„Digitale funktionelle Okklusion und Funktionsanalyse“ – so hieß der Themenkomplex, zu dem das Allgäuer Unternehmen zebris Medical Ende vergangenen Jahres in den Center Parc Allgäu eingeladen hatte. Elf Referenten zeigten aktuelle Verfahren, um einen störungsfreien, statischen und dynamischen Aufbiss unter Berücksichtigung der Kiefergelenke zu gewährleisten.

Zebris Medical stellt mit zebris Optic JMA ein Kiefervermessungssystem her, dass die Messung aller Bewegungen des Unterkiefers aufzeichnet und vom Zahnarzt in den digitalen Workflow in der Praxis integriert werden kann. Zahntechniker können damit unter Berücksichtigung der realen Bewegungsdaten Versorgungen mit einer funktionierenden Okklusion und einem Höchstmaß an Sicherheit und Bissregulierung herstellen.

Treffen für Anwender und Einsteiger

Im Allgäuer Publikum befanden sich erfahrene zebris-Anwender sowie Zahnärzte und Zahntechniker, die sich mit der digitalen funktionellen Okklusion erst seit Kurzem beschäftigen, um sie in ihre Praxis- und Unternehmenskonzepte mit einzubinden. Die wissenschaftliche Kongressleitung dieses erstmalig stattfindenden Symposiums übernahmen Prof. Dr. Bernd Kordaß von der Uni Greifswald und Prof. Dr. Alfons Hugger (Poliklinik für zahnärztliche Prothetik, Düsseldorf).

Referent Kordaß referierte über Innovationen im Zeichen der Digitalisierung. Er präsentierte eine Studie, bei der die Aktivierung von Zentren im Gehirn mittels funktionellem MRT (fMRT) aufgezeigt wurde. Diese Studie zeigte, dass Okklusion und Okklusionstherapie tatsächlich mit Zentren für emotionale Schmerzwahrnehmung und -bewertung und weiterhin mit Zentren zur Aneignung motorischer Fähigkeiten, wie sie beim Training vorkommen, verbunden sind. Mit einer geeigneten Okklusionsschienentherapie fühlen sich Patienten nachweislich wohler und haben weniger Beschwerden, was sich im fMRT bestätigte. „Zukunftssicher“ sei die Okklusionsschiene laut Kordaß, zumal die Fertigung mit modernen CAD/CAM-Technologien machbar ist. Benötigt werden dafür lediglich virtuelle Artikulatoren, die das Bewegungsmuster des Patienten individuell wiedergeben. Messsysteme wie von zebris Medical zur Aufzeichnung der Unterkieferfunktion sind ideal geeignet, solche virtuellen Artikulatoren anzusteuern beziehungsweise auch direkt die individuelle Funktion mit 3-D-eingescannten Zahnreihen zusammenzufügen. „Natürlich ist nicht alles in der Zahnmedizin und Zahntechnik Funktion, aber ohne Funktion (einschließlich der Okklusion) ist alles nichts!“ lautete Kordaß‘ Fazit.

JMA Optic – Klinischer Basiskurs für Anwender und Interessenten
Einsatzmöglichkeiten des Messsystems in Diagnose und Therapie
• 26./27. Juni 2020, Dr. Ulrich Wegmann, zebris Medical GmbH, Isny
• 14. August 2020, Dr. Ulrich Wegmann, Handwerkskammer Elbcampus, Hamburg
• 28. August 2020, Dr. Ulrich Wegmann, Dr. Jean Bausch GmbH&Co.KG, Köln
• 9. September 2020. Dr. Ulrich Wegmann, Rüpelig+Klar Dental Labor GmbH, Berlin

Um die Optimierung des digitalen Workflows ging es Dr. Sebastian Ruge. Wie bei einem mechanischen Artikulator ist es möglich, gescannte Zahnreihen in Okklusion mit dem virtuellen Artikulator darzustellen und eine digitale Okklusionsanalyse vorzunehmen. Dabei können die Einstellwerte für die Gelenkmechanik zum Beispiel mit Registratplatten manuell oder mit elektronischer Bewegungsaufzeichnung ermittelt werden. Eine Verbesserung bietet eine Bissplatte, die am Unterkiefersensor befestigt werden kann. Mit ihr wird die Position des Oberkiefers eingemessen. Damit ist auch der Gesichtsbogen digitalisiert. Zebris Medical hat zur Modellpositionierung einen Übertragungstisch für den Artikulator entwickelt. Auf ihm kann der Kopplungsbehelf mit Stellschrauben in der richtigen Höhe und Neigung an der korrekten Position auf dem Übertragungstisch aufgestellt werden. Der Anwender liest nur noch die drei Werte für die Schraubenlängen ab und stellt den Kopplungsbehelf an der im Protokoll dargestellten Position auf. „Schon kann der Oberkiefer auf dem Kopplungsbehelf aufliegend einartikuliert werden!“ – aus Ruges Sicht eine große Erleichterung  und Zeitersparnis für den zebris-Anwender.

Klinische Okklusionsanalyse digital

Prof. Dr. Alfons Hugger erläuterte in seinem Vortrag die Grundlagen der Okklusion und ging darauf ein, dass es unter klinischen Gesichtspunkten zwischen Okklusion und Okkludieren einen Unterschied gibt. Er stellte unterschiedliche Methoden zur klinischen Okklusionsanalyse vor und diskutierte ausführlich die neuen Möglichkeiten durch die Digitalisierung, zum Beispiel in der Visualisierung und Analyse, aber auch in der kontrollierten Optimierung und Umsetzung im Kontext der Okklusionstherapie. Allerdings gibt es, so Hugger, Einflüsse der Digitalisierung, die in den allerletzten Konsequenzen noch nicht ganz verstanden sind und weitergehende Untersuchungen zur klinischen Genauigkeit erforderlich machen. Insbesondere der sehr naheliegende Einsatz von Intraoralscannern für Ganzkiefermodelle muss zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch umfassender diskutiert werden. Dipl. Ing. Walter Lang stellte in diesem Zusammenhang den Einfluss der Kiefergelenkparameter auf die Gestaltung der Okklusalflächen von Zahnersatz und die auftretenden Fehlergrößen vor.

CMDfact Interactor

PD Dr. Oliver Ahlers stellte mit CMDfact Interactor ein Softwaremodul vor, mit dem die Auswertung der aufgezeichneten Bewegungsdaten als Grundlage und zum Monitoring der Funktionstherapie erfolgt. Merkmale sind die Länge und Form der kondylären Bewegungsbahnen, die Stabilität der kondylären Bewegung sowie die Qualität der Bewegungskoordination. Letztere wird auf der Grundlage des von Dr. Ahlers entwickelten Diagrammes bewertet. Die Auswertung erfolgt in der namensgebenden Software CMDfact (www.dentaConcept.de) im Modul CMDtrace. Dieses öffnet sich am rechten Bildschirmrand neben der JMA-Software; der Zahnarzt wertet die Befunde per Mausklick aus. „Der Vorteil dieser Lösung“, so Ahlers, „liegt in der Möglichkeit, kondyläre Bewegungsverläufe wissenschaftlich abzusichern und zugleich praxistauglich auszuwerten und in CMDfact mit anderen Funktionsbefunden zusammenzuführen.“ Die instrumentellen Funktionsbefunde werden so mit den Befunden aus dem CMD-Screening, der klinischen Funktionsanalyse, der Manuellen Strukturanalyse, dem Bruxismus Screening sowie dem Zahnverschleiß-Screening und -Status integriert. Eine hervorragende Möglichkeit für den Anwender, die ermittelten Daten digital zu verknüpfen.

Cloudbasierte Softwarelösung CMD ProCom

Eine weitere Softwarelösung stellte Elahe Azar-Heitmann vor: CMD ProCom nach Prof. Axel Bumann. Die erste cloud-basierte Software zur praxisgerechten Funktionsanalyse mit optimiertem Formular- und Dokumentenkonzept erleichtert das diagnostische Vorgehen in der täglichen Praxis mit umfangreicher logischer Intelligenz und reduziert den Personaleinsatz. Die tägliche Arbeit wird zusätzlich unterstützt durch Patientenaufklärungsformulare, die Auswahl spezifischer Therapiekonzepte und die Erstellung individueller Heil- und Kostenpläne. Darüber hinaus gibt es Schnittstellen zu OccluSense, zebris JMA Optic und zebris In-Office-Schienendesign. Die cloud-basierte Lösung ermöglicht eine ideale interdisziplinäre Zusammenarbeit. Das „Mobile-First-Konzept“ ermöglicht Patienten das Ausfüllen der Fragebögen sowohl am Smartphone als auch am iPad oder PC.

Das CMP-Verfahren nach Gerd Christiansen

Den Vortragsmix des umfassenden wissenschaftlich orientierten Tages schloss Gerd Christiansen zum Thema „Controlled Mandibula Positioning.“ Hierbei geht es um die Ermittlung und Realisierung der therapeutischen Position beim CMD-Patienten unter Einbeziehung der computergestützten Bewegungsanalyse. Er zeigte anschaulich Verfahren und Vorteile im Vergleich zur zentrischen Relationsbestimmung.

Im Workshop von Dr. Ulrich Wegmann und Marcus Trocha wurden fachübergreifende Therapieansätze bei CMD präsentiert.

Am Samstag  standen drei Workshops auf dem Programm. Dr. Ulrich Wegmann zeigte gemeinsam mit dem Physiotherapeuten Marcus Trocha das interdisziplinäre Zusammenspiel von instrumenteller Funktionsanalyse und Physiotherapie – zwei entscheidende Komponenten eines fachübergreifenden Therapieansatzes bei craniomandibulärer Dysfunktion. Trocha erläuterte ausgewählte Abschnitte der physiotherapeutischen Untersuchung und Therapie demonstrierte praktisch die Bedeutung des Klientengesprächs für die Diagnose. Er leitete das Publikum zur unmittelbaren Wahrnehmung der Bisslage in Abhängigkeit von der Wirbelsäulenhaltung an. Er wies auf die Wichtigkeit der interdisziplinären Zusammenarbeit zwischen Zahnmedizinern und Physiotherapeuten hin und empfahl: „Eine physiotherapeutische Untersuchung sollte möglichst vor einer instrumentellen Funktionsanalyse des Kauapparats angesiedelt sein.“

Mario Annucci ging auf den Import und die Weiterverarbeitung von Bewegungsdaten im Exocad Dental CAD ein.

Um Exocad Jaw Motion ging es in dem Workshop von Marco Annucci. Der Zahntechniker war aus Italien angereist, um Einblicke in die Software Exocad Dental CAD zu geben. Detailliert ging der Softwareexperte auf den Import und die Weiterverarbeitung der mit dem zebris JMA Optic ermittelten Bewegungsdaten in der Exocad-Software ein. Im dritten Workshop präsentierten die Referenten Kordaß und Ruge das Rainbow-Schienenkonzept. Es hilft Zahnmedizinern, chairside Aufbissbehelfe in der zahnärztlichen Praxis zu erstellen.

In der begleitenden Industrieausstellung nutzten die Teilnehmer die Möglichkeit, auch weitere Verfahren von der zebris Medical GmbH kennenzulernen. Das Symposium war ein voller Erfolg mit 100 Teilnehmern, das im Center Parcs Allgäu abgehalten wurde. Die Besucher konnten auf Wunsch von ihren Familien begleitet werden. Das erfolgreiche Veranstaltungskonzept wird weiter fortgeführt, so die Veranstalter.
Claudia Gabbert, Hamburg

Bilder: zebris Medical/Gabbert