Vor etwas mehr als zehn Jahren hatte das Board des International Team for Implantologie (ITI) die Idee, einen intensiven Erfahrungs- und Gedankenaustausch in Form von Study-Clubs zu etablieren. Bei der deutschen Sektion dieses einzigartigen globalen implantologischen Netzwerks stieß dies auf große Begeisterung – und wurde umgehend umgesetzt.

Und so konnte nach dem ältesten deutschen Study-Club Puchheim (Bayern) nun auch der Study-Club Bonn sein „zehnjährige Jubiläum“ feiern. Er tat dies in einem besonderen Rahmen. Knapp 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmer konnten die beiden Study-Club-Direktoren Prof. Dr. Werner Götz und Dr. Martin Hagner am 13. November 2019 in Bonn in einem festlich gestalteten Veranstaltungsraum begrüßen. Auch die Leitung der rührigen deutschen ITI-Sektion wollte sich dieses Jubiläum nicht entgehen lassen, und so reiste Chairman Prof. Dr. Dr. Johannes Kleinheinz in die ehemalige Bundeshauptstadt und würdigte Bonn als zweitältesten und überaus aktiven und mitgliedsstarken deutschen Study Club. Sein Dank galt dem damaligen Gründer Prof. Gerhard Wahl und dessen Nachfolgern. Ein erster Höhepunkt des Bonner Jubiläums war das Überreichen der gläsernen Skulptur „10 Jahre Study Club Bonn“.

Blick in die Geschichte – ist heute alles besser?

Der frühere Chairmen der Deutschen ITI-Sektion und emeritierte Bonner Hochschullehrer Prof. Dr. Gerhard Wahl hatte einen ganz besonderen Vortrag für „seinen“ Bonner Study-Club vorbereitet. Er verwob die „Stränge“ Geschichte der oralen Implantologie und Geschichte des ITI, eigene Beiträge zur Forschung und Entwicklung und den Vergleich „Altes-Neues“ zu einem hoch interessanten, faszinierenden und kurzweiligen Statement. Immer wieder hakte er nach: „Stellen alle Innovation der jüngsten Zeit tatsächlich Verbesserungen dar? Was sind im Grunde genommen alte Techniken, die nun im neuen Gewand präsentiert werden?“

Ausgangspunkt seiner Ausführungen war die allgemeine implantologische Geschichte: Wahl präsentierte archäologische Funde (zum Beispiel Prothesen, Bohrinstrumente, Elfenbeinzähne etc.), dann die ersten echten Implantate von Maggiolo (um 1807) und letztlich den Beginn der modernen Implantologie im Jahre 1906 – das Greenfield-Implantat mit apikalem „Körbchen“ – und später Porzellanschrauben und Hohlzylinder.

Dann der Quantensprung mit den Pionieren der heutigen Implantologie – Brånemark („Osseointegration“), Schröder („funktionelle Ankylose“) und Schulte („funktionelle Integrität“), die den „Flächenbrand“ der Implantologie auslösten.

Die Praktiker als treibende Kraft

Mit der Präsentation der ersten wissenschaftlichen Studie 1969 durch Brånemark, dem Erarbeiten erster Insertions-Protokolle (Einheilzeiten), dann 1976 dem Einführen der transgingivalen Einheilung durch Schilli und Schröder und der Beschreibung erster Überlegung zur Augmentationen ab ca. 1988 überschlugen sich ergänzende und parallele Entwicklungen in Europa und den USA. Was heute kaum mehr im Bewusstsein ist: Es gab durchaus Widerstände aus den Universitäten, vielmehr waren es Praktiker, die als Pioniere der jungen implantologischen Disziplin fungierten.

Rasanter Aufstieg mit negativen Begleiteffekten

In ihrer Bedeutung nicht zu überschätzen: Die Konsensuskonferenzen seit Anfang/Mitte der 1980-Jahre, die nicht nur zur wissenschaftlichen Anerkennung der Implantologie führten, sondern 1989 auch zur Berücksichtigung in der Gebührenordnung der Zahnärzte (GOZ). Seit Anfang 1990er-Jahre eroberte die Implantologie die Medien – nicht nur zum Vorteil: Wahl erinnerte an die zu Beginn des Jahrtausends forcierte Kampagne um das „Rennen um die Einheilzeiten“ (schon 2001: „Neue Zähne in einer Stunde“).

Basis für die evidenzbasierte Implantologie

Basis der heutigen, evidenzbasierten Implantologie war das Entwickeln des Bewusstseins für wichtige „Parameter“: Patient (systemisch, kompromittiert, medizinische Risiken), Biologie (Biodynamik des Knochens) und Implantatgeometrie, -design, -oberflächen. An dieser Stelle konnte Wahl mit Stolz auch auf eigene Forschungen in Bonn verweisen. Seit den 1980-er Jahren gab es hier eine Kooperation mit Nuklearmedizin, gefolgt von zahlreichen Hundeversuchen, knochenszintigrafischen Untersuchungen (auch human) und späteren Studien zu Biomechanik, zur kortikalen Abstützung und Knochenadaptation.

Qualitativer Quantensprung ITI

Erste wissenschaftliche Kontakte über Histologie (Knochenschliffe) im Jahr 1983 führten 1980 zur Gründung des ITI und später der Foundation. Wahl berichtete launig über die Geschichte der technischen Entwicklungskommission und frühe Treffen, wo spontan Konstruktionspläne auf „Zettel“ entstanden.

Bereits 1995 folgte der erste deutsche ITI-Kongress in Köln. Weitere Höhepunkte waren die folgenden ITI-Konsensuskonferenzen, die Geschichte der ITI-Systeme (zum Beispiel „Typ H“) und vor allem – als Meilenstein – die Einführung der SAC-Klassifikation.

Zukunft: Digitalisierung und Bioengineering

Wahl endete mit einem Ausblick auf die Zukunft der Implantologie, die „einfacher, schneller, sicherer, wissenschaftlicher, billiger“ sein wird. Um diese Ziele zu erreichen, so Wahl, werden neue Oberflächen, die Digitalisierung und „virtual reality“ und das Bioengineering („Zahnzüchtung“) beitragen. Wahl verhehlte indes nicht, dass es hierbei aber auch Probleme gibt: Zum Beispiel ganz aktuell die neue Medizinprodukteverordnung, die ungünstigerweise zur „Neuordnung“ des Implantatmarkts führen könnte.

Dr. Georg Bach, Freiburg, Communications Officer der Deutschen ITI-Sektion

Titelbild: Prof. em. Dr. Gerhard Wahl (links) und Prof. Dr. Dr. Richard Werkmeister (Foto: ITI Study Club Bonn)