Ein Merkmal unserer Hilfswerke der Zahnmediziner ist es, auf der ganzen Welt im Einsatz und damit das ganze Jahr über vollauf beschäftigt zu sein. Viele Freiwillige haben die Reiselust im Blut, sonst würde es sich wohl die eine oder der andere überlegen, ob sie all die Strapazen auf sich nimmt.

Leider gibt es derzeit kaum Möglichkeiten für die Einsatzgruppen, ihre Projektarbeit in fernen Ländern fortzusetzen. Für jemanden, der lieber heute als morgen in ein Flugzeug steigt, ist dies ein hartes Los, wenn man so gar nicht dem Lockruf der Ferne folgen kann. Doch die Hilfsorganisationen wären nicht sie selbst, wenn sie nicht in jeder Lage erkennen würden, wo gerade Bedarf besteht.

Material an Einrichtungen in Deutschland verteilt

Gerade in der jetzigen Lage in Deutschland war es für viele erfahrene Mitarbeiter schnell klar, dass dieser große Bedarf im eigenen Land besteht. Viele für einen Auslandseinsatz zusammen getragene Spenden waren plötzlich hierzulande sehr gefragt – und so konnten Kliniken, Altenheime und weitere Einrichtungen schnell und unkompliziert mit Spendenmaterial versorgt werden. Nicht selten engagieren sich international tätige Freiwillige auch in Deutschland, etwa bei der Flüchtlingshilfe, in Eine-Welt-Gruppen oder bei der Versorgung von Menschen in einer schwierigen Lage.

Glücksfall Spende mit Einmalartikeln

Als ein besonderer Glücksfall erwies sich dabei der Umstand, dass die Hilfswerke am Ende des vergangenen Jahres eine große Spende an Einmalartikel erhalten hatten – Lagerware mit kurzer Haltbarkeitsdauer: Einmalkittel, Mundschutz und Einmalhandschuhe waren gerade am Anfang der Pandemie äußerst wertvoll, konnten doch damit hiesigen Kliniken über die größte Not hinweggeholfen werden. Auch die Lagerbestände in den von den Hilfswerken betreuten Einrichtungen wurden restlos geleert: So konnte vielen deutschen Krankenhäuser mit dringend benötigtem Material geholfen werden.

Zusammenarbeit mit Partnern im Ausland läuft weiter

Trotz – oder gerade wegen – Corona läuft die Zusammenarbeit mit den Partnern im Ausland unvermindert weiter, auch wenn derzeit kein persönlicher Kontakt möglich ist. Doch die Arbeit mit den Projekten in den Gastländern entwickelt sich über lange Jahre hinweg als Partnerschaft. Dabei treten immer wieder längere Zeitspannen auf, über die man sich nicht sehen kann und in denen der Austausch dementsprechend online abläuft. Gerade in der Krisenzeit zeigt sich, dass sich die Zusammenarbeit bewährt hat und sich nicht selten ganz neue Türen öffnen: Da kommt dann plötzlich der Anruf aus dem Ministerium oder seine Exzellenz der Botschafter persönlich lädt zur Videokonferenz!

Weiter auf der Suche nach Material und Spenden

Ein wichtiger Punkt in der Arbeit der Hilfswerke hierzulande ist der Kontakt mit Firmen und das damit verbundene Einwerben von Spendenmaterial. Immer wieder werden auch komplette Praxen gespendet. Die Behandlungsstühle, Geräte und Einrichtungen müssen entsprechend abgeholt, teilweise auch noch abgebaut und eingelagert werden. Oft fehlt es dafür bei laufendem Einsatzbetrieb an Zeit. Doch in Corona-Zeiten tat sich nun das eine oder andere Zeitfenster auf und so mancher der Hobbymonteure war froh, dass er etwas Sinnvolles zu konnte und Ablenkung hatte. Somit musste man sich nicht über Dinge ärgern, die man sowieso nicht beeinflussen kann.

Praxisauflösung: sinnvoll weiterverwenden statt zum Entsorger

Dabei lassen sich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Für die Besitzer ist es sehr teuer, eine Praxis aufzulösen und die alte Praxismöbel abzubauen und zu entsorgen. Selbst wenn es sich um die „unkaputtbaren“ Stahlmöbel handelt, die noch in vielen Praxen zu finden sind: Sie landen meist wie so vieles andere beim Entsorger. Aber gerade in der Dritten Welt ist deutsches Praxismobiliar sehr begehrt und wird deshalb gerne angenommen.

Für die hiesigen Organisationen ist es schwere Arbeit, eine ganze Praxis oder zumindest einen Teil davon abzubauen und mitzunehmen. Doch die Mühe lohnt sich, denn am neuen Bestimmungsort erhält das in Ehren gealterte und gepflegte Mobiliar ein zweites Leben. So wurde in den vergangenen Wochen so mancher Container gefüllt, der jetzt nur noch darauf wartet, die Reise nach Übersee anzutreten. So lagern viele Hilfsgüter in Containern aktuell bei einer mit Hilfsprojekten erfahrenen Spedition im Bonner Rheinhafen.

HDZ als wichtiger Partner und Netzwerker

Immer wieder gerne kommen die Organisationen auf den großen Fundus und das weitverzweigte Netzwerk des Hilfswerks deutscher Zahnärzte (HDZ) zurück, das neben zahlreichen eigenen Projekten Kontakte zu vielen Institutionen, aber auch zu Speditionen und anderen, ebenfalls sehr hilfreichen Einrichtungen hat, was für den Erfolg eines Projekts durchaus auschlaggebend sein mag.

Immer Hilfe über das eigene Fach hinaus

Es gibt also auch jetzt immer viel zu tun, und dennoch können es viele nicht erwarten, dass es endlich mit den Einsätzen wieder losgehen kann. Angesichts dessen, dass die Corona-Pandemie viele andere, nur allzu real existierende Krankheitsfelder, die jedoch mindestens genauso schlimm sind, völlig in den Hintergrund drängt, weiß jeder, wie wichtig die Hilfe auch außerhalb der Zahnmedizin ist. Denn die grundsätzliche Orientierung auf die Zahnmedizin versperrt ja nicht den Blick auf andere Problemfelder. Ganz im Gegenteil: Eine gut organisierte Hilfsorganisation, egal aus welcher Fachdisziplin sie ursprünglich kommt, ist treibende Kraft für so manche Klinik in einem unterversorgten Land. Ganz gleich ob Chirurgie oder Innere, so manche Klinik, die sich in einer Region weitab der Ballungszentren den weniger bevorteilten Bevölkerungsgruppen widmet, entstand auf Initiative einer der straff organisierten zahnmedizinischen Hilfsorganisationen.

Enger Austausch mit den anderen Fachgebieten

Dass uns die zahnmedizinisch geführten Hilfswerke nahestehen, versteht sich von alleine, doch der Austausch mit anderen Fachgebieten klappt überall hervorragend und trägt zum fachübergreifenden Gelingen bei. Zudem ist die Zusammenarbeit der Hilfswerke untereinander selbstverständlich, wobei es keinen Unterschied macht, ob es eine Organisation oder Einzelinitiativen sind. Meist stimmt die Chemie, zumal die Freiwilligen untereinander aus dem gleichen Holz geschnitzt sind. Einzig die Synergien und die möglichen Vorteile im gegenseitigen Interesse zählen.

Besonderes Projekt von DIANO in Mombasa

Dies war auch der Ausgangspunkt der Zusammenarbeit von DIANO mit den Freiwilligen des Kanamai Health Centers und der St. Josephs School of Hope in Mombasa/Kenia. Gerne stellte man diesen Einrichtungen Einmalartikel zur Verfügung und behielt den Hinweis, dass gebrauchte Nähmaschinen dort für Berufsausbildung sehr gesucht sind, im Hinterkopf. Letztlich ist es immer sehr hilfreich zu wissen, was die anderen Organisationen suchen, denn so kann so manches weitergegeben werden, was man selbst nicht unbedingt auf der Prioritätenliste hat.

Keine Arbeit bedeutet Hunger

Gerade die Freiwilligen des Kanamai Health um Guido Möller aus Reutlingen und seinen Mitinitiatoren, die beiden Condor-Stewardessen Alexandra Winkler, Gisela Vöcking McConney und Flugkapitän Bernd Oettinger, können sich derzeit über mangelnde Arbeit nicht beklagen: Die Schlangen vor den Essensausgaben sind extrem lang. „Keine Arbeit bedeutet kein Lohn, kein Lohn bedeutet kein Essen und das bedeutet Hunger!“

Würde dies nicht schon für genug Leid sprechen, hatten sie kürzlich ein wirklich zu Herzen gehendes Erlebnis: Durch Zufall fanden sie sie Cassadi, eine unter Bewegungsstörungen und epileptischen Anfällen leidende Jugendliche, die einfach sich selbst überlassen wurde. In solchen Momenten ist man für jede Reserve an Spenden mehr als dankbar, um dieses Schicksal wenigstens etwas aufzufangen.

Überhaupt zeigt sich immer wieder, dass das Bild, das viele vom fliegenden Personal der Fluggesellschaften haben, Klischee ist und nicht stimmt: Hier trifft man auf sehr viele Menschen, die in ihrer Freizeit Projekten widmen. So auch Martin Sehnem, ebenfalls Flugbegleiter bei Condor, der sich um hörgeschädigte Jugendliche in der Karibik kümmert und dank großzügiger Spenden dafür sorgt, dass die jungen Menschen nicht schon frühzeitig von der Allgemeinheit abgekoppelt werden. Da wundert es kaum noch, dass Condor mit ConTribute über eine eigene Hilfsorganisation verfügt und dadurch letztlich viele andere Organisationen unterstützen kann.

Von Zähnen zur Bildung ist ein kleiner Schritt

Allerdings darf man nicht den Fehler begehen, bei einer Klinik in einem Drittweltland von deutschem Standard auszugehen. Mit vergleichsweise geringen Mitteln kann eine Einrichtung geschaffen werden, die mit dem Landesdurchschnitt gut mithalten kann. Frei nach dem Motto: „Wer sich um Zähne kümmert, dem liegt auch die Bildung am Herzen!“ ist es sehr auffallend, dass viele zahnmedizinische Hilfsorganisationen auch Schulen und Waisenhäuser zu ihrem Portfolio zählen.

Diese Formen der Zusammenarbeit wachsen über die Jahre hinweg. Fängt man irgendwo an, sich um Zähne zu kümmern, kommt man schnell mit den einheimischen Lehrern und Geistlichen in Kontakt und geht in die Klassenzimmer, um das Zähneputzen zu zeigen. Dort ist nicht zu übersehen, wie schlecht es um Schuhe und Unterrichtsmaterialien bestellt ist. Entsprechend ist bei der nächsten Reise ein Karton Schuhe und Blöcke dabei. Als nächstes führt der Weg in die Schulküche und man erlebt den nächsten „Kulturschock“! Ergo fliegt wiederum beim nächsten Mal eine Kiste Besteck, Becher und Löffel mit – und schon ist man mittendrin.

Suppenküche statt Zahnputzunterricht

Für so manche Einrichtung war es fast überlebensnotwendig, eine internationale Partnerorganisation zu haben, die in einer Notzeit hilft, denn der Begriff Rettungsschirm ist in Afrika oder Lateinamerika unbekannt. Wer entlassen wurde, stand vor dem Nichts. Und somit war man als zahnärztliche Hilfsorganisation plötzlich Unterstützer einer Suppenküche, die den Menschen über die schwerste Zeit hinweg half.

Somit ist es leicht nachvollziehbar, dass sich die Hilfsorganisationen zumindest über eines nicht beklagen können: Langweile. Denn langweilig wird es nie und schon gar nicht zu Zeiten wie jetzt in der Corona-Pandemie!

ZA Tobias Bauer, Singen

Der Beitrag wurde am 15. Juni 2020 um 19 Uhr aktualisert, so wurde der Name des Mädchens korrigiert und Informationen zum Engagement der Condor-Mitarbeiter ergänzt. -Red.

Mehr zum Netzwerk DIANO im Beitrag „Mit zahnärztlichen Instrumenten, Laptops und Rollstühlen in die Karibik“.

Im „Handbuch zahnärztliche Hilfsorganisationen“ stellen mehr als 30 im Inland wie international tätige Hilfsorganisationen sich und ihr Aufgabengebiet vor. Mit dem 2018 erstmals erschienenen und 2019 aktualisierten Handbuch unter dem Motto „#Ich bin dabei!“ steht ein umfassender Überblick der Einsatzmöglichkeiten für Freiwillige der Zahnmedizin zur Verfügung. Es kann kostenfrei über den Quintessenz Verlag bezogen werden.

(Foto: Quintessenz Verlag)

Titelbild: Die Möbel aus Praxisauflösungen werden in Container verstaut. (Foto: DIANO/TB)