Aligner sind in der Kieferorthopädie heute eine feste Größe mit viel Potenzial – und das Fortbildungsinteresse ist groß: Schon am frühen Freitagmorgen blickte Prof. Rainer-Reginald Miethke bei seinen Begrüßungsworten zum 5. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Aligner-Orthodontie (DGAO) am 23. und 24. November 2018 in ein gut gefülltes Auditorium in Kölns guter Stube, dem Gürzenich. Das zweitägige Programm mit internationalen Referenten bot aktuelles Wissen zur Studienlage und neuen Therapieoptionen und vermittelte Best Practice aus der kieferorthopädischen Praxis.

Die Palette der Themen reichte von grundlegenden Fragen des Einsatzes von Alignern und unterschiedlicher Aligner-Typen und Attachments bis zum Einsatz in der Rehabilitation nach PA-Therapie, Auswirkungen der Aligner im Vergleich zur Multibandtherapie oder Brackets auf parodontale Markerkeime und White Spots, ästhetisch orientierte Behandlungen bis hin zu rechtlichen Fragen. Ein aktuelles Thema ist der Einsatz von Alignern bei Kindern und Jugendlichen, das ebenfalls diskutiert und insgesamt positiv bewertet wurde. Zum Kongress lag zudem die aktuelle Ausgabe des wissenschaftlichen Journal of Aligner Orthodontics aus.

Kritische Bewertung des „Direktverkaufs“

Prof. Dr. Rainer-Reginald Miethke eröffnete den Kongress (Foto: Quintessenz)

Schon in seiner Begrüßung sprach Miethke eine besonders kritische Entwicklung an: Der „Direktverkauf“ von Schienen für „gerade Zähne“ an den Patienten. Dies sei eine für den Patienten gefährliche und traurige Entwicklung, werde ihm doch so eine fachgerechte Beratung und Betreuung durch den Kieferorthopäden vorenthalten. Zugleich seien Probleme mit Funktion und Okklusion vorprogrammiert. Diesem Thema widmete sich dann auch der Vortrag von Rechtanwalt Manfred Zach am zweiten Tag, der unter anderem auf den Beschluss der Bundesversammlung der Bundeszahnärztekammer einging, die sich vor kurzem deutlich gegen diesen Direktvertrieb medizinischer Leistungen an Patienten ausgesprochen hatte. Auch die DGAO hatte sich damit in einem Beitrag in den zm bereits kritisch auseinandergesetzt.

Vorteile nach PA-Therapie

Die kieferorthopädische Therapie mit Alignern bietet für Patienten mit abgeschlossener Parodontalbehandlung und stabiler Situation zahlreiche Vorteile, wie Kamy Malekian aus Madrid zu einem „Ortho-Perio-Protokoll“ ausführte. So können mit Alignern Zähne, Brücken oder Implantate gezielt ausgespart werden. Die wichtige Mundhygiene während der Therapie ist für den Patienten wesentlich leichter durchzuführen als mit festsitzenden Apparaturen. Die Schienen dürfen nur bis zur Schmelz-Zement-Grenze reichen, die Patienten sollten alle drei Monate zum PA-Recall kommen. Malekian, der mit seiner als Parodontologin tätigen Frau in der Praxis arbeitet, appellierte an die Kieferorthopäden, bei allen Patienten vor jeder KfO-Behandlung die Taschentiefen zu messen.

Die Therapie mit Alignern ermögliche es, bei PA-Patienten schonend und weitgehend vorhersagbar Funktion, Hygienefähigkeit und Ästhetik zu verbessern und gute Voraussetzungen für eine prothetische Rehabilitation zu schaffen. Für die Stabilität des Ergebnisses sorgen nicht herausnehmbare Retainer.

Christina Erbe berichtete über die Mainzer Ergebnisse zu Aligner-Therapie und Effekten auf die parodontale Gesundheit. (Foto: Quintessenz)

Das bestätigte auch der Vortrag von Christina Erbe, die die Arbeitsergebnisse ihrer Gruppe an der Universität Mainz vorstellte. Sie hatte in einer Literaturstudie unter anderem untersucht, welche parodontalen Markerkeime sich bei Aligner-Therapie im Unterschied zur konventionellen Therapie mit Brackets finden und wie sich die Metallomatrixproteinasen, hier vor allem aMMP 8, als Anzeiger entzündlicher Prozesse im Knochen darstellen. Auch bei den Alignern gibt es wie bei Brackets nach Therapiebeginn einen Bacteria shift, aber kein vermehrtes Auftreten von Keimen, die mit Parodontalerkrankungen assoziiert sind. Ebenso ist ein Anstieg der aMMP-8 zu verzeichnen, die Werte bleiben aber deutlich unter denen für eine akute Entzündung.

Wissenschaftspreise verliehen

Abschluss des ersten Kongresstages war die Verleihung der Wissenschaftspreise der DGAO. Die Tagungspräsidenten Dr. Julia Haubrich und Professor Miethke konnten drei Forschergruppen für ihre Arbeiten auszeichnen. Der dritte Preis ging an das Team Michael Nemec, Katharina Besser-Kizilyamac, Michael Bertl, Baerbel Reistenhofer, Josef Freudenthaler und Erwin Jonke für ihre Arbeit „External apical root resorption during orthodonti treatment with Invisalign and multibracket therapy. A retrospecitve radiometric study“. Der 2. Preis wurde Prof. Dr. Dr. Bernd Lapatky und Dr. Fayez Elkholy für ihren Beitrag „Influence of different attachment geometries on the mechanical load exerted by PET-G aligners during derotation of lower canine“ zugesprochen.

Den 1. Preis erhielten in diesem Jahr Margit Pichelmayer, Thomas Grießer, Heidi Grießer, Andreas Oesterreicher, Delera Hartmann und Thomas Rockenbauer für ihre Studie „Evaluierung von biokompatiblen photoreaktiven Monomeren für den 3-D-Druck von kieferorthopädischen Zahnschienen“.

Kongress 2020 an drei Tagen

Zur Einstimmung hatte der Gedächtnistrainer Markus Hofmann den Teilnehmern sehr eingängig ein einfaches Konzept vermittelt, mit denen auch Profis Wissen besser im Gedächtnis verankern. Schon zu Beginn war Miethke auf die Ergebnisse der Teilnehmerbefragung nach dem letzten Kongress 2016 eingegangen, die insgesamt ein sehr erfreuliches Feedback für Programm und Organisation erbracht hatte. Aufgrund des hohen Interesses vonseiten der Teilnehmer und der vielen Themen rund um die Aligner-Therapie wird der alle zwei Jahre durchgeführte Kongress 2020 daher dreitägig stattfinden.

Titelbild: Quintessenz