Bruxismus frühzeitig zu diagnostizieren ist für Zahnärzte wichtig, um Einfluss auf die Entstehung nicht kariöser Zahnhartsubstanzverluste nehmen zu können und ein erhöhtes Risiko für Schäden an Restaurationen zu antizipieren. Ein neues diagnostisches Verfahren, um Bruxismus frühzeitig zu erkennen, ist der Bruxismus-Screening-Index (BSI). Vorteilhaft ist dabei die digitale Erfassung in der Praxis.

Ein großer Dentalhersteller beschränkt zum Beispiel den Einsatz seiner Lithiumdisilikatkeramik auf Patienten ohne Bruxismus. Dies erfordert im Grunde vorab den Ausschluss von Bruxismus. Zahnärzte benötigen daher ein diagnostisches Verfahren zur frühzeitigen Erkennung von Bruxismus. Hierfür hat eine multizentrische Arbeitsgruppe der Deutschen Gesellschaft für Funktionsdiagnostik und -therapie (DGFDT) den neuen Bruxismus-Screening-Index (BSI) entwickelt und in einem früheren Beitrag auf Quintessence News vorgestellt. Der nachfolgende Beitrag schildert hierzu die Umsetzung der Befunderfassung und -auswertung in der digitalen Praxis.

Der neue Bruxismus-Screening-Index (BSI)

Der neue Bruxismus-Screening-Index (BSI) der DGFDT ermöglicht Zahnärzten eine Einschätzung der Wahrscheinlichkeit des Vorliegens von Bruxismus. In der neuen AWMF-Leitlinie (S3) „Diagnostik und Behandlung von Bruxismus“ (AWMF-Registernummer 083-027) werden hierzu drei Wahrscheinlichkeitsniveaus unterschieden:

  • möglicher Bruxismus
  • wahrscheinlicher Bruxismus
  • sicherer Bruxismus.

Sicherer Bruxismus ist nach der Leitlinie nur mit einem Aufenthalt im Schlaflabor über mehrere Nächte nachweisbar. Dieser hohe Aufwand sollte nach der Leitlinie aber allein wissenschaftlichen Studien vorbehalten bleiben. In der Zahnarztpraxis reicht es demnach, Patienten mit möglichem oder wahrscheinlichem Bruxismus zu erfassen. Hierfür hat die Arbeitsgruppe der DGFDT (Autoren Lange/Ahlers/Mentler/Ottl/Peroz/Wolowski) aufgrund vorliegender Studien den Bruxismus-Screening-Index (BSI) entwickelt.

Selbstauskünften von Patienten oder deren Angehörigen hinsichtlich von Pressen und/oder Zähneklappern werden darin als Hinweise gewertet, dass möglicher Bruxismus vorliegt. Diese Bewertung kann aber falsch negativ sein, speziell bei Patienten, die allein schlafen.

Wahrscheinlicher Bruxismus setzt voraus, dass mindestens eine der anderen Anamnesen im Bruxismus-Screening-Index oder einer der Befunde vorliegt. Unsicherheiten ergeben sich dadurch, dass korrespondierende Schlifffacetten auch nach dem Abklingen von Bruxismus verbleiben und mithin eine falsch positive Bewertung nach sich ziehen können. Umso wichtiger ist es, den gesamten Bruxismus-Screening-Index (BSI) zu erfassen und als Index auszuwerten. Dafür sind zunächst vier Anamnesen zu erfassen:
• Selbstauskunft der Patienten oder Bericht ihrer Angehörigen über Knirschen oder Klappern mit den Zähnen
• Hinweise zu Beschwerden der Kaumuskulatur wie Missempfindungen, Schmerzen, Ermüdungen/vorübergehende Steifigkeit
• Vorübergehende Schläfenkopfschmerzen
• Empfindliche Zähne

Es folgt die Erhebung folgender Befunde:
• Masseterhypertrophie
• Kongruente Schliffacetten in exzentrischer Okklusion
• Zungen- und Wangenimpressionen von Zähnen

Zur Auswertung sind im BSI allen Anamnesen und befunden Punktwerte zugeordnet. Praktisch erfolgt deren Auswertung durch die Bestimmung des höchsten Punktwertes aus den vier Anamnesen und den drei Befunden. Ein Punktwert von 1 signalisiert den möglichen Bruxismus, ein Punktwert von 2 oder mehr signalisiert einen wahrscheinlichen Bruxismus.

Auswertung des BSI in der Praxissoftware

Abb. 1: Auszug aus Anwenderrundschrieben von Dampsoft mit Hinweis auf die Implementierung der BSI in der Praxisverwaltungssoftware DS-Win PLUS. (Screenshot: Dampsoft Update-Text)

Der BSI ist als Screening-Test eine Untersuchung der Basisdiagnostik; da muss der Aufwand im Rahmen bleiben und dies gelingt nur bei effizienter Auswertung und Dokumentation. Da die Zahnarztpraxen mittlerweile durchweg digitalisiert sind bietet sich die digitale Befunderhebung an. Das kann mit dem Befundbogen Bruxismus-Screening-Index (BSI) der DGFDT erfolgen, dessen Download als PDF-Datei allen Zahnarztpraxen offensteht. Effektiver ist es, die Befunde in der Praxisverwaltungssoftware zu erfassen, zumal Anbieter von Praxisverwaltungssoftware den BSI in Ihre Systeme übernehmen dürfen. Dampsoft hat daraufhin den BSI mit dem DS-Win Generalupdate 2/2020 eingebunden (Abb. 1) und aktualisiert die enthaltene Fassung zeitnah zur Veröffentlichung dieses Artikels.

Auch in die funktionsdiagnostische Erweiterung der Praxisverwaltungssoftware CMDfact (dentaConcept, Hamburg) ist der BSI eingebunden. CMDfact enthält dafür ein Erweiterungsmodul CMDbrux, für die Befunde zum Bruxismus sowie die Erfassung von Zahnverschleiß als Bruxismusfolge. Im Abschnitt Bruxismus werden die Anamnesen und Befunde des BSI wie von der DGFDT vorgegeben erfasst und der BSI-Wert ermittelt. Zudem besteht die Möglichkeit, auf der gleichen Seite entsprechend den Vorgaben der Bruxismusleitlinie die erfolgte Aufklärung über das Ergebnis des BSI und die weiteren Schritte festzulegen und mit einem Mausklick zu dokumentieren (Abb. 2). Die Speicherung erfolgt automatisch.

CMDbrux druckt den BSI zudem wahlweise im Originallayout des DGFDT-Befundbogens oder mit den oben genannten Zusatzangaben im dentaConcept-Layout (Abb. 3) auf Papier oder als PDF; dabei wird automatisch ein passender Dateiname generiert. Alternativ besteht die Option, die Befunde mitsamt der Auswertung als Text zu exportieren und über die Windows-Zwischenablage beziehungsweise das Mac-Clipboard mit einem Klick in die elektronische Patientenkartei zu einzufügen (Abb. 4).

Konsequenzen für restaurative Behandlungen

Die Konsequenzen aus dem Ergebnis des BSI sind bereits an anderer Stelle beschrieben: Zahnärzte und Zahnärztinnen haben so die Chance, möglichen oder wahrscheinlichen Bruxismus früher zu erkennen. Dies ist umso wichtiger, als ca. 50 Prozent der Patienten mit Bruxismus keine Zeichen einer CMD entwickeln, aber dennoch Bruxismus-bedingte Schäden erleiden können. Besonders zählen zum einen nicht kariöse Schäden an den Zahnhartsubstanzen, zudem typische Schäden an Composite- oder Keramikrestaurationen, aber auch der Verlust von Implantaten und Störungen in der Regeneration nach Parodontalbehandlungen.

Für Zahnärzte und Zahnärztinnen ist es daher wichtig, Bruxismus schon vorher zu erkennen und zunächst die betroffenen Patienten zu informieren. Anschließend können Sie bei der Planung Ihrer Behandlungen das erhöhte Manifestationsrisiko für die oben genannten Schäden einbeziehen. Im nächsten Schritt können dann Schritte zur Reduktion der Intensität des Bruxismus erfolgen. Hierzu zählen eine Anleitung zur Selbstbeobachtung, die Behandlung mittels mit Okklusionsschienen und anderen Aufbißbehelfe und eine Medikamentenanamnese mit dem Ziel, bei der Einnahme von Medikamenten mit muskelaktivierenden Wirkstoffen auf Alternativen auszuweichen. Das Gleiche für nicht medizinische Genussmittel[1]. Zudem können Zahnärzte bei Patienten mit Bruxismus gezielt nach typischen Bruxismus-Folgen suchen, darunter nach verstärktem Zahnverschleiß, ebenfalls mit dem Ziel hier einer destruktiven Fortsetzung Einhalt zu gebieten.

PD Dr. Oliver M. Ahlers, Hamburg

PD Dr. Oliver Ahlers, Hamburg, studierte von1982 bis 1988 Zahnmedizin in Hamburg und schloss das Studium mit Staatsexamen und Approbation ab. Ab 1989 war er Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Poliklinik für Zahnerhaltung am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKA), später Oberarzt und stellvertretender Direktor der Poliklinik, 1992 erfolge die Promotion. Seine Arbeitsgebiete sind die Zahnärztliche Funktionsdiagnostik und -therapie sowie funktionelle und ästhetische Restaurationen.
Seit 1992 leitet Ahlers den Arbeitskreis CMD und chronische Schmerzen der Zahnärztekammer Hamburg, im selben Jahr übernahm er auch die Leitung der Dysfunktions-Sprechstunde der ZMK-Klinik (zusammen mit Dr. Jakstat). Seit 2001 ist er Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Funktionsdiagnostik und –therapie (DGFDT).
Nach seiner Habilitation im Jahr 2004 gründete er 2005 das CMD-Centrum Hamburg-Eppendorf, dessen ärztliche Leitung er innehat und das 2010 als erste postgraduierte Ausbildungsstätte für „Spezialisten für Funktionsdiagnostik und -therapie (DGFDT)“ zertifiziert wurde. 2005 wurde er zum Spezialisten für Funktionsdiagnostik und -therapie der DGFDT ernannt, seit 2008 ist er Mitglied der Redaktion des zweisprachigen „Journals of CranioMandibular Function (CMF)“. Seit 2016 ist Ahlers auch Vorsitzender des Fortbildungausschusses der Zahnärztekammer Hamburg.
Ahlers ist vielfach mit wissenschaftlichen Preisen ausgezeichnet, so mit Tagungsbestpreisen der DGFDT in den Jahren 1996, 2001, 2008, 2009, 2011, 2016 und 2018 sowie mit dem Alex-Motsch-Preis der DGFDT für die beste wissenschaftliche Publikation des Jahres im Journal for Craniomandibular Function (CMF) in den Jahren 2015, 2016, 2017, 2018 und 2019. Von ihm liegen zahlreiche Zeitschriftenpublikationen und mehrere Lehrbücher vor. Er ist zudem in der Entwicklung von Software für die zahnärztliche Funktionsanalyse sowie zahlreicher Medizinprodukte aktiv.
(Foto: Reetz)

Literatur

[1] Deutsche Gesellschaft für Funktionsdiagnostik und -therapie (DGFDT) Peroz I et al. S3-Leitlinie Diagnostik und Behandlung von Bruxismus, AWMF-Registernummer 083-027. Düsseldorf: AWMF Arbeitsgemeinschaft medizinisch wissenschaftlicher Fachgesellschaften; 2019.

Titelbild: Anzeichen von Bruxismusfolgen am Zahnhartgewebe. (Foto: Ahlers)