Die Berliner Zahnarztpraxis KU64 hat eine außergewöhnliche Mitarbeiterin: Doc Peppi, eine kleine Mischlingshündin. Sie arbeitet als Therapiehündin und als eine der ersten ihrer Zunft in einer Zahnarztpraxis. Ihre Besitzerin, Zahnärztin Dr. Birte Habedank, ist Kinder- und Jugendzahnärztin mit Weiterbildung in Psychotraumatologie und traumaorientierter Therapie von Kindern. Die Zahnärztin und Hundebesitzerin stand uns für ein paar Fragen zur Verfügung.

Frau Dr. Habedank, wie entstand die Idee eines tierischen Mitarbeiters in der Zahnarztpraxis?

Dr. Birte Habedank: Ich habe meinen ersten älteren Hund oft zu meiner an Demenz erkrankten Großmutter in das Altenpflegeheim mitgenommen und dort bereits positive Effekte auf die Menschen dort bemerkt. Innerhalb meiner Weiterbildung in Traumapsychologie kam ich auf das Thema hundegestützte Psychotherapie und die Effekte bei an postttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) erkrankten Soldaten. So entstand meine Idee , dies auch in meine Arbeit zu integrieren. Ich adoptierte 2015 eine weitere Hündin aus Spanien. Peppi zeigt mir recht schnell, dass sie es liebt, mit Menschen in Kontakt zu treten und Aufgaben zu erfüllen. Da begann der Weg in Richtung Therapiehund.

Gibt es außer Peppi weitere Therapiehunde in zahnärztlichen Praxen?

Habedank: Durch meine Recherchen fand ich heraus, dass in den USA und in Australien Hunde bereits seit vielen Jahren in Zahnarztpraxen eingesetzt werden. In Deutschland ist Peppi einer der ersten Therapiehunde in einer Zahnarztpraxis und der erste in einer Kinderzahnarztpraxis überhaupt!

Welche Vorgaben sind zu beachten, wenn man einen Therapiehund in der Zahnarztpraxis etablieren will?

Habedank: Unser Therapiehund ist ein Mitglied des Behandlerteams , die vorrangige zahnärztlich-therapeutische Arbeit übernehme ich. Der Hund wird vor der Ausbildung auf seine Eignung als Therapiehund geprüft. Regelmäßiges Training innerhalb der Therapiehunde-Ausbildung setzt erste Grundsteine. Als Behandler sollte ich eine gewisse Berufserfahrung und Routine aufweisen können, um mich auf zusätzliche Maßnahmen wie einen Therapiehund ausreichend konzentrieren zu können. Eine Weiterbildung in Psychologie für Menschen und Hunde ist notwendig, um die komplexen Geschehnisse und Möglichkeiten innerhalb der tiergestützten Intervention beurteilen zu können.

Wie sehen die Arbeitszeiten von Peppi aus, gibt es feste Tage und/oder feste Zeiten?

Eingespieltes Team: Dr. Birte Habedank und Therapiehündin Peppi an ihrem Arbeitsplatz

Habedank: Peppi arbeitet mit mir im Teilzeitmodell , sprich rund 20 Stunden in der Woche, jeweils drei bis fünf Stunden mit Pausen. Vorwiegend wird sie in den ruhigen Zeiten der Praxis wie abends oder am Wochenende (auch sonntags) eingesetzt. Ich achte sehr darauf , dass Pausen zur Entspannung und Rückzugsmöglichkeiten für meine tierische Assistenz gegeben sind und ich sie bei Zeichen einer Überanstrengung auch aus dem Geschehen herausnehme. Unsere gegenseitige Bindung und Entspannung setzen wir zuhause fort (schöne Spaziergänge und sogenanntes Kontaktliegen).

Welche Voraussetzungen muss ein Hund mitbringen, welche die Praxis?

Habedank: Der Hund sollte menschenbezogen, aggressionsarm, gut erzogen und führbar sein. Weiterhin ist eine gute Bindung zum Hundeführer essenziell.
Eine Ausbildung zum Therapiehund sollte erst ab dem zweiten Lebensjahr des Hundes beginnen. Die Gewöhnung an Räumlichkeiten, Gerüche und Geräusche müssen in kleinen Schritten und mit viel Lob eingeübt werden. Dabei helfen zuerst vertraute Menschen , bevor man den Schritt zu fremden Patienten geht.
In der Praxis benutze ich einen separaten Eingang und Reinigungsbereich für Peppi. Ich halte mich an ein strenges Hygieneprotokoll, das die Reinigung von Pfoten, Fell, Schnauze, Zähnen und dem Hinterteil enthält. Sie trägt eigene gereinigte Arbeitsbekleidung, benutzt einen zugeteilten Behandlungsraum und der Patient erhält ein sauberes Handtuch. Der Gesundheitszustand und Impfstatus müssen regelmäßig tierärztlich überprüft werden (gültige Tollwutimpfung). Weiterhin wird Peppi regelmäßig prophylaktisch antiparasitär behandelt. Somit geht von ihr keinerlei gesundheitliche Gefahr aus.

Welche Erfahrungen haben Sie mit der Mitarbeit von Peppi gemacht?

Habedank: Hunde können Menschen lesen! So bemerken sie nicht nur, ob jemand Angst hat, sondern auch dessen individuelle weitere Fähigkeiten und zeigen diese im Moment des Kontakts mit dem Menschen. Das hat mein Blickfeld auf die Möglichkeiten für weitere Behandlungsmaßnahmen grundlegend erweitert. Die Bindung zwischen mir und meinem Hund hat sich durch die Zusammenarbeit auch verstärkt.
Zudem orientiert sich ein Hund am Halter und wird immer wieder über Blickkontakt Rückmeldung einholen. Arbeite ich ruhig und sicher, erfährt Peppi diese Sicherheit und kann sie weitergeben in Form von Beschwichtigung bei ängstlichen Patienten (Hand lecken) oder zur Motivation bei zögerlichem Auftreten (Aufforderung zum Spiel mit dem Ball).

Sie setzen Peppi vor allem bei Kindern ein – was können Sie damit bei den kleinen Patienten erreichen?

Habedank: Dazu ist zu beachten, dass ich Peppi bei Kindern erst ab dem 6. Lebensjahr einsetze. Es gibt zwar Hunde für kleinere Kinder, die aber in der tiergestützten Pädagogik zu finden sind und anders trainiert werden. In meiner Hunde-Sprechstunde benötige ich ausreichend Motorik und verbale Kommunikation für uns als Team „Dr. Birte & Doc Peppi“. Meine Hündin fungiert beim ersten Kontakt als Eisbrecher. Kinder mit schlechten Vorerfahrungen erstarren sehr oft beim ersten Kontakt mit einem weiteren Arzt und reden dann so gut wie gar nicht. Diese Angstpatienten fangen dann bei Kontakt mit Peppi unaufgefordert an, über Tiergeschichten in ihrem Leben zu erzählen. Da knüpfe ich dann an. In weiteren Sitzungen fördert sie Vertrauen und Entspannung (Hund darf sich auf den Schoß des Kindes legen und sich kraulen lassen). Traut sich ein Kind nicht auf den Behandlungsstuhl, macht Peppi es erstmal vor und zeigt mir ihre Zähne. In vielen Studien konnte nachgewiesen werden, dass der Kontakt mit Hunden blutdrucksenkend bei Aufregung/Anspannung wirkt und dass Endorphine freigesetzt werden (Oxytocin), das wiederum zur Schmerzverringerung führt. Mein Ziel ist erreicht, wenn die Kinder eher Peppi in Erinnerung behalten als die zahnärztlichen Instrumente.

Haben Sie auch Erfahrungen in der Behandlung von Kindern mit Behinderungen (zum Beispiel Autisten) gemacht, wenn ja, welche?

Habedank: Ich selbst habe viel Erfahrung mit Menschen mit besonderen Bedürfnissen gemacht und mag diese individuellen Herausforderungen. Peppi wird in naher Zukunft auch an solche Situationen gewöhnt werden. Zum Beispiel steht demnächst das Training mit Rollstühlen an!

Mehr zum Team „Dr. Birte Habedank und Doc Peppi“ gibt es hier.

Bilder: KU64/Petros Prontis