Wie oft die Menschen in Deutschland zum Zahnarzt gehen, welche Leistungen dann erbracht werden – Vorsorge, Füllungen, Extraktionen, Zahnersatz – und welche Kosten sie beim Zahnersatz selbst tragen, ist regional durchaus unterschiedlich. Das zeigt der Barmer Zahnatlas, den die Krankenkasse gemeinsam mit Prof. Dr. Michael Walter, Universität Dresden, aus den Daten zur zahnärztlichen Versorgung ihrer Versicherten erstellt hat.

So gehen Menschen in den östlichen Bundesländern häufiger zum Zahnarzt als zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen und im Saarland, der Eigenanteil beim Zahnersatz ist in Sachsen-Anhalt nur etwa halb so hoch wie in Bayern oder Baden-Württemberg, und Menschen in den Stadtstaaten Hamburg und Berlin bekommen mehr Schienen verordnet als jene in eher ländlichen Gebieten. Die Bayern sind bei den Früherkennungsuntersuchungen für Kleinkinder vorn. (Den ausführlichen Zahnatlas gibt es hier. Mehr zum kürzlich ebenfalls vorgelegten Barmer Zahnreport: Patienten wählen immer seltener eine Regelversorgung.)

„In Deutschland gibt es deutliche regionale Unterschiede bei der vertragszahnärztlichen Versorgung. Dies gilt für Inanspruchnahme, Kosten oder auch die Teilnahme an Vorsorgeuntersuchungen. Unterschiede zu identifizieren und zu interpretieren eröffnet ein Potenzial zur Optimierung der Versorgung“, so Walter. Er konstatierte allerdings auch: „Die Gründe für die Unterschiede kennen wir nicht. Möglich wären tradierte Inanspruchnahmemuster, verschiedene Präventionsaffinitäten und ein unterschiedlicher Stellenwert des Bonussystems“. Auch der Vorstandsvorsitzende der Barmer, Prof. Dr. Christoph Straub, erklärte, man beginne erst mit der Untersuchung der Ursachen für die teils drastischen Unterschiede, und verwies auf soziodemografische Faktoren, die hier eine Rolle spielen könnten. Für die Versorgung mit Schienen liefen weitere Untersuchungen bereits, kündigte er an.

Regelversorgung überprüfen

Aus den unterschiedlich hohen Kosten und Eigenanteilen für Zahnersatz folgerte Walter erneut, dass die Regelversorgung überprüft werden sollte. Die den Krankenkassenzuschüssen zugrundeliegende Regelversorgung bilde eine wissenschaftlich fundierte Basistherapie ab, ihre Überprüfung sei im Sozialgesetzbuch vorgesehen, um sie an die zahnmedizinische Entwicklung anzupassen. Der aktuelle Zahnreport zeige, dass die Inanspruchnahme der Regelversorgung stetig sinke und sie bei Patienten mit wenigen oder gar keinen Zähnen in der Nachhaltigkeit hinter Versorgungen mit Implantaten zurückbleibe.

„Daher erscheint eine Überprüfung in diesem Bereich 14 Jahre nach Einführung des Festzuschusssystems nunmehr erforderlich. Das daraus resultierende Veränderungspotenzial dürfte zu einer noch besseren Teilhabe der meist älteren Betroffenen am medizinischen Fortschritt führen. Dies gilt vor allem für Menschen mit Vollprothesen im Unterkiefer, bei denen eine Verbesserung der Lebensqualität durch beispielsweise zwei Implantate eindeutig nachgewiesen ist“, so Walter.

Zahnersatzkosten im Fokus

Zu den Zahnersatzkosten heißt es im Bericht: „Zur Gruppe der Bundesländer mit den höchsten Ausgaben für neuen Zahnersatz gehört Baden-Württemberg. Mit durchschnittlich 1.717 Euro je versorgtem Versicherten landete es auf Rang vier hinter Niedersachsen (1.877 Euro), Bayern und Bremen, aber fast 13 Prozent über dem Bundessschnitt von 1.524 Euro. In Baden-Württemberg waren nicht nur die Gesamtausgaben für Zahnersatz vergleichsweise hoch, sondern auch der durchschnittliche Eigenanteil, den der Versicherte bezahlt. Dieser belief sich im Jahr 2017 auf 1.146 Euro beziehungsweise 66,7 Prozent der Gesamtkosten. In keinem anderen Bundesland hat der Versicherte einen größeren prozentualen Eigenanteil an den Kosten für den Zahnersatz getragen. In Sachsen-Anhalt hingegen musste der Versicherte nur 47,7 Prozent der Ausgaben, und zwar 628 Euro von 1.316 Euro, für den Zahnersatz selbst übernehmen.

Der hohe Eigenanteil, aber auch die vergleichsweise hohen Gesamtausgaben für den Zahnersatz, könnten darin begründet sein, dass die Versicherten beim Zahnersatz verstärkten Wert auf die Ästhetik und den Tragekomfort legen und daher häufiger den aufwendigeren Zahnersatz wählen, der teurer ist als die Regelversorgung. Auch bei der Kieferorthopädie liegt Baden-Württemberg über dem Bundesdurchschnitt. So waren 19,8 Prozent der unter 20-Jährigen im Jahr 2017 beim Kieferorthopäden (Bund: 18,1 Prozent).“

Quelle: Barmer Zahnatlas 2019

Straub nahm die Ergebnisse erneut wie schon bei der Vorlage des Barmer Zahnreports zum Anlass, die aus seiner Sicht offensichtlich überwiegend von ästhetischen Gründen getragene Wahl teurerer gleich- und andersartiger Versorgungen durch den Patienten in ihrer Unabhängigkeit infrage zu stellen und zugleich die Aufklärung und Information zu den Regelversorgungen in den Praxen zu hinterfragen.

Kasse will Diskussion anstoßen

Prof. Dr. Christoph Straub, Vorstandsvorsitzender der Barmer (Foto: Barmer)

Das Ziel aus Sicht der Kasse ist die Angleichung der Versorgung: „An zahlreichen Stellen muss noch weiter geforscht werden. Denn viele Ergebnisse lassen sich aus rein zahnmedizinischer Sicht nicht erklären. Wir wollen mit dem Atlas eine Diskussion anstoßen. Zahnärzteschaft, Krankenkassen und Politik in Bund und Ländern sollten gemeinsam das Ziel verfolgen, die Ursachen dieser Unterschiede zu erforschen, um letztlich den Patientinnen und Patienten die Sicherheit zu geben, dass sie überall in Deutschland zahnmedizinisch gut beraten und hochwertig versorgt werden. Die Mundgesundheit wird hierzulande erfreulicherweise von Jahr zu Jahr besser. Dieses Gesamtbild sollte nicht dadurch getrübt werden, dass in einzelnen Regionen die Versorgung ungleich geringer genutzt wird oder unnötigerweise teurer ist als anderswo“, so Straub.

Statistische Auffälligkeiten und regionale Unterschiede „normal und erwartbar“

Die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung (KZBV) setzte eine umfangreiche Information auf der Grundlage ihrer Daten dagegen: Statistische Auffälligkeiten sowie regionale Unterschiede bei der Inanspruchnahme von zahnmedizinischen Leistungen der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) sowie auch von Privatleistungen seien angesichts der komplexen Versorgung in Deutschland normal und erwartbar. Die von der Barmer ausgewiesenen regionalen Daten deckten sich mit den der KZBV vorliegenden Erkenntnisse über regionale Unterschiede des Abrechnungsverhalten sowohl im Ost-West-Vergleich als auch im Vergleich Stadt/Land.

Mittelfristig gleichgerichtete Entwicklung

Die von der Barmer dargestellte höhere Inanspruchnahmequote bei den zahnärztlichen Leistungen im Osten liegt auch aus Sicht der KZBV am traditionell höheren Präventionsverhalten in den östlichen Ländern. Im Westen ist eine höhere Kontrollorientierung im Süden im Vergleich zu den übrigen westlichen Bundesländern zu beobachten. Die regionalen Daten zeigen im mittelfristigen Zeitvergleich in fast allen Kassenzahnärztlichen Vereinigungen eine gleichgerichtete Entwicklung bei den zentralen zahnmedizinischen Versorgungen, besonders einen Rückgang bei Zahnfüllungen und -extraktionen.

Die KZBV verweist zur Datenerhebung aber auch auf ihre wissenschaftlichen Deutschen Mundgesundheitsstudien als größte Erhebung zur Mundgesundheit. Man begrüße aber grundsätzlich alle zusätzlichen Bemühungen, weitere Transparenz in das Versorgungsgeschehen zu bringen, um Verbesserungemöglichkeiten für die Mundgesundheit der Patienten aufzuzeigen. Die aktuelle DMS V zeige, dass sich etwa die Mundgesundheit von Kindern und jüngeren Erwachsenen in Ost- und Westdeutschland in den vergangenen 25 Jahren kontinuierlich verbessert und angeglichen habe. Deutschland ist in Sachen Mundgesundheit damit schon lange wiedervereinigt. So unterscheiden sich die Daten zu Kariesfreiheit und Karieserfahrung bei Kindern in den alten und neuen Ländern nur noch geringfügig. „Dies ist ein starker Beleg dafür, wie ein auf Früherkennung sowie Gruppen- und Individualprophylaxe ausgerichtetes Gesundheitssystem dazu beiträgt, die Gesundheit nachhaltig zu verbessern. Denn auch bei Erwachsenen zeigt sich eine klare Angleichung bei der verminderten Karieserfahrung und bei der sinkenden Zahl fehlender Zähne. Auch das Bild bei der zahnprothetischen Versorgung ist annähernd gleich. Diese Ergebnisse sind eine Bestätigung für alle Zahnärztinnen und Zahnärzte, zeigen sie doch, dass sie ihren Job gut gemacht haben“, so die KZBV.

Patienten haben Wahlfreiheit beim Zahnersatz

Zum Thema Zahnersatz heißt es, die Versorgung mit Zahnersatz bewegt sich in Deutschland, nicht zuletzt auch im Vergleich mit anderen europäischen Ländern, auf einem vorbildlichen Niveau. Patienten hätten die Wahlfreiheit zwischen einer hochwertigen Regelversorgung und Versorgungsformen, die besonders hohe Ansprüche erfüllen, aber von der Leistungspflicht gesetzlicher Kassen ausgenommen sind. Die regionalen Unterschiede beim Eigenanteil im Bereich Zahnersatz korrespondierten auch zu den durchschnittlich höheren Bonusanteilen als Folge der höheren Kontrollorientierung in den östlichen Ländern, daneben dürften auch soziodemografische Unterschiede (Einkommen, Bildung) von Bedeutung sein.

Höhere Festzuschüsse ab Oktober 2020

Die KZBV weist zudem darauf hin, dass bundesweit die Festzuschüsse der GKV bei Zahnersatz durch das kürzlich in Kraft getretene Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) zum 1. Oktober 2020 von derzeit 50 Prozent auf dann 60 Prozent erhöht werden. Im Zuge dessen steigen folglich auch die Boni, die Versicherte erhalten, die mit ihrem Bonusheft eine regelmäßige Inanspruchnahme zahnärztlicher Vorsorgeuntersuchungen nachweisen können, von 60 Prozent beziehungsweise 65 Prozent auf 70 Prozent beziehungsweise 75 Prozent. In begründeten Ausnahmen soll künftig zudem das einmalige Versäumen der Vorsorgeuntersuchung für die Bonusregelung bei Zahnersatz folgenlos bleiben. Im Falle einer unzumutbaren Belastung – so genannte Härtefallregelung – haben Versicherte Anspruch auf den Gesamtbetrag aus Festzuschuss (künftig 60 Prozent) und zusätzlichem Betrag (künftig 40 Prozent), mithin also auf einen Betrag von 100 Prozent. Diese Neuregelungen im Bereich Zahnersatz entlasteten Millionen von Patientinnen und Patienten finanziell und erleichterten zugleich die Versorgung mit Zahnersatz in vertragszahnärztlichen Praxen.

Verwiesen wird auch auf die im TSVG enthaltene Mehrkostenregelung bei kieferorthopädischen Leistungen analog der bewährten Mehrkostenregelung bei zahnerhaltenden Maßnahmen. Diese Regelung stärke die Autonomie der Versicherten und macht KFO-Behandlungen insgesamt nachvollziehbarer und transparenter.

Gute Ergebnisse halten, Problembereiche angehen

Für Zahnärzte gelte es jetzt, die sehr gute Position bei der Mundgesundheit insgesamt im Interesse der Patienten weiter auszubauen. „Die zahnmedizinische Versorgung muss angesichts des demografischen Wandels durch bedarfsgerechte Lösungen noch stärker auf die Betreuung älterer und pflegebedürftiger Menschen fokussiert werden. Und wenn wir die Karies versorgungspolitisch seit einigen Jahren im Griff haben, so lässt sich eine solche Erfolgsmeldung für die Parodontitis derzeit noch nicht verkünden. Die Daten der Zahnärzteschaft belegen, dass der Behandlungsbedarf der Parodontitis prognostisch steigt. Die Zahnärzteschaft sagt dieser stillen Volkskrankheit deshalb mit neuen Konzepten verstärkt den Kampf an. An ihrem selbstgesteckten Ziel hält die Zahnärzteschaft fest: Wir wollen die Mundgesundheit ausnahmslos aller Menschen über den gesamten Lebensbogen hinweg fördern und verbessern“, so die KZBV.

KZV Bayerns sieht Daten als Beleg für gute Versorgung

Für die Kassenzahnärztliche Vereinigung Bayerns sind die im Barmer Zahnatlas für den Freistaat herausgestellten Versorgungsdaten Beleg für eine gute zahnmedizinische Versorgung. Prophylaxe und Zahnerhalt zahlten sich aus, die Kosten für Zahnersatz waren je Versicherten in Bayern niedriger als in Berlin. Dafür werde das Geld der Kassen stärker in den Zahnerhalt investiert, so der KZVB-Vorstandsvorsitzende Christian Berger.

Ein großes Lob spricht die KZVB ihren Mitgliedern in Sachen Früherkennung aus: „Wir sind bundesweit führend bei den Vorsorgeuntersuchungen von Kleinkindern. Das wirkt sich auch positiv auf die Zahngesundheit im Erwachsenenalter aus. Vor allem die Landesarbeitsgemeinschaft Zahngesundheit leistet mit ihren regelmäßigen Besuchen in Schulen und Kindergärten hervorragende Arbeit. Wenn Kindern frühzeitig die Bedeutung der Mundhygiene vermittelt wird, lassen sich dadurch die späteren Behandlungskosten deutlich reduzieren.“

Titelbild: Barmer Zahnatlas 2019, Barmer