer Bedeutung. Mit der Leitlinie geben wir den Praktikern einen roten Faden an die Hand, wie sie in Zukunft das Krankheitsbild OD erkennen und welche zahnärztlichen Maßnahmen einzuleiten beziehungsweise zu vermeiden sind.

Dr. Imhoff, Sie haben in Ihrem Editorial in der aktuellen Ausgabe der CMF 3/2018 über Ihre eigenen Erfahrungen als Praktiker mit der wissenschaftlichen Arbeit berichtet und Ihre Kollegen aufgefordert, stärker mit Fallberichten etc. wissenschaftlich tätig zu werden. Warum ist das so wichtig?

Imhoff: In allen medizinischen Disziplinen sind „big data“ ein großes Thema. Man erhofft sich daraus viele neue Erkenntnisse zu Ursachen, Diagnostik und erfolgreicher Therapie. In den Praxen liegt ein Datenschatz verborgen, leider unbeachtet. Um diesen heben zu können, ist eine saubere Datenerfassung notwendig. Je mehr Kollegen einzelne Fälle oder Fallserien dokumentieren und publizieren, desto eher können Muster in Behandlungsverläufen erkannt werden. Insbesondere über CMD-Patienten wird nur selten publiziert. Hier können wir noch viel voneinander lernen.

Auf welche Vorträge oder Themen freuen Sie sich in diesem Jahr besonders?

Imhoff: Mein besonderes Interesse gilt der Expertengruppe aus der freien Praxis, die ihre Erfahrungen in Bezug auf die Anwendung elektronischer Registrierverfahren vorstellt. Verschiedene Systeme werden hier von Praktikern präsentiert, also nicht von der Industrie!

Spannend wird die von Prof. Dr. Alfons Hugger moderierte Diskussion hierzu. Im Zuge der zunehmenden Digitalisierung in der Zahnheilkunde gilt es, Daten praxisgerecht zu erheben und zielführend zu interpretieren.

Prof. Dr. Ingrid Peroz (Foto: Charité)

Prof. Dr. Ingrid Peroz studierte von 1979 bis 1985 Zahnmedizin an der Freien Universität Berlin. Von 1985 bis 1994 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Zahnärztlichen Prothetik der Freien Universität Berlin, im Anschluss bis 2004 wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Zahnärztlichen Prothetik und Alterszahnmedizin der Humboldt-Universität zu Berlin (ab 2000 als Oberärztin) und seit 2004 wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Zahnärztlichen Prothetik Alterszahnmedizin und Funktionslehre der Charité – Universitätsmedizin Berlin. 2004 erfolgte die Habilitation. Von 2010 bis 2015 übernahm sie die kommissarische Leitung der Abteilung für Zahnärztliche Prothetik, Alterszahnmedizin und Funktionslehre. Seit 2017 hält sie eine außerplanmäßige Professur.

Ihre Forschungsschwerpunkte sind Funktionsdiagnostik und -therapie, CMD und Tinnitus, CMD und Psychosomatik, Totalprothetik und Alterszahnmedizin. Peroz ist Spezialistin für Prothetik der DGPro und Spezialistin für Funktionsdiagnostik und -therapie der Deutschen Gesellschaft für Funktionsdiagnostik und -therapie (DGFDT), deren Präsidentin sie seit 2013 ist.

 

Dr. Bruno Imhoff, Köln (Foto: DGFDT)

Dr. Bruno Imhoff studierte von 1986 bis 1992 Zahnmedizin an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz und ließ sich 1996 als Zahnarzt in Köln nieder. Im Jahr 2000 wurden die Tätigkeitsschwerpunkte Ästhetik, Parodontologie und Funktionslehre anerkannt, seit 2009 ist er als Referent und Autor zum Thema Funktionslehre aktiv. Er schloss 2009 das APW Curriculum „CMF und orofazialer Schmerz DGFDT“ und wurde ein Jahr zum „Spezialisten für Funktionsdiagnostik und -therapie (DGFDT)“ ernannt. Weitere Fortbildungen, unter anderem zum Thema Zahnärztliche Schlafmedizin (APW), folgten. Seit 2016 ist Imhoff „full member“ der European Academy of craniomandibular disorders (EACD), seit 2017  „fortgebildeter Gutachter“ der DGPro

Seit 2012 arbeitet er im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Funktionsdiagnostik und -therapie (DGFDT) mit, unter anderem arbeitete er an der Wissenschaftlichen Mitteilung „Bruxismus“ (2013) mit und koordinierte die Wissenschaftliche Mitteilung „Zur Therapie der CMD“ 2015. Imhoff ist verantwortlich für die Initiierung und Koordination der S1-Leitlinie „okklusale Dysästhesie“, die 2018 fertiggestellt wurde.

Titelbild: Immer gut besucht – die Jahrestagungen der DGFDT in Bad Homburg (Foto: DGFDT)