Nürnberg stand im Zeichen der Kieferorthopädie: Vom 4. bis 7. September 2019 trafen sich rund 2.500 Fachzahnärzte für Kieferorthopädie und kieferorthopädisch Interessierte aus aller Welt zur 92. Wissenschaftlichen Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kieferorthopädie e.V. (DGKFO). Die Tagungspräsidentschaft lag in diesem Jahr in den Händen von Professor Dr. Dr. Peter Proff, Direktor der Poliklinik für Kieferorthopädie des Universitätsklinikums Regensburg (UKR). Das umfangreiche Programm stand unter dem Motto „Gemeinsam therapieren – nachhaltig retinieren“.

Dabei geht es nicht nur um neue Erkenntnisse aus der Wissenschaft und Fragen der Praxis. Schließlich werden die kieferorthopädischen Therapiemethoden für alle Altersgruppen im Zuge des medizinischen Fortschritts immer vielfältiger und individueller. Auch die Rolle der Kieferorthopädie selbst schwingt als Thema immer mit.

Unverzichtbarer und integraler Bestandteil

Im Vorbericht zur Tagung heißt es: „Die Kieferorthopädie ist unverzichtbarer und integraler Bestandteil eines umfassenden, synoptischen zahnärztlichen Versorgungskonzeptes. Dabei liegen die Kernkompetenzen des Faches in der präventiven und korrektiven Behandlung von Fehlfunktionen, Zahnfehlstellungen und Kieferfehlstellungen mit Krankheitswert.

Die in den letzten Jahren deutlich gestiegene Zahl erwachsener Patienten mit dem Wunsch nach einer kieferorthopädischen Therapie sowie einer optimalen funktionellen und ästhetischen Rehabilitation erfordert vom Kieferorthopäden ein komplexes Behandlungsmanagement gemeinsam mit den Fachdisziplinen Parodontologie, Prothetik, konservierende Zahnheilkunde und Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie sowie Hals-Nasen- Ohren-Heilkunde.“

Neu erschienen:

Das Buch „Alignertherapie“ von Sandra Tai widmet sich der Therapie mit Alignern mit dem Fokus auf Diagnostik und Behandlungsplanung. Zunächst werden lange bewährte kieferorthopädische Prinzipien der Biomechanik und Verankerung und ihre Übertragung auf die Behandlung mit Alignern diskutiert. Praktisch ausgerichtete Kapitel erklären anschließend den Einsatz von Alignern zur Behandlung verschiedener Dysgnathieformen: Es zeigt dem Behandler, wie sich mit der verfügbaren Software ein geeigneter Behandlungsplan erstellen lässt, wie die Zahnbewegungen digital programmiert werden müssen, um das Behandlungsziel zu erreichen, und wie die Behandlung schließlich klinisch umgesetzt wird.

Erhältlich am Quintessenz-Stand bei der DGKFO-Tagung und im Quintessenz-Shop.

Verwiesen wird zudem auf die Frage der mittel- und langfristigen Stabilität eines kieferorthopädischen Behandlungsergebnisses. Dies sei „seit Anbeginn der kieferorthopädischen Therapie eine der wichtigsten und interessantesten Fragestellungen, welche im Laufe der Jahrzehnte stets wissenschaftlichen Kontroversen ausgesetzt war und ist. Die kieferorthopädische Retention umfasst dabei alle Maßnahmen zur Erhaltung der Stabilität des erreichten Therapieergebnisses. Daher muss die Retention bereits bei der Festlegung der Behandlungsziele geplant werden.“

Sich über neueste wissenschaftliche Erkenntnisse austauschen

In Nürnberg erwartet die Teilnehmer ein ausgewähltes Programm aus Vorträgen und Diskussionsrunden. „Ziel ist es, dass die Teilnehmer die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse und Entwicklungen unseres Fachgebiets kennenlernen und in ihre Praxen und Kliniken mitnehmen, um so ihren Patienten die bestmögliche Behandlung bieten zu können“, erläutert Tagungspräsident Professor Dr. Dr. Peter Proff.

Professor Dr. Dr. Peter Proff, Direktor der Klinik und Poliklinik für Kieferorthopädie des UKR (Foto: UKR/Klaus Völcker)

Wie jede wissenschaftliche und medizinische Disziplin unterliege auch die Kieferorthopädie einem stetigen Wandel. Neueste Forschungsergebnisse fließen in die Patientenbehandlung ein und ersetzen oder erweitern bereits bekannte und auch bewährte Methoden. „Aus diesem Grund ist es so wichtig, dass wir Kieferorthopäden im regelmäßigen fachlichen Austausch stehen. Dieser Kongress bietet dazu hervorragende Möglichkeiten. Es ist ein praxisorientiertes Treffen von Kieferorthopädinnen und Kieferorthopäden, die aus der ganzen Welt anreisen, um ihr Wissen und ihre Expertise mit Kollegen zu teilen“, so Proff. Renommierte nationale und internationale Referenten leiten die jeweiligen Themenblöcke mit Hauptvorträgen ein. So startete der Kongress am Donnerstagmorgen nach der Begrüßung durch den DGKFO-Präsidenten Prof. Jörg Lisson und Prof. Proff mit einem Vortrag von Dr. Richard P. McLaughlin aus San Diego (Kalifornien/USA) zu den Herausforderungen der Kieferorthopädie bei Erwachsenen.

Zentrale Themen KfO bei Erwachsenen und kieferorthopädische Retention

Als Schwerpunktthemen hat der Tagungspräsident zum einen die kieferorthopädische Erwachsenenbehandlung ausgesucht, zum anderen werden zentrale Problematiken der Kieferorthopädie, die Retention und das Rezidiv, behandelt.

Bei der Therapie von Erwachsenen müssen die Kieferorthopäden sich mit altersspezifischen Gegebenheiten und interdisziplinär zu lösenden besonderen Problemen auseinandersetzen. Während bei Kindern und Jugendlichen die Entwicklung der Zähne und das Wachstum der Kiefer und des Gesichtsskeletts im Mittelpunkt der Behandlung stehen, liegt der Fokus bei erwachsenen Patienten eher auf der interdisziplinären Wiederherstellung beziehungsweise Rehabilitation der Kaufunktion sowie der Zahn- und Gesichtsästhetik. „Die Fortschritte der modernen Bildgebung liefern inzwischen ausgezeichnete Planungs- und Therapiekontrollmöglichkeiten. Dank zahlreicher Weiterentwicklungen im Bereich der kieferorthopädischen Behandlungsmittel können den Patienten wenig sichtbare oder miniaturisierte Apparaturen angeboten und auch zunehmend komplexe Problemstellungen zuverlässig gelöst werden“, so Proff.

UKR/Klaus Völker

„Retention ist das Problem“

Die Sicherung des erreichten kieferorthopädischen Behandlungsergebnisses als zweites Verhandlungsthema des Kongresses hat bereits der Kieferorthopäde Albin Oppenheim (1875 bis 1945) in den 1930er-Jahren auf den Punkt gebracht hat: „Retention ist das größte Problem der Kieferorthopädie; genauer gesagt, es ist das Problem.“ Was also vor circa 90 Jahren interessant war, hat auch in der heutigen Zeit nichts von seiner Aktualität verloren. Fragen zu Art und Umfang von Retentionsmaßnahmen nach sinnvollem Einsatz therapeutischer Maßnahmen beeinflussen deshalb konsequenterweise von Anfang an die kieferorthopädische Behandlungsplanung.

„Hierbei muss man viele Aspekte beachten. Es gilt von Behandlungsbeginn, immer das Ende der Behandlung im Auge zu behalten.“, sagt Proff. Denn die möglichst dauerhafte Stabilisierung des Ergebnisses nach einer kieferorthopädischen Behandlung ist den Patienten wichtig. Die DGKFO-Tagung bietet den Medizinern auch hier die Möglichkeit, sich anhand realer Fallbeispiele und anhand der Ergebnisse von Langzeitstudien auszutauschen.

Förderung des kieferorthopädischen Nachwuchses

Parallel zum Hauptkongress findet ein Symposium statt, das sich gezielt an den wissenschaftlichen Nachwuchs in der Kieferorthopädie richtet. „Wissenschaft bringt Fortschritt und die jungen engagierten Kolleginnen und Kollegen gestalten die zukünftige Entwicklung des Faches“, so Proff. Der Schwerpunkt dieses Symposiums liegt auf Projekten der experimentellen und klinischen Grundlagenforschung.

Programm für das Team

Besonders der Vorkongress zum Thema „Adult Surgical Orthodontic Challenges“ zu Beginn der Tagung am 4. September war für Kolleginnen und Kollegen in der Fachzahnarztausbildung konzipiert. Ebenfalls parallel zum Hauptprogramm findet der Tag für das Praxisteam statt. Hier erhalten die Teilnehmer ein „Update zu Mundhygienestrategien und Prävention von Demineralisationen bei festsitzenden kieferorthopädischen Apparaturen“. Auch das Thema „Kommunikation und Praxisorganisation“ steht als Demo-Workshop auf der Agenda der Tagung. Weitere Informationen zum Kongress und zum Programm sowie Abstracts der Hauptvorträge auf der Internetseite der DGKFO.

Titelbild: Dr. Richard P. McLaughlin aus San Diego (Kalifornien/USA) hielt den ersten Fachvortrag am Donnerstag. (Foto: MR/Quintessenz)