Der Mensch ist der Wirt eines mikrobiellen Organismus. Die Relevanz für die (Zahnarzt)praxis aus diesem Umstand arbeitete Prof. Diana Wolff (Tübingen) in ihrem sehr gut besuchten Beitrag auf dem Deutschen Zahnärztetag am Freitag, 9. November, heraus. Während früher die komplette Entfernung des Biofilms in der Mundhöhle als Maß für die erfolgreiche Behandlung galt, zielen moderne Ansätze auf eine gesunde Vielfalt der Mundflora. Bei der Populationsbestimmung der beteiligten Bakterienarten wurden größere Unterschiede der Zusammensetzung an verschiedenen Regionen auf einer Person festgestellt als an gleichen Regionen zwischen verschiedenen Personen.

Was ist sauber – und ab wann ist es dreckig?

Neuartige molekularbiologische Methoden haben sich in den vergangenen Jahren rasant entwickelt. Mittlerweile können Proben aus der Mundhöhle aufs Genaueste untersucht und die darin enthaltenen Bakterien genetisch bestimmt werden. Für die Forschung eröffnen sich dadurch ungeahnte Einblicke in die Vielfalt und Komplexität in oralen Biofilmen.

Prof. Diana Wolff von der Universität Tübingen sprach über den oralen Biofilm und das Mikrobiom.

Traditionelle Lehrmeinungen, wie beispielsweise, dass Mutans-Streptokokken die „Kariesbösewichte“ sind und zwangsläufig zu Löchern im Zahn führen, wurden mittlerweile berichtigt und mit neuen Erkenntnissen ergänzt. Optisch saubere, gesunde Zähne sind dennoch von einem Speichelfilm und Mikroorganismen bedeckt, so dass man neu definieren muss: was heißt eigentlich sauber – und ab wann ist es dreckig? Wobei es weniger um antibakterielle Reinheit als um gesunde Verhältnisse des gesamten Mikrobioms geht. Krankheitsfall heißt hier Dysbiose: Es können unter bestimmten Bedingungen opportune Bakterien dominant werden und so beginnen, dass gesunde mikrobielle System zu kippen. Auch andere schädliche Entwicklungen sind bekannt. So wurde beispielsweise gesehen, dass parodontalpathogene Biofilme in angrenzenden Geweben zur Unterdrückung von Tumor-Suppressor-Genen führen können und damit die Anfälligkeit für maligne Proliferation, das heißt Krebsentwicklungen, erhöhen.

Vielfalt erwünscht

In unseren Praxisalltag haben die neuartigen Methoden und Erkenntnisse bislang allerdings nur bedingt oder noch gar keinen Einzug gehalten. Aktuelle Therapieansätze sind bisher alle eher invasiv und unspezifischt, so Wolff. Der Ausgleich der Dysbiose des Biofilms steht dabei häufig nicht genug im Fokus. Allerdings ist es auch schwierig bis unmöglich, selektiv nur pathogene Bakterien zu bekämpfen. Gegen Karies impfen klingt gut – allerdings ist man in Deutschland schon beim Impfen gegen lebensgefährliche Erkrankungen sehr kritisch eingestellt. Die Beeinflussung der Mundflora über Probiotika oder Ernährung ist da schon vielversprechender. Eine gesunde Ernährung fördert auch eine gesunde Mundflora mit hoher Populationsdiversität. Und je vielfältiger die bakterielle Struktur, umso stabiler das gesunde Gleichgewicht.

Wolffs Fazit: „Der orale Biofilm ist kein Feind, sondern ein Freund – wir müssen ihn zur Allianz zwingen.“ Als zukünftige Therapieoptionen machen ihrer Ansicht nach am ehesten eine individuell angepasste beziehungsweise personalisierte Therapien Sinn, die neben den notwendigen invasiven Maßnahmen immer eine (Re-)-Etablierung eines vielfältigen und gesundheitsassoziierten oralen Biofilms berücksichtigen, „zum Beispiel über restaurativ/antiinfektiöse Ansätze, welche mit Regeneration der Biofilm-Homöostase (zum Beispiel über Probiotika) und spezifischer Steuerung der oralen Ökologie (zum Beispiel über Ernährung) einhergehen.KN

Bilder: Michelle Spillner/Deutscher Zahnärztetag