In vielen Ländern Afrikas leistet das Hilfswerk Deutscher Zahnärzte (HDZ) Hilfe zur Selbsthilfe. Vor allem Schulen sind wichtige Projekte und Ankerzentren weit über die Schulbildung hinaus – hier finden Kinder Sicherheit, bekommen zu essen, finden Gesundheitsaufklärung und Versorgung für Kinder und Familien statt. All das ist nun durch die Corona-Pandemie oft nicht mehr oder nur eingeschränkt möglich, Hilfe wird dringend gebraucht.

Kurz vor Pfingsten (Ende Mai 2020) erreichte das HDZ ein Brief von Father Boniface Amu aus Nsukka in Nigeria. Er arbeitet an der Enyiduru-Primary-School, die vor zehn Jahren vom HDZ gegründet wurde und seitdem unterstützt wird. Die Schule wurde geschlossen und die Mitarbeiter versuchen so gut es geht, den Menschen zu helfen. Was die Corona-Pandemie für ein Land wie Nigeria bedeutet und wie wichtig diese Schulen sind, beschreibt er anschaulich.

Erfahrungsbericht aus Nigeria

„Seit meiner Rückkehr nach Nigeria im Januar dieses Jahres ist unsere Enyiduru-Schule in Nsukka mein Zuhause und aufgrund der aktuellen Corona-Lage gleichzeitig mein Quarantänezentrum. Auch bei uns sind Schulen, Universitäten und Kirchen seit Mitte März geschlossen, formell ebenso Büros und Märkte. Es wird vor größeren Menschenansammlungen gewarnt. An Händewaschen, Abstand und Mundschutz wird über das Handy von der Gesundheitsbehörde ständig erinnert. Über Handy warnt die nigerianische Gesundheitsbehörde vor einer explosionsartigen Ausbreitung von Covid-19, wenn die notwendigen Maßnahmen nicht eingehalten werden.

Doch wer unser Land kennt, weiß, dass das Einhalten dieser Maßnahmen illusorisch ist. Nach wie vor bewegen sich Menschenmassen auf den Straßen, in den Geschäften und Märkten. Die Menschen sind es ja gewohnt in großen Familien und Gruppen auf engstem Raum zusammenzuleben.

Unsere Schulkinder leben fast alle in Ein- oder Zweiraum-Hütten gemeinsam mit wenigstens zehn Familienangehörigen. Und oft wohnen noch ein paar Hühner mit im Raum. Keine dieser Familien hat fließendes Wasser oder eine Toilette. An regelmäßiges Händewaschen ist nicht zu denken. Es ist ja noch nicht einmal genügend Wasser zum Trinken da. Und regelmäßig erscheint im Handy die Nachricht: „… as you go out, wear a face mask, wash your hands with soap and water, stay at least 2 meters away from another person. Take responsibility …“. Ich selbst trage den Mundschutz – als einer der Wenigen.

Viele Eltern unserer Schulkinder haben mich während dieser Sperrung um finanzielle Hilfe gebeten. In der Schule gab es ja sauberes Trinkwasser, Essen und einer unserer Schwerpunkte war die tägliche Hygiene. Das alles fällt jetzt weg. Die meisten Eltern fragen, ob unsere Schule – wie gewohnt – für die Kinder kochen kann, sie fragen, ob die Kinder während dieser Zeit nur zum Essen in die Schule kommen dürfen.

Es stimmt, die Kinder würden in der Schule wohl alle gesünder und geschützter leben. Wir haben darüber nachgedacht, doch das Öffnen der Schule ist verboten. Und Gewalt wäre die Folge.

Für die Armen ist diese Krankheit eine wirkliche Katastrophe, es gibt in dieser Lebenssituation für sie fast keine Möglichkeit, sich davor zu schützen. Und Armut und Hunger werden größer. Die Menschen haben wenig oder nicht ausreichende Informationen, nur diese Nachrichten, wie ich sie oben genannt habe. Und so werden der Krankheit durch Unkenntnis, Sturheit und Ignoranz Tür und Tor geöffnet. Es heißt, bis jetzt sind in Nigeria 167 Menschen an Covid-19 gestorben. Das erschreckt nicht so sehr und macht die Gefährlichkeit der Krankheit nicht deutlich, da ohnehin aus anderen Gründen in der Regel mehr Menschen sterben.

Wir hören immer wieder die Nachricht, dass infizierte Covid-19-Patienten aus Krankenhaus oder Quarantäne geflüchtet sind mit dem Argument: „Es ist besser an Covid-19 zu sterben, als in einem sogenannten unmenschlichen Quarantänezentrum an Hunger zu sterben.“

So ist das eigentlich tödliche Virus, das die Menschen kennen und sich davor fürchten, Armut und Hunger. Viele Bedienstete haben seit Anfang des Jahres keine Gehälter bekommen und alles wird teurer. Die nigerianische Wirtschaft war bereits vor Covid-19 in Trümmern und die Armutsgrenze schockierend und alarmierend.

Das Geld, das für ein Palliativ der Verwundbaren gewesen wäre, wird gesammelt und unter den Mächtigen aufgeteilt. Das Geld, das wie Gott verehrt wird, Habsucht und die grenzenlose Anhäufung von Reichtum sind die andere Seite unseres Landes. In dieser aktuellen Situation nehmen Korruption, Lüge, Kriminalität, Arbeitslosigkeit, Armut und Hunger dramatisch zu.

Die Schule kann in der Corona-Krise dank der Hilfsgelder aus Deutschland Lebensmitel an die Familien der Kinder verteilen. (Foto: Father Boniface)

Die christlichen Kirchen in Nigeria versuchen, in Nächstenliebe da zu sein und in unterschiedlicher Weise die Hoffnung der Menschen zu stärken, dass sie nicht verlassen sind. Wir nehmen an einem lokalen und universellen täglichen Gebet für die Menschheit teil, um Zuflucht bei Gott, dem Schöpfer zu suchen, während wir in dieser schweren Pandemie leben. Wir beten, dass unsere Welt ein besserer Ort für Menschlichkeit und Geschwisterlichkeit werde, besser als es zuvor war.

Obwohl das Leben weiterhin Gründe zu Trauer und Verzweiflung liefert, erfahre ich selbst auch zutiefst, dass Gott mit mir auf dem Weg ist. Diesen Weg gehe ich nicht alleine, sondern ich fühle mich Euch, meine lieben Freunde, die Ihr mit mir geht, dankbar verbunden.“

„Ein Erfahrensraum für Vertrauen“

Was diese Schule in Nsukka für das Leben dort bedeutet, hat Birgitta Schneider, Enyiduru Projekt Nigeria, e.V., vor einem Jahr beschrieben: „Immer, wenn ich dort bin, erfahre ich zutiefst: Diese Schule ist wie ein Juwel, mitten in einer unruhigen Region, gelegen in wunderbar grüner Tropenlandschaft. […] Das Land ist unsicher geworden. Das weiß jeder: Kinder, Lehrer, Angestellte und Familien. Viele haben das schon persönlich erfahren und wissen davon zu berichten: Entführung, Gewalt, Betrug, Diebstahl. Es gibt keine wirklichen Sicherheiten. Das Einfordern von persönlichen Rechten ist fast nicht möglich. […] Nur im Kontext dieses gesellschaftlichen Verhaltens ist zu erkennen, was die Schule für Kinder und Familien bedeutet und leistet. Ein Erfahrensraum für Vertrauen, für Freude und friedfertigem Miteinander ist geschaffen, ein Raum in dem sich erfolgreich lernen lässt.

‚Bildung ist Befreiung‘ – Das Konzept der Schule erfüllt sich. Die Kinder geben ihr erlerntes Lebens-Wissen in den Familien weiter. Die Eltern vertiefen das in eigenen Workshops für sich selbst. Kinder aus verfeindeten Familien lernen und spielen gemeinsam. Das verändert Familien, das verändert ein Dorf, eine ganze Wohngegend. […] Es wird viel gesprochen über Respekt, Selbstachtung, Wertschätzung, Menschenrechte. Hier erlebe ich einen Ort, wo Gesprochenes sinnvoll ins Handeln umgesetzt wurde. Wie schön, wenn es gelingen würde, dass diese Kinder ‚befreit‘ und voll Hoffnung in ihr Leben blicken können.“

Hilfsgelder für Lebensmittel in der Not

Das HDZ hat „seiner“ Schule in der Notsituation selbstverständlich Hilfsgelder zukommen lassen. Wie Father Boniface an Dr. Klaus Winter, stellvertretender Vorsteher der Stiftung HDZ, berichtet, war die Freude über die Unterstützung groß, die 5.000 Euro seien ein großer Beitrag zur Linderung der Hungersnot der Hilfsbedürftigen, die durch die Corona-Pandemie entstanden sei. Am 21. Juni führte die Schule zum zweiten Mal eine Corona-Lebensmittel-Aktion für die 480 Familien der Schüler. Ohne das HDZ und Winter wäre es nicht möglich gewesen, die Schule so zügig zu errichten und auszustatten, dass sie ihre wichtige Arbeit leisten kann. Die Menschen in Nsukka erinnerten sich gut an Dr. Winter und die Hilfe der deutschen Zahnärzte und seien wie er selbst und alle Mitarbeiter dort sehr dankbar, dass sie in diesen Notzeiten nicht vergessen worden sind.

Mehr als nur Schulbildung

Mit den Spendengeldern und Zustiftungen zur Stiftung Hilfswerk Deutscher Zahnärzte unterstützen Zahnärztinnen und Zahnärzte aus Deutschland diese wichtige Arbeit auch in Krisenzeiten wie diesen. Diese Schulen zu erhalten und weiter zu betreiben, bedeutet sehr viel mehr als „nur“ Schulbildung in Ländern wie Nigeria. Die vom HDZ selbst oder gemeinsam mit anderen Organisationen wie den Salesianern Don Boscos in aller Welt – auch in Deutschland – geschaffenen und unterstützten Einrichtungen wirken weit über sich selbst hinaus. Die zweckgebundene Verwendung der Spendengelder und hohe Transparenz sind für das HDZ seit seiner Gründung selbstverständlich – für Hilfe, die ankommt und wirkt. (MM)

Spendenkonto

Stiftung Hilfswerk Deutscher Zahnärzte

Deutsche Apotheker- und Ärztebank

IBAN: DE28300606010004444000

BIC: DAAEDEDDXXX

Unterlagen für die Altgoldsammlung können auf der Internetseite der Stiftung angefordert werden.

Titelbild: Die Enyiduru-Primary-School in Nsukka, Nigeria, die mit Hilfe des HDZ errichtet wurde. (Foto: HDZ)