Die Telematik im Gesundheitswesen auszubauen und neue Anwendungen schnell zu etablieren ist eines der Ziele des Koalitionsvertrags. Das Bundesgesundheitsministerium (BMG) will dafür nun die nötigen Tests beschleunigen und eine alte Verordnung über Testmaßnahmen für die eGK aufheben. Das sieht ein Referentenentwurf aus dem BMG vor, über den die „Ärzte Zeitung“ jetzt berichtet.

Nachdem der Test der eGK mit den Versichertenstammdaten gelaufen ist und bereits in den Praxen etabliert wird, soll die Betreibergesellschaft Gematik bei den weiteren Tests für neue Anwendungen wie Notfalldaten etc. flexibler und schneller agieren können, heißt es. Diese weiteren Anwendungen wie Notfalldaten, elektronischer Arztbrief, Medikamentenplan und Einstieg in die elektronische Patientenakte sind bereits im E-Health-Gesetz enthalten, das der frühere Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe Ende 2015 auf den Weg gebracht hat.

Dass die Testverfahren jetzt verändert werden sollen, kommt nicht unerwartet, auch die Gematik selbst hat dazu bereits Pläne zum Beispiel zum Feldtest für die Notfalldaten erarbeitet. Vonseiten der Ärzte- und Zahnärzteschaft wird allerdings kritisch gesehen, dass im BMG-Entwurf wohl auch wichtige Testaspekte mit gestrichen werden sollen.

AOK stellt eGK infrage

Kurz vor Ostern stellten einige Krankenkassen, so der Vorsitzende der AOK, Martin Litsch, in Interviews in verschiedenen Zeitungen die elektronische Gesundheitskarte in der vorliegenden Form komplett infrage. Die eGK sei gescheitert, so Litsch, es handele sich um eine veraltete Technik, in die bald zwei Milliarden Euro gesteckt worden seien. Er kritisierte unter anderem den aus heutiger Sicht überregulierten Zugang der Patienten zu den Daten. Diese müssten Patienten heute über ihr Smartphone erreichen können. Die Gematik solle künftig nur noch eine Regulierungsbehörde sein.

Diese Einschätzung teilten viele Kassenkollegen allerdings nicht. Zwar gebe es Schwachpunkte bei der eGK, aber das sei kein Grund, das komplette Konzept infrage zu stellen, so unter anderem Vertreter der Barmer. Auch der Verband der Ersatzkassen (VdEK) widersprach Litsch.

Im Punkt „Zugang des Patienten zu seinen Daten“ bekam Litsch allerdings Unterstützung aus dem GKV-Spitzenverband. Dessen Vorstandschefin Doris Pfeiffer erklärte kurz vor Ostern in der „Frankfurter Rundschau“, dass die bisherige Zugriffsregelung veraltet sei, nach der ein Versicherter nur im Beisein eines Arztes Zugriff auf seine auf der Karte gespeicherten Daten hat. „Wir wollen erreichen, dass die Versicherten jederzeit über eine App an ihre Patientenakte kommen, ohne dass die Gesundheitskarte extra eingelesen wird und ein Arzt notwendig ist. Der Versicherte muss immer Herr über seine Daten sein“, so Pfeiffer im Interview.

Lesen Sie zum Thema Telematik auch den aktuellen Kommentar „An der Digitalisierung führt kein Weg vorbei”.

Kassen mit eigenen Projekten

Bereits vor dem offiziellen Rollout für die TI im Juli 2017 hatten erste Krankenkassen eigene Projekte für Telematik-Anwendungen, unter anderem für eine elektronische Patientenakte, mit Unternehmen gestartet, so zum Beispiel die Techniker-Krankenkasse und auch die AOK, die unter der Bezeichnung „Haffnet“ in Mecklenburg-Vorpommern eine moderne Version der elektronischen Patientenakte testet.

Zahnarzt startet „Rote Karte für die TI“

Auf Initiative von Dr. Thomas Weber, Zahnarzt in Krumbach, und weiteren Zahnärzten und Ärzten in Bayern, läuft seit einigen Wochen erfolgreich die Initiative „Rote Karte für die TI“. Über die Beweggründe heißt es auf der Facebookseite der Initiative, man wolle etwas gegen die erzwungene Einrichtung der Telematikinfrastruktur in den Praxen tun. „Im Kollegenkreis wurde die Idee geboren, dem persönlichen Unmut über diese Maßnahme Ausdruck zu verleihen: Keiner der Kolleginnen und Kollegen will eine nicht 100-prozentig sichere Vernetzung seiner Praxisrechner und Patientendaten mit dem Netz, keiner will das Risiko eines ‚gläsernen Patienten beim gläsernen Arzt‘. Einige müssten ihren Rezeptionsbereich umbauen, einer sogar seine gesamte EDV umstellen. Und das, um einen ‚Online-Abgleich‘ von Versichertenstammdaten mit der Krankenkasse zu ermöglichen. Mehr kann die schon euphorisch als weiterer Meilenstein der Digitalisierung des Gesundheitswesens gefeierte Telematikinfrastruktur nämlich noch gar nicht.“

An politische Entscheidungsträger senden

So sei die Idee der “Roten Karte” geboren worden: „Wer will, kann jetzt der Politik für dieses unausgereifte Vorhaben die Rote Karte zeigen. Wir möchte aufzeigen, wie sehr Aufwand und Nutzen momentan noch in krassem Missverhältnis stehen.“

Verschickt werden können die „Roten Karten“ an politische Entscheidungsträger – Bundestagsabgeordnete, Minister, die Kanzlerin. Vor Ostern war eine erste große Postkartenaktion erfolgreich gelaufen, die Aktion schaffte es sogar prominent ins Bayerische Fernsehen.

Inzwischen wartet man auf die nächste Lieferung von 12.000 „Roten Karten“, die ab 11. April zur Verfügung stehen sollen, heißt es auf der Facebook-Seite der Aktion. Bestellen kann man die Karten per E-Mail an rote-karte-fuer-die-ti@gmx.de.

Titelbild: Kartenlesegerät (Foto: QTV)