Periimplantitis ist eine Erkrankung, die mit Entzündung des periimplantären Knochens und des Weichgewebes und progredientem Knochenabbau einhergeht. Das Ausmaß des Knochenabbaus bestimmt den Schwellwert, ab dem ein Implantat als krank oder gesund angesehen wird. Je nach Definition erkranken 5 bis 22 Prozent der Implantatträger [1,2] an Periimplantitis.

Bakterielle Biofilme sind eine der Hauptursachen für das komplexe, multifaktorielle Krankheitsbild der Periimplantitis und damit für den frühzeitigen Verlust von Zahnimplantaten. Ziel einer erfolgreichen Therapie der Periimplantitis ist die Entfernung des dysfunktionalen Biofilms und die Aufrechterhaltung der Entzündungsfreiheit. Da Oberflächen des Implantats, die der Keimflora der Mundhöhle ausgesetzt sind, sich schnell wieder bakteriell besiedeln, würde selbst die Entfernung aller Bakterien keine nachhaltige Heilung der periimplantären Entzündung erlauben [3]. Dafür wäre eine Regeneration des ossären Defekts in Kombination mit einer Reosseointegration der zuvor kontaminierten Implantatoberfläche entscheidend – das ist bislang mit keiner bekannten Methode zuverlässig gelungen. Kommt es zu keiner beziehungsweise zu einer unvollständigen Regeneration, ist das Rezidivrisiko signifikant erhöht.


Ionen gegen Biofilm: wie man mit GalvoSurge Implantate reinigen kann, erklärt PD Dr. Dr. Markus Schlee im Video. (Quelle: QTV/Quintessence News)

Für die erfolgreiche Regeneration eines periimplantären Defektes muss das Implantat gereinigt, ein Knochenabbau durchgeführt und dieser bis zur Ausheilung mit einem Weichgewebslappen abgedeckt werden. Gerade letzteres erfordert große chirurgische Erfahrung und ausgefeilte Techniken.

Schlussendlich muss die lokale Behandlung der Periimplantitis in ein Therapiekonzept integriert werden, das dem komplexen, multifaktoriellen Krankheitsbild der Periimplantitis gerecht wird.

Effektiv und effizient in der Dekontamination von Implantatoberflächen

Das elektrolytische Reinigungsverfahren (GalvoSurge) kann den bakteriellen Biofilm vollständig entfernen. Die Entwicklung der Technologie erfolgte durch eine deutsch-schweizerische Forschergruppe. Die klinische Forschung, Entwicklung und Optimierung der Operationstechniken erfolgte im Kompetenzzentrum für periimplantäre Erkrankungen in Forchheim und wird durch die dort stattfindende klinische Forschung permanent weiterentwickelt.

Mit keinem der bisher praktizierten ablativen Verfahren zur Dekontamination der Implantatoberfläche gelingt eine vorhersagbare, komplette Biofilmentfernung. Gründe dafür mögen der schwierige Zugang zu den typischen kraterförmigen Knochendefekten und die rauen Implantatoberflächen sein. Besonders an den Gewindeunterseiten der Implantate ist der Zugang eingeschränkt. Pulverstrahlverfahren, mit NaCl getränkte Wattepellets, Titanbürsten und Laserbehandlungen scheitern an den eingeschränkten Zugangsmöglichkeiten zur Implantatoberfläche. Schleift man die Implantatoberfläche blank und poliert sie, verteilt man Titan- und Schleifmittelpartikel in die umliegenden Gewebe. Die genannten Probleme führten dazu, dass eine nachhaltige Therapie der Periimplantitis bisher nicht möglich war und hohe Rezidivraten von bis zu 100 Prozent auftraten [4].

Mit Ionen den Biofilm abheben

Dr. Florian Rathe und PD Dr. Dr. Markus Schlee vom Kompetenzzentrum Forchheim

Der Forchheimer Implantologe PD Dr. Dr. Markus Schlee hat gemeinsam mit der oben genannten Forschergruppe das GalvoSurge-Reinigungssystem entwickelt, das die weltweit erste wirksame Bekämpfung des Biofilms auf Implantaten ermöglicht, ohne die Oberfläche zu beschädigen. Das Prinzip beruht auf einer geringgradigen, an das Implantat angelegten elektrischen Spannung und dem Besprühen des Implantats mit einer Reinigungsflüssigkeit. Das führt zu einer hydrolytischen Spaltung von Wasser in H+und OHIonen. Die positiv geladenen Wasserstoffionen (H+) penetrieren den Biofilm und nehmen von der negativ geladenen Implantatoberfläche je ein Elektron auf. Es entsteht atomarer Wasserstoff, der sich zu Bläschen aggregiert. Diese Bläschen heben den Biofilm samt Stoffwechselprodukten und Kohlenwasserstoffen von der Implantatoberfläche ab. Die Wirksamkeit dieser Methode wurde in In-Vitro-, Tier- und klinische Studien, die für die Zulassung von GalvoSurge als Medizinprodukt notwendig waren, belegt [5,6,7]. Dieses Verfahren ist, unabhängig von der Implantatinnengeometrie und der Implantatoberfläche, bei allen Titanimplantaten möglich.

Um die Implantatoberfläche negativ zu laden, muss die prothetische Versorgung vor dem Verfahren entfernt werden. Die reinigende Wirkung von GalvoSurge kann sich nur da entfalten, wo die Spüllösung in Kontakt zur Implantatoberfläche kommt. Dazu wird ein Lappen aufgehoben, um das Granulationsgewebe vollständig entfernen zu können.

Das GalvoSurge-System lässt sich einfach in die zahnärztliche Praxis integrieren. Es besteht aus einer Kontrolleinheit, einem Schlauchsystem mit einem Implantatkonnektor, einer Reinigungsflüssigkeit aus einer gepufferten Natriumformiatlösung und einem aufsteckbaren Einwegschwämmchen. Reinigungslösung und elektrische Spannung lassen sich so an das Implantat bringen. Die Reinigungsdauer beträgt pro Implantat nur zwei Minuten.

Das Konzept zum Gerät

Der übliche zahnmedizinische Standard vor einer Intervention, proinflammatorische Zytokine zu minimieren, gilt auch hier: Beherdete Zähne und Parodontopathien sollten erfolgreich behandelt sein. Der limitierende Faktor der GalvoSurge-Therapie ist das regenerative Potenzial des knöchernen Defekts.

Analog zur regenerativen Parodontaltherapie kommt es hierbei auf die Anzahl der Defektwände und den Defektwinkel an. Horizontale Defekte haben die schlechteste, schüsselförmige Defekte die beste Prognose. Die Abschätzung der Defektanatomie braucht viel Erfahrung, da sich die Defekte intraoperativ oft viel schlimmer darstellen als sie röntgenologisch erscheinen. Eine Klassifikation, um die Einschätzung des regenerativen Potentials (RP-Klassifikation) zu erleichtern, wurde von PD Dr. Dr. Schlee und Dr. Rathe, MSc in die Literatur eingeführt [6].

Kompetenzzentrum Forchheim: Hilfe für komplexe Fälle
Zahnärzte können komplexe Fälle in das Kompetenzzentrum Forchheim von PD Dr. Dr. Markus Schlee und Dr. Florian Rathe MSc überweisen und sind herzlich eingeladen, bei den überwiesenen Fällen zu hospitieren. Darüber hinaus bieten die beiden Spezialisten ständig aktualisierte strukturierte Fortbildungen zur systematischen Periimplantitistherapie an. Mehr Informationen unter www.32schoenezaehne.de.

Für die Vorhersagbarkeit des regenerativen Ergebnisses ist nicht nur die Defektanatomie ausschlaggebend, sondern auch die Implantatposition. Steht das Implantat zu weit bukkal oder lingual, ist es zu stark anguliert oder ist ein zu dicker Implantatdurchmesser gewählt worden, ist das Problem durch eine Reinigung der Implantate nicht lösbar. Gelingt es aus diesen Gründen nicht, das Implantat zu reosseointegrieren, so ist die Explantation der regenerativen Periimplantitistherapie vorzuziehen.

Bei guter Fallselektion und gutem Hart- und Weichgewebsmanagement können durchaus auch Defekte regeneriert werden, die primär eine schlechte Prognose bezüglich der periimplantären Regeneration mitbringen.

Da das durch die Entzündung vorgeschädigte Gewebe schwer zu beherrschen ist, sollte der Operateur ausreichend Erfahrung im Bereich des Weichgewebsmanagements mitbringen. Weitere entscheidende Kriterien für eine nachhaltige periimplantäre Gesundheit ist eine ausreichend breite Zone von befestigter, keratinisierter Gingiva [8] sowie eine Einbindung in eine parodontale Erhaltungstherapie entsprechend des patientenindividuellen Risikos. Gerade wenn das Fehlen einer befestigten Gingiva bereits zu einer Periimplantitis geführt hat, ist dessen Etablierung von mindestens 4 mm Breite unbedingt nötig.

Literatur:
1.Derks J, Tomasi C. Peri-implant  health and disease. A systematic review of current epidemiology. J Clin Periodontol 2015; 42 (Suppl.  16):  S158–S171. doi: 10.1111/ jcpe.12334.
2. Albrektsson T, Buser D, Chen ST, Cochran D, DeBruyn H, Jemt T, Koka S, Nevins M, Sennerby L, Simion M, Taylor TD, Wennerberg A. Statements from the Estepona consensus meeting on peri-implantitis, February 2-4, 2012. Clin Implant Dent Relat Res. 2012 Dec;14(6):781-2
3.Fürst MM, Salvi GE, Lang NP, Persson GR. Bacterial colonization immediately after installation on oral titanium implants. Clinical oral implants research 2007;18(4):501–508.
4.Esposito M, Grusovin MG, Worthington HV. Treatment of peri-implantitis: what interventions are effective? A Cochrane systematic review. Eur J Oral Implantol. 2012;5 Suppl:S21-41
5.The Effect of In Vitro Electrolytic Cleaning on Biofilm-Contaminated Implant Surfaces. Journal of Clinical Medicine, September 2019, DOI: 10.3390/jcm8091397
6.Treatment of Peri-Implantitis-Electrolytic Cleaning Versus Mechanical and Electrolytic Cleaning-A Randomized Controlled Clinical Trial-Six-Month Results. Markus Schlee, Florian Rathe, Urs Brodbeck, Christoph Ratka, Paul Weigl and Holger Zipprich. Journal of Clinical Medicine, November 2019
7.Is Complete Re-Osseointegration of an Infected Dental Implant Possible? Histologic Results of a Dog Study: A Short Communication. Journal of Clinical Medicine, January 2020
8.S3 Leitlinie der AWMF: “Periimplantitis: Die Behandlung periimplantärer Infektionen an Zahnimplantaten”. AWMF-Registernummer: 083-023, Stand: Mai 2016

Das Titelbild zeigt die Anwendung des GalvoSurge an einem Implantat mit Bläschenbildung durch aggregierte H+-Ionen. Bild: PD Dr. Schlee, Dr. Rathe