Bietet ein strukturiertes Alveolenmanagement mit Socket oder Ridge Preservation Vorteile mit Blick auf eine spätere Versorgung mit Implantaten? Und welches Vorgehen ist empfehlenswert?

In einer 2018 publizierten retrospektiven Studie wurden die Ergebnisse von mehr als 17.750 Implantationen aus insgesamt zwölf Jahren miteinander verglichen. Es zeigt sich, dass Implantationen mit vorangegangenem Alveolenmanagement eine höhere Implantatüberlebensrate (98,4 Prozent) aufweisen, als Implantate, die ohne vorausgehende Aufbaumaßnahmen beziehungsweise entsprechende vorherige Behandlungsschritte implantiert wurden (Abb. 1)[1].

Die durchschnittliche Verlustrate reduziert sich damit von 4,3 Prozent auf 1,6 Prozent (Abb. 2). Die hohen Zahlen an Behandlungsfällen aus der alltäglichen Praxis und die daraus resultierenden Langzeitergebnisse schaffen heute die Grundlage für eine hohe Therapiesicherheit und den Behandlungserfolg.

Zustand der Alveole kritisch beurteilen

Ist eine Zahnextraktion indiziert, stellt sich für den Patienten und Behandler die Frage der anstehenden Versorgung. Eine Entscheidung, bei der unterschiedliche Faktoren wie die Wahl der prothetischen Versorgung, die biologischen Grundvoraussetzungen, aber auch die zeitlichen und finanziellen Möglichkeiten berücksichtigt werden müssen.

Bezüglich der Auswahl der prothetischen Versorgung ist neben den hart- und weichgewebigen Bedingungen auch der Zustand der Alveole von entscheidender Bedeutung. Wie stellt sich der Entzündungsgrad der betroffenen Gewebe dar? Sind ausreichend Knochen und Weichgewebe vorhanden, um den Patienten eventuell mit einer Sofortimplantation zu versorgen? In welchem Zustand ist der Alveolarknochen? Ist die bukkale Lamelle ausreichend vorhanden oder gar beschädigt?

Und vor allem: Verkraftet das gewählte Therapiekonzept den durch den Verlust des Zahnes bedingten Gewebeabbau und die unausweichliche Resorption des Bündelknochens?

Kieferkamm verliert nach der Zahnextraktion an Volumen

Die Alveole beziehungsweise die den Zahn umgebenden Gewebe sind in ihrer Struktur direkt abhängig von den physiologischen Belastungen, die durch den Zahn und seinen Halteapparat auf sie ausgeübt werden. Unabhängig davon, mit welchem Therapiekonzept die Extraktionsalveole versorgt wird, wird es unweigerlich zur Geweberesorption durch die fehlenden physiologischen Prozesse kommen. Ein Vorgang, der in seiner kompletten Umfänglichkeit weder durch eine sofortige Implantation, noch durch eine entsprechende Augmentation oder einer Kombination beider Behandlungen verhindert werden kann.

So besteht sogar die Gefahr, dass der Erfolg einer Implantation durch den Geweberückgang gefährdet wird. Studien haben nachgewiesen, dass in den ersten sechs Monaten nach einer Zahnextraktion etwa 50 Prozent des umgebenen Hart- und Weichgewebevolumens verloren gehen kann. Innerhalb der ersten drei Monate können bereits bis zu 60 Prozent der Alveolarkammbreite resorbieren [2,3,4]. Verformungen des Kieferkamms oder andere Komplikationen, wie Spaltbildung unter einem Brückenglied durch Kieferkammresorption, können die Folge sein.

Ohne den stützenden Knochen kollabiert das bukkale beziehungsweise labiale Weichgewebe in der Alveole und bildet sich langfristig zurück. Weder kann die Knochenneubildung in der Alveole den Volumenverlust vollständig kompensieren[5], noch kann allein ein Kollagenschwamm oder -plug das Volumen erhalten[6,7].

Besonders gravierend ist der Verlust, wenn die Knochenwand, wie im Frontzahnbereich, sehr dünn ist (Wanddicke < 1 mm)[8,9], und die fast ausschließlich aus Bündelknochen bestehende bukkale Knochenwand komplett resorbiert[10].

Als Spezialist für das Thema Geweberegeneration begleitet Geistlich Biomaterials mit seiner Expertise seit 2010 den Deutschen Zahnärztetag als Premium Partner. Im Netzwerk der Kompetenzen vertritt das Unternehmen den  Kompetenzbereich „Regeneratives Gewebemanagement“. Auf dem Wissenschaftlichen Kongress des Deutschen Zahnärztetags 2019 am 8. und 9. November 2019 in Frankfurt (Main) stehen die Experten des Unternehmens den Teilnehmern für Fragen und Informationen zur Verfügung. Ein Porträt des Unternehmens lesen Sie hier: „Regenerative Medizin für mehr Lebensqualität“.

Behandlungskonzepte zur Vorbeugung des Volumenverlustes

Durch Alveolenmanagement, einer dem Zustand der Extraktionsalveole entsprechendem Augmentationsverfahren, können die Auswirkungen der Geweberesorption größtenteils kompensiert werden. Mit Hilfe der Verwendung eines langsam resorbierenden Knochenersatzmaterials (wie Geistlich Bio-Oss/Geistlich Bio-Oss Collagen) und Materialien zur Weichgeweberegeneration (wie Geistlich Mucograft Seal), kann mit gezieltem Knochenaufbau und der Stabilisierung des Weichgewebes, das Kieferkammvolumen weitestgehend erhalten werden. Langfristig kann dies als Grundlage für einen funktionellen und ästhetisch hochwertigen implantatgetragenen Zahnersatz oder einer Brücke dienen. Der Zustand der Alveole bedingt zwei Vorgehensweisen bei der Durchführung des Alveolenmanagements.

Socket und Ridge Preservation

Die geeigneten Verfahren Socket und Ridge Preservation verfolgen das primäre Ziel, den Alveolarkamm durch eine knöcherne Ausheilung zu erhalten. Unterschieden werden die Behandlungsverfahren hinsichtlich der Beschädigung der knöchernen Alveolenwand. Ist bei der Socket Preservation die bukkale Knochenwand intakt, ist sie bei der Ridge Preseravation beschädigt. In 85 Prozent ist zweiteres der Fall.[11]

Die Vorgehensweise bei beiden Konzepten unterscheidet sich anfangs nicht: Der Zahn wird extrahiert und die Alveole sorgfältig kürettiert und gespült, um vorhandenes Granulationsgewebe zu entfernen, die Alveole zu reinigen und weitere Entzündungen zu verhindern. Bei der Socket Preservation wird daraufhin ein langsam resorbierendes, osteokonduktives Knochenersatzmaterial wie Geistlich Bio-Oss Granulat oder Bio-Oss Collagen bis auf die Höhe des krestalen Knochenniveaus in die Alveole eingebracht. Für den Gewinn an zusätzlichem Weichgewebe kann die Alveole mit Geistlich Mucograft Seal verschlossen werden. Sie dient als Leitschiene für das Einwachsen von Weichgewebezellen und stellt eine Alternative zum freien Schleimhauttransplantat (FST) dar.

Vorgehen bei Socket und Ridge Preservation (Grafik: Geistlich)

Einsprießen von Weichgewebe verhindern

Ist nach der Zahnextraktion ein Knochenwanddefekt vorhanden, muss verhindert werden, dass Weichgewebe in die Alveole einwächst und die Knochenneubildung negativ beeinträchtigt. Zu diesem Zweck wird eine Membran wie Geistlich Bio-Gide oder Bio-Gide Shape (vorgeformte Membran) in der Alveole platziert und so die durch den Knochendefekt entstandene Verbindung zwischen Weichgewebe und der Alveole wieder verschlossen. Anschließend wird das Knochenersatzmaterial entsprechend der Vorgehensweise bei der Socket Preservation in die Alveole eingebracht. Die eingesetzte Membran wird über die gefüllte Alveole geklappt und mit einer spannungsfreien Naht fixiert. Der spannungsfreie Nahtverschluss ist wichtig, um eine Knochenresorption durch Druck auf das Weichgewebe der Alveole zu vermeiden.

Mehr Flexibilität in der Therapie erhalten

Auch für den Behandler und Patienten bedeutet die Methode des Alveolenmanagements mehr Flexibilität in der Therapie, da die Spätimplantation oder Brückenversorgung zu jedem beliebigen Zeitpunkt nach knöcherner Einheilung möglich ist. Zudem ist die Anwendung einfach, wenig invasiv und für den Patienten mit wenig Schmerzen verbunden.

(Alle im Text genannten Produkte sind eingetragene Warenzeichen der Geistlich Pharma AG.)

Literatur

[1] vgl. Jörg-Ulf Wiegner: „Implantatüberlebensrate mit und ohne Augmentationsmaßnahmen nach Extraktion“, pip – Praktische Implantologie und Implantatprothetik, 5/2018, S.20-25

[2] Schropp L, et al. Int J Periodontics Restorative Dent. 2003 Aug;23(4):313-23.

[3] Van der Weijden F, et al. J Clin Periodontol. 2009 Dec;36(12):1048-58.

[4] Sanz M, et al. Clin Oral Implants Res. 2010 Jan;21(1):13-21.

[5] Wang RE & Lang NP Clin Oral Implants Res. 2012 Oct;23 Suppl 6:147-56.

[6] Cardaropoli D, et al. Int J Periodontics Restorative Dent. 2012 Aug;32(4):421-30.

[7] Cardaropoli D, et al. Int J Periodontics Restorative Dent. 2014 Mar–Apr;34(2):211-7.

[8] Hämmerle CH, et al. Clin Oral Implants Res. 2012 Feb;23 Suppl 5:80-2.

[9] Jung RE, et al. J Clin Periodontol. 2013 Jan;40(1):90-8.

[10] Vignoletti F, et al. Clin Oral Implants Res. 2012 Feb;23 Suppl 5:22-38.

[11] Vignoletti F, et al. Clin Oral Implants Res. 2012 Oct; 32 Suppl 5:22-38.

Titelbild: Geistlich