Reden wir über Qualität, dann meinen wir oftmals die gute Verarbeitung, die gute Ästhetik, die Langlebigkeit, die Kunst, die Schönheit und die Garantie unserer Versorgungen. In der Front ist die ästhetische Komponente natürlich wichtiger als im Seitenzahnbereich – aber auch hier sieht man bei Patienten, mit denen wir reden, die lachen, den Mund öffnen, oft verheerende Behandlungssünden.

Einigen wir uns vorerst darauf, dass viele Arbeiten von Zahnärzten und Laboren mit Sorgfalt hergestellt und den üblichen Standards der Lehre und der Handwerkskunst entsprechen. Natürlich gibt es schlechtere oder bessere Qualität. Aber wer bestimmt die Qualität? Sind wir ehrlich: Die Protagonisten, die sich finden, haben mitunter ihre eigenen Vorstellungen und ganz persönlichen Meinungen. Und ebenfalls ganz ehrlich: Ich habe noch keinen Zahnarzt getroffen, der nicht glaubte, er wäre der Tollste – vielleicht ist das bei den zahntechnischen Kollegen auch so, aber da habe ich weniger Überblick.

„Experten“ und Alltag

Da wir aus eigenem Anspruch in unserem Labor nur mit Zahnärzten arbeiten, die ihr Handwerk verstehen – also gute Unterlagen liefern –, möchte ich mich an dieser Stelle einmal mit den sogenannten Experten beschäftigen. Das ist der gesamte Seminarvortrags- und Fortbildungssektor, der einem kleinen Teil der Kollegen sowohl auf Zahnärzte- wie auch auf Technikerseite zeigt (oder zeigen will), was geht (und wie es geht).

Plaudern wir aus dem Nähkästchen: Was wir da sehen, was uns „verkauft“ wird, ist nicht immer die Realität. Die Zeit, die hier aufgewendet wird, um etwas „gut aussehen zu lassen“, hat mit den Alltagsbedingungen nichts zu tun und die vorgeführten Ergebnisse sind oft nicht reproduzierbar. Diejenigen, die wirklich Außergewöhnliches können, handeln perfekt und haben Talente und Eigenschaften, die jedoch sehr selten vorkommen und oft unbezahlbar sind. Die Industrie tut ihr Übriges, diese Experten zu fördern.

„Arbeiten wir an guten, reproduzierbaren Standards“

Ich habe das an dieser Stelle nicht zu bewerten, sage aber dem überwiegenden Teil der ganz normalen Kollegen und auch der Zahnärzteschaft: Arbeiten wir doch an guten, reproduzierbaren Standards, anstatt diesen im Alltag nicht zu erreichenden Schau-Stücken nachzuhecheln! Auch Perfektionisten werden immer wieder ihre Unvollkommenheit erleben. Und manche Arbeiten werden nicht besser, je länger man bastelt.

Qualität ist auch subjektiv

Liebe Kollegen, wir alle kennen die Arbeiten, die wir nur ungern herausgeben, weil doch das eine oder andere nicht so gelungen erscheint. Und dann ruft der Zahnarzt beim Einsetzen an und sagt: „Ja Klasse, danke für die tolle Arbeit“. Und das geht genauso umgekehrt – wir sind hoch zufrieden, der Kunde aber ist es nicht. Qualität ist eben auch subjektiv.

Digitalisierung nicht auf Kosten von Qualität und Preis

Noch ein paar Anmerkungen zur Industrie: Vor allem einige große Unternehmen versuchen uns davon zu überzeugen, dass sie die Digitalisierung im Griff haben, inklusive der Qualität der Arbeitsergebnisse. Aber das erweist sich in der Praxis (im Labor) oft als fataler Trugschluss. Es wird auf Kosten der Qualität und auf Kosten der Preise (für Zahnarzt und Labor, billiger geht ja schließlich immer) für den Patienten eine Scheinwelt aufgebaut und werbemäßig verkauft. Es ist traurig, dass hier wie so oft der Kommerz im Vordergrund steht vor der Qualität der Versorgung.

Denen eine Stimme geben, die jeden Tag einen exzellenten Job machen

Ich möchte hier jenen vielen Zahnarztpraxen und Dentallaboren eine Stimme geben, die jeden Tag um ein exzellentes Ergebnis ringen und einen exzellenten Job machen – und am Ende noch glauben, ihnen fehlt etwas, weil sie einen fiktiven Qualitätsmythos zu erreichen versuchen. Es geht eben nicht um die „High-End-Ausnahme-Arbeiten“, es geht um die handwerklich guten Grundlagen und Standards für eine verlässlich gute Qualität.

Ich erinnere mich dann immer an meine Anfänge bei der Deutschen Gesellschaft für ästhetische Zahnmedizin (DGÄZ) vor gut 25 Jahren. Zu dieser Zeit hatten wir zahlreiche Kunden und Praxen, die vom Ansehen her zu den Besten gehörten. Mein damaliger Laborleiter aber sagte zu mir: „Herr Lubberich, müssen wir für die arbeiten? Fast jeder unserer Kunden hier in der Eifel oder im Westerwald hat bessere Unterlagen …“

Heute sind auch unsere Techniker und Meister in Arbeitskreisen, die wohlklingende Namen tragen, und werden doch häufiger von Zahnärzten gefragt: „Ja was klappt denn und funktioniert denn eigentlich so bei euch im Labor?“

Solide Kenntnisse und Fähigkeiten machen Qualität aus

Aus langjähriger Erfahrung habe ich die Überzeugung gewonnen, dass die Grundlage für Qualität in Behandlung und Technik nicht der postulierte eigene hohe Anspruch, sondern vor allem solide Kenntnisse und Fähigkeiten sind. Es gibt immer welche, die die Standards nicht einhalten – und auch sie finden die geeigneten Partner, die an einer experimentellen Prothetik interessiert sind. Das ist seit Jahrzehnten das gleiche Bild. Und es gibt immer Perfektionisten, die das Rad neu erfinden wollen.

Zum Wohle des Patienten arbeiten

Mir ist klar, dass ich jetzt ordentlich provoziere, aber ich glaube, ich weiß, wovon ich rede. Ich möchte die ganz überwiegende Zahl von soliden Praxen und Laboren bitten, ihre Arbeit weiterhin zum Wohle des Patienten zu verrichten. Stärken möchte ich auch die Fachgesellschaften. Werden Sie dort aktiv, suchen Sie die Partner auch in der Industrie, die dieselben Ziele verfolgen. Die deutsche Prothetik ist erstklassig, weil sie auf Standards und den guten Kenntnissen und Fähigkeiten der Zahnärzte und Zahntechniker aufbaut.

Man könnte die vielen Aspekte des „Mythos Qualität“ noch weiter zerlegen, aber das würde an dieser Stelle zu weit führen. Ich freue mich auf Ihre Meinungen, gerne per E-Mail an acl@lubberich.de.

ZTM Alois C. Lubberich, Koblenz

ZTM Alois C. Lubberich, Koblenz (Foto: Lubberich Dental)

Alois C. Lubberich ist in Brohl am Rhein geboren. Seine Aus- und Weiterbildung zum Zahntechniker hat er an der Universitätsklinik in Bonn absolviert und bei Lernaufenthalten in der Schweiz erweitert. Nachdem er mit 23 Jahren seine Meisterprüfung in Düsseldorf ablegte, gelang es ihm bereits im Alter von 24 Jahren, sein eigenes Dentallabor in Koblenz zu gründen. Mit mehr als 100 Beschäftigten und mehreren Standorten ist das Dentallabor Lubberich heute das größte Dentallabor in Rheinland-Pfalz und dient als Referenzlabor der wichtigsten Industriepartner innerhalb der Branche.
Schon früh suchte Lubberich den Kontakt zu Unternehmensberatern und Hochschulen, um davon für seine Laborentwicklung zu profitieren und neue, wissenschaftliche Methoden der Unternehmensführung und Marktentwicklung zu nutzen.
Lubberich ist auch Autor des Buchs „Unternehmen Zahntechnik“ (Quintessenz), das die Grundlagen moderner Labor- und Unternehmensführung beschreibt und die langjährigen Erfahrungen des Autors widerspiegelt.

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Titelbild und alle Bilder im Beitrag: Lubberich Dental, Koblenz