Schon zur Eröffnung war der Saal gut gefüllt: Der 32. Berliner Zahnärztetag startete am Freitagmittag mit einem vollen Haus, gut gelaunten Referenten und spannenden Vorträgen zum Thema Funktionstherapie. Bereits am frühen Nachmittag war im großen Saal des Estrel Convention Centers kaum noch ein Platz frei – gut 1.200 Teilnehmer waren angemeldet.

Video-Tipp der Redaktion:
Die beiden Kongresstage fassen PD Dr. M. Oliver Ahlers und Dr. Susanne Fath sowie Dr. Marion Marschall, Chefredakteurin Quintessence News, und Christian W. Haase, Geschäftsführer Quintessence Publishing, hier im Video zusammen.

Und auch am zweiten Kongresstag bot sich das gleiche Bild: ein voller Saal bis zum Schluss. Sehr interessante Vorträge und Diskussionen begeisterten die Teilnehmer. Sie bekamen den neuesten Stand des Wissens und der Technik rund um Funktionsdiagnostik und Therapie geboten – mit praxistauglichen Tipps und Empfehlungen von der Diagnostik bis zur Rehabilitation und dem Zusammenhang mit Kieferorthopädie, Parodontologie und Implantologie.

CMD ist keine Diagnose

Prof. Dr. Ingrid Peroz schuf mit ihrem Startvortrag die Grundlagen für die zwei Kongresstage. (Foto: Quintessenz)

Schon die beiden ersten Vorträge von Prof. Dr. Ingrid Peroz  und PD. Dr. Oliver Ahlers zur Funktion und Craniomandibulären Dysfunktion (CMD) überzeugten mit Praxisnähe. “CMD ist keine Diagnose, das ist nur ein Überbegriff. Das ist so, als ob Sie einem Patienten sagen ‚Sie haben Gemüse‘. Da müssen Sie schon genauer sagen, ob das jetzt Sellerie, Möhre oder Kohl ist”, machte Peroz die Aufgabe einer sorgfältigen Funktionsdiagnostik deutlich. Und nicht jede Abweichung vom Ideal, gerade in der Okklusion, sei schon ein Indiz für eine Pathologie. Viele Faktoren spielten bei der Frage, ob etwas Funktion oder Dysfunktion sei, eine Rolle: Parafunktionen, Traumata, Körperstatik, Psyche und auch Okklusion.

Peroz stellte anhand der Klassifikationen der Deutschen Gesellschaft für Funktionsdiagnostik und Therapie (DGFDT) und der DC/TMD die Differentialdiagnostik zur CMD vor. “Diagnostik ist der Schlüssel zur erfolgreichen Therapie”, so ihr Appell.

Digitale Anwendungen sind für PD Dr. Oliver Ahlers eine große Hilfe in der Diagnostik. (Foto: Quintessenz)

Hier hakte Ahlers, wissenschaftlicher Leiter des ersten Kongresstags, mit seinem Vortrag zu CMD-Screening und klinischer Funktionsanalyse ein. Die Digitalisierung bringe für Zahnärzte gerade in der Funktionsdiagnostik große Vorteile bei der systematischen Befunderhebung, Diagnosestellung und Dokumentation. Und diese sei, wie ein aktuelles Gerichtsurteil des Oberlandesgerichts München vom 18. Januar 2017 fordert, für Zahnärzte unabdingbar.

Digitalisierung ist eine große Hilfe

Wie das funktioniert, erläuterte er anhand der von ihm und Prof. Dr. Holger Jakstat entwickelten und ständig aktualisierten Softwaretools CMDCheck und CMDfact (DentaConcept.de). Werden die Befunde dort erfasst, kann ein neuer digitaler Diagnosepilot die Diagnose schneller und zuverlässiger erstellen als ein Zahnarzt, der sich alles zusammensuchen muss. Die Software bewertet und sortiert die relevanten Befunde und visualisiert sie auch grafisch. Das alles lässt sich auch praktisch drucken und exportieren für den Patienten, Versicherungen und Co. Jakstat machte die Teilnehmer in seinem folgenden Beitrag dann fit in der manuellen Strukturanalyse, Prof. Dr. Peter Wetselaar schloss mit seinem Vortrag zum Bruxismusmonitoring dort an. Prof. Dr. Peter Rammelsberg beleuchtete kritisch den Einsatz von MRT und DVT in der Diagnostik. Ein MRT könne für einige Fragestellungen wichtige Informationen bieten, gerade zum Kiefergelenk, müsse aber entsprechend beauftragt werden und der Radiologe müsse über ein geeignetes Gerät verfügen. Noch fehle es aber an den therapeutischen Strecken, die aus den erhobenen Mehr-Befunden resultieren könnten.

Grazilere Restaurationen möglich

Pror. Dr. Florian Beuer befasste sich mit dem digitalen Weg zu funktionsorientierten Restaurationen (Foto: Quintessenz)

Der zweite Kongresstag widmete sich in seinem ersten Teil unter der Tagungsleitung von Prof. Dr. Florian Beuer der prothetischen Rehabilitation, im zweiten Teil unter Leitung von Dr. Johannes Heimann der „Funktion interdisziplinär“. Gerade im ersten Teil wurde deutlich, welche Vorteile die neuen digitalen Verfahren und die damit verfügbaren Materialien für die prothetische Rehabilitation in Kombination mit der Adhäsivtechnik gerade mit Blick auf die Funktion haben. Sie erlauben heute minimal-invasive Präparationen ohne Retentionskästen und bei Schmelzabstützung sehr grazile Restaurationen (unter einem Millimeter Schichtstärke), wie Prof. Dr. Petra Giertmühlen erklärte. Für Prämolaren seien Fullveneers besser als Kronen, bei Molaren Onlays stabiler als Kronen, und auch keramische Einflügelbrücken im Frontzahnbereich sei eine minimal-invasive und langzeitstabile Lösung. „Weniger ist manchmal mehr“, so ihre Empfehlung.

Prof. Dr. Hans Jürgen Schindler erinnerte in seinen Betrachtungen zur Kauflächengestaltung und Okklusion daran, dass das Ideal einer Symmetrie im Kauorgan in der Natur gar nicht gegeben sei. Kauen sei eine komplett asymmetrische Bewegung, machte er auch mit Blick auf neue Finite-Elemente-Studien zu Kaukräften und Biomechanik deutlich. Kauen, Kräfte und Kauflächen veränderten sich zudem über das Leben, eine Abnutzung über die Zeit sei natürlich. Rehabilitation bedeute daher immer ein kompromittiertes, in der Funktion eingeschränktes System mit möglichst einfachen Konzepten strukturiert in Funktion, Biomechanik und Ästhetik wiederherzustellen.

Großer Jubiläumskongress 2019: Vormerken sollten sich alle Fortbildungsinteressierten schon den 10. bis 12. Januar 2019: Dann findet der Berliner Zahnärztetag als Teil eines großen Jubiläumskongresses statt, denn Quintessence Publishing feiert 70. Geburtstag. Unter dem Motto „7 Decades“ werden internationale Referenten die aktuellen Erkenntnisse der Zahnmedizin in allen Bereichen praxisnah aufbereiten. Nähere Informationen zum Programm folgen in Kürze unter www.7decades.com.

Beuer zeigte dann, was hier digital auch unter Funktions- und Okklusionsaspekten bereits möglich ist. Der große Vorteil der digitalen Verfahren ist aus seiner Sicht die Möglichkeit, Restaurationen zunächst aus provisorischen oder weicheren Materialien fertigen zu können und dann vom Patienten über eine längere Zeit Probetragen zu lassen. „Der Patient kann testen, ob die Okklusion passt, er kann sein eigenes neues Kaumuster entwickeln, bevor wir die Ergebnisse der Probezeit übertragen und die finale Versorgung herstellen“, so Beuer. Auch Prof. Dr. Wael Att unterstrich in seinem Vortrag die Vorteile der digitalen Verfahren. Ideal wäre es, so Att, wenn sich in allen Bereichen bereits 3-D-Daten matchen lassen würden, um so auch unter Funktionsaspekten einen komplexen Eindruck vom Patienten zu erhalten.

Podiumsdiskussion mit ZTM Stefan Schunke, Prof. Dr. Hans Jürgen Schindler, Prof. Dr. Petra Gierthmühlen, Prof. Dr. Wael Att und Dr. Diether Reusch (von links; Foto: Quintessenz)

Qualifizierte Zahntechniker dringend nötig

Wie Zahnarzt und Zahntechniker das praktisch und auch über weite Entfernungen leisten können, beschrieben ZTM Stefan Schunke und Dr. Diether Reusch. Schunke stellte die Dento-faciale Analyse vor und erläuterte, dass die ästhetische und die funktionelle Ebene auch im Artikulator getrennt werden müssten, um eine funktional und ästhetisch passende Prothetik zu erreichen. Dazu verwendet er einen Artikulator mit einem variablen Tisch. Reusch empfahl, komplexe Restaurationen besser in kleinere Schritte aufzuteilen, damit würden diese Arbeiten auch für weniger erfahrene Kollegen erfolgreich zu handeln. Er bevorzugt monolithische, gegebenenfalls bemalte Restaurationen aus Lithiumdisilikatkeramiken, alle Patienten erhalten zudem Aufbissschienen.

Ohne qualifizierte Zahntechniker seien solche Arbeiten aber nicht möglich, so Reusch: „Ein Zahntechniker, der nicht mehr aufwachsen kann, der kann auch die digitale Technik nicht bedienen“. Sonst gäbe es bald statt altersgerechter Doppelkronenarbeiten nur noch Implantatversorgungen, und die seien im Alter und bei Pflegebedürftigkeit nicht mehr adäquat zu pflegen.

„Humpeln im Gesicht“

Der Nachmittag hielt die hohe Spannung – Dr. Daniel Hellmann begeisterte mit einem Beitrag zur Schienentherapie und warum die überhaupt funktioniert. Denn das etablierte Therapiekonzept bei CMD sei vielfach nicht sinnvoll, aber offensichtlich lukrativ für die Zahnärzte. Bruxismus berge zwar ein erhöhtes Risiko für eine CMD, erzeuge aber nicht automatisch eine. Gleiches gelte für Parfunktionen und Malokklusion. Eine okklusale Therapie im Sinne einer CMD-Prophlyaxe sei obsolet.

Dr. Daniel Hellmann hielt einen spannenden und kritischen Vortrag zur Schienentherapie. (Foto: Quintessenz)

Mit einer Exkursion zu inter- und intramuskulären Kokontraktionen machte er die Wirkung von Schienen deutlich. Sie verschieben die intramuskulären Rekrutierungsmuster, es werden andere Muskelteile belastet. Damit sind durch pathophysiologische Überlastungen entstandene Beschwerden zunächst weg. Hellmann verglich diese mit einem „Humpeln im Gesicht“ – Schon- und Fehlhaltungen, die durch temporäre Störungen verursacht werden. Er empfiehlt daher Schienen mit flachen Seitenzahnplateaus mit punktförmigen Kontakten und Frontplateaus bei kiefergelenksgesunden Patienten. Eine nicht zentrische Krafteinleitung schone das System.

Kieferorthopädie für die gute Funktion

Das Ziel der Kieferorthopädie ist eine ungestörte Funktion, so Prof. Dr. Dr. Ralf J. Radlanski (Foto: Quintessenz)

Prof. Dr. Dr. Ralf Radlanski lenkte den Blick auf eine Kieferorthopädie, die nicht nur wohlausgeformte Zahnbögen, sondern vor allem die Funktion im Fokus habe. Denn auch auf den ersten Blick gut ausgeformte Zahnbögen können Probleme bereiten, wenn die Funktion trotzdem gestört ist. Vor allem zu steile Frontzahnstellungen mit einem dadurch eingeschränkten Bewegungsraum des Unterkiefers führten häufig zu funktionalen Probleme und Beschwerden bei den Patienten. „Wir können die Zähne bis zu einem Kubikzentimeter im Kiefer bewegen. Zähne bewegen sich ohnehin über das ganze Leben immer, das ist nicht statisch“, so Radlanski. Zur Therapie werden zum Beispiel kieferorthopädische Apparaturen mit aktivierbaren Frontzahnplatten (Bertoni-Schrauben) eingesetzt, um die Frontzahnposition zu verändern und dem Unterkiefer wieder mehr Bewegungsspielraum zu geben. Der Patient müsse lernen, die neue, freie Unterkieferposition als seine natürliche Position immer wieder einzunehmen. Die Neurobiologie und Neuroplastizität seien wichtige Faktoren für die erfolgreiche Therapie.

Ohne gute Funktion keine erfolgreiche PAR-Therapie

Die Folgen des okklusalen Traumas für die Parodontaltherapie erörterte Dr. Önder Solakoglu. (Foto: Quintessenz)

Den Zusammenhang zwischen okklusalen Traumata und Parodontalerkrankungen und das daraus folgende Vorgehen für die Therapie beschrieb Dr. Önder Solakoglu. Primäre okklusale Traumata wirkten sich negativ auf das Parodontium aus, die okklusale Überbelastung fördere Empfindlichkeiten und Gingivaretraktionen. Liege ein solches primäres okklusales Trauma bei einer Parodontitis vor, sei eine reine parodontalchirurgische Behandlung nicht erfolgreich. Solakoglu empfiehlt hier ein Standardprozedere mit infektionskontrolle, Okklusionsdagnositk, dann Therapie mit Schiene zur Adjustierung und Stabilisierung der Situation und erst danach die eigentliche Parodontalbehandlung mit Guided Tissue Regeneration. Bis zur finalen prothetischen Rehabilitation sollte eine Wartezeit von ca. zwölf Monaten eingehalten werden. Die Therapie bei einem sekundären okklusalen Trauma sei komplexer, hier sein oft eine interdisziplinäre Behandlung mit Unterstützung durch die Kieferorthopädie nötig, die sechs bis acht Wochen nach der GTR einsetze. In diesen Fällen sollten bei der GTR nur resorbierbare Knochenersatzmaterialien verwendet werden.

Die beiden abschließenden Beiträge von Dr. Johannes Heimann zu Funktion und Implantologie und Dr. Giuseppe Allais zur Restaurativen Zahnmedizin unter biologischen und physiologischen Gesichtspunkten erweiterten noch einmal das Spektrum des Themas um interessante Aspekte für die Praxis.

Für die Veranstalter – organisiert werden Kongress und Wissenschaftliches Programm vom Quintessenz Verlag in Zusammenarbeit mit der Zahnärztekammer Berlin und der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Berlin – waren es damit zwei sehr erfolgreiche Tage. Am Abend des ersten Kongresstages wurde traditionell die Ewald-Harndt-Medaille verliehen. Das anschließende Get Together und die begleitende, gut besetzte Dentalausstellung wurden von den Kongressteilnehmern und den Teilnehmern des parallelen 47. Deutschen Fortbildungskongresses für Zahnmedizinische Fachangestellte rege für Information und kollegialen Austausch genutzt. MM