Die Straumann Group gehört derzeit zu den am stärksten wachsenden Unternehmen im globalen Dentalmarkt. Die Geschäftsfelder sind längst um Bereiche außerhalb des klassischen Implantatgeschäfts ausgeweitet worden, auch wenn zur Internationalen Dental-Schau (IDS) in Köln wieder ein neues Implantatsystem vorgestellt wurde. Im Interview mit Dr. Aneta Pecanov-Schröder, Bonn, für Quintessence News gibt CEO Marco Gadola Auskunft über Strategie und Positionierung der Unternehmensgruppe, Trends in der Zahnmedizin und Zahntechnik sowie den angekündigten Wechsel auf der Position des CEO.

Schon seit einigen Jahren geht Straumann förmlich auf „Einkaufstour“ und erst zur Eröffnung der IDS wurde ein neuer Zukauf bekannt: Die Straumann-Gruppe hat ihre Beteiligung an dem französischen Implantathersteller Anthogyr von 30 auf 100 Prozent erhöht. Welche Erwartungen verknüpfen Sie damit?

Marco Gadola, CEO der Straumann Group, im Gespräch auf der IDS (Foto: Quintessence News)

Marco Gadola: Der Markt für Zahnimplantate ist mittlerweile stark segmentiert. Noch vor 15 bis 20 Jahren gab es die fünf großen Hersteller Nobel, Straumann, 3i, Zimmer und Astra. Als Premiumanbieter vereinten sie 60 bis 70 Prozent des gesamten Marktes. Schaut man sich den Markt heute an, sind von jährlich bis zu 25 Millionen gesetzten Implantaten nur noch 6,5 Millionen sogenannte „Premiumimplantate“. Der Rest kann der Value-Sparte zugeordnet werden, also Implantatsysteme, die zu einem günstigeren Preis angeboten werden. Die Value-Anbieter wachsen viel schneller als die Premium-Anbieter. Deshalb haben wir uns 2013 entschlossen, mit verschiedenen Systemen und Marken die unterschiedlichen Preissegmente und Bedürfnisse der Zahnärztinnen und Zahnärzte abzudecken mit dem Ziel, Gesamtmarktführer zu werden. Mit Anthogyr, Neodent und Medentika haben wir drei starke Marken, um auch das Value-Segment optimal bedienen zu können. Mit Medentika punkten wir in Märkten, die auf „Made in Germany“ setzen. Jetzt arbeiten wir an einem attraktiven und umfassenden Portfolio für den Niedrigpreis-Markt. Denn immerhin sprechen wir hier von etwa zehn dieser 25 Millionen jährlich gesetzten Implantate.

„Unser Anspruch heute ist, Gesamtlösungsanbieter für ästhetische Zahnmedizin zu sein.“

Mit dieser Akquisition erschließt sich Straumann also zusätzlich den Markt für günstige Implantate. Schon vor einigen Jahren haben Sie als Reaktion auf die Konzentrationsprozesse im Dentalmarkt eine Strategie der Ausweitung des Geschäfts über den Implantatbereich hinaus gestartet und damit offensichtlich richtig gelegen: Die Straumann Group ist aktuell eines der erfolgreichsten Dentalunternehmen weltweit. Können Sie sich jetzt zurücklehnen? Oder welche Aufgaben, Bereiche und Märkte stehen für Straumann noch an?

Gadola: Wir befinden uns in einem Markt, der mehr und mehr konzentriert wird. Noch in 2010 waren Implantatanbieter wie Nobel, Astra, MIS, Biohorizons, Camlog, Neodent, Anthogyr, Medentika – um nur ein paar zu nennen – eigenständig. Heute gehören sie zu Gruppen von Unternehmen. Es genügt heute nicht mehr, ausschließlich Zahnimplantate anzubieten. Wir müssen in Gesamtlösungen denken, um beispielsweise auch bei Dentalketten erfolgreich zu sein. Neben einem guten Implantatsystem haben digitale Workflows enorm an Bedeutung gewonnen. Darüber hinaus müssen auch Produkte zur Korrektur von Zahnfehlstellungen und Optionen für 3-D-Druck bereitgestellt werden. Am besten alles aus einer Hand.


Im Video-Interview von der IDS 2019 spricht Marco Gadola über das neue Implantatsystem Straumann BLX sowie über weitere Geschäftsfelder und erklärt, wie sich das Unternehmen im Markt positioniert. (Video: QTV/Quintessence News)

Straumann möchte ganz klar mehr sein als nur ein Anbieter von Zahnimplantaten. Seit 2013 haben wir unser Angebot kontinuierlich erweitert. Unser Anspruch heute ist, Gesamtlösungsanbieter für ästhetische Zahnmedizin zu sein.

Um dem gerecht zu werden, bieten wir unseren Kunden Clear-Aligner zur Korrektur von Zahnfehlstellungen, Digitalisierung mit intraoralem Scannen, chairside Fräsen, 3-D-Druck. Derzeit prüfen wir neue Konzepte zur Kariesbehandlung, denn auch die präventiven Maßnahmen sind wichtiger Teil der ästhetischen Zahnmedizin, und damit ein Gebiet, in welches wir vordringen wollen.

Setzen Sie dabei auf weitere Akquisitionen oder eine Intensivierung der Produktentwicklung aus dem eigenen Haus?

Gadola: Es ist eine Mischung aus unternehmenseigenen Innovationen und Innovationen, die wir zusammen mit anderen Firmen anbieten. Auf der einen Seite sind wir in den vergangenen Jahren organisch gewachsen, und unsere Wachstumsraten basieren zum großen Teil auf selbst entwickelten Produkten. Ich denke zum Beispiel an das BLT-Implantat, Titanbasen, Roxolid – das sind alles Entwicklungen aus dem Hause Straumann.

Wenn man auf der anderen Seite unsere digitalen Lösungen anschaut, ist natürlich ein wichtiger Teil dazu gekauft, etwa mit 3Shape oder der Teil-Akquise von Rapid Shape, die bei 3-D-Druck-Technologien führend ist. Da sind wir mit Partnerschaften unterwegs.

3-D ist meiner Meinung nach einer der ganz großen Trends in unserer Industrie. Ich bin überzeugt, dass wir in zwei bis drei Jahren in der Zahnarztpraxis fertige Kronen und Brücken drucken werden – ob aus Keramik oder aus hochfesten Polymeren – bleibt noch dahingestellt.

Ich glaube auch ganz fest an Keramikimplantate – ein großer Trend weltweit, der in unserer Industrie noch unterschätzt wird. In den USA sind Keramikimplantate mehr und mehr „hip“. Und wir wollen und müssen sicherstellen, dass wir in diesen Zukunftstechnologien führend sind. Straumann hat den Anspruch, Gesamtlösungsanbieter für ästhetische Zahnmedizin zu sein, und durch die Konzentrationsprozesse im Dentalmarkt gibt es heute neben der Straumann Group eigentlich nur vier große Player für professionelle Zahnprodukte: Danaher, Dentsply Sirona, Henry Schein und Patterson.

„Der Markt für Clear-Aligner ist so weit entwickelt wie der Implantatmarkt vor 20 Jahren“

Sie haben die Aligner schon angesprochen; Straumann ist Ende vergangenen Jahres in Deutschland mit ClearCorrect im Bereich Kieferorthopädie gestartet, für den chinesischen Markt gibt es eine Kooperation mit TJZL – wie sehen Sie die Entwicklung im Bereich Aligner-KfO weltweit?

Marco Gadola: „Die komplexeren Fälle sehen auch wir in der Hand der Spezialisten.“ (Foto: Straumann)

Gadola: Der Markt für Clear-Aligner ist etwa so weit entwickelt wie der Implantatmarkt vor 20 Jahren. Heute werden weltweit etwa 1,1 Millionen Fälle pro Jahr mit Clear-Alignern behandelt, davon ca. 60 Prozent in den USA, 20 Prozent in China und 20 Prozent im Rest der Welt. Außerhalb der USA und China befindet sich das Clear-Aligner Geschäft noch in einem Entwicklungsstatus. In Märkten wie Deutschland, der Schweiz oder in den europäischen Märkten im Allgemeinen haben wir noch viel Potenzial, um mit Clear-Alignern Wachstum zu generieren.

Um gleich der Frage zuvorzukommen, warum wir in China mit Smyletech unterwegs sind: Hier hätte die Registrierung unserer ClearCorrect-Produkte einfach zu lange gedauert. Wir sprechen hier über einen Zeithorizont von drei bis vier Jahren. Diese Zeit haben wir einfach nicht. Der Markt wächst, die Positionen werden heute vergeben und wir müssen sicherstellen, dass wir dort bereits heute mit einem kompetitiven Angebot im Markt tätig sind.

Invisalign hat weltweit mehr als 70 Prozent Marktanteil. Das ist klar ein monopolistischer Markt für transparente Zahnschienen. Mit ClearCorrect bieten wir eine echte Alternative. Unsere Strategie ist auch eine andere als die von Invisalign. Unsere Zielkundengruppe sind nicht hauptsächlich die kieferorthopädischen Spezialisten, sondern ganz bewusst von Anfang an auch die Allgemeinzahnärzte. Für letztere Zielgruppe sind vor allem die einfachen und mittelschweren Fälle von Bedeutung. Die komplexeren Fälle sehen auch wir in der Hand der Spezialisten und kommunizieren dies auch so an unsere Kunden.

Die Implantologie und damit zusammenhängend die Geweberegeneration sind ein weiterer Kernbereich bei Straumann. Wie entwickelt sich dieser Bereich in den unterschiedlichen Märkten?

Gadola: Der Implantatmarkt wächst pro Jahr insgesamt zwischen 4 und 5 Prozent, hauptsächlich im mittleren und im Tiefpreis-Segment. Letzterer wächst jährlich um 6 bis 7 Prozent, der Premium-Markt hingegen nur um 1 bis 2 Prozentpunkte – mit unterschiedlicher geografischer Dynamik. China treibt das Wachstum des Gesamtmarktes mit 20 bis 25 Prozent Wachstum pro Jahr enorm an. Auch Indien wächst sehr stark, wie eigentlich alle aufstrebenden Märkte.

Die traditionellen Implantatmärkte sind relativ gesättigt – in der Schweiz sind rückläufige Implantatvolumen festzustellen, in Deutschland sind sie mehr oder weniger stabil. Potenzial für Wachstum gibt es noch in den USA: Da ist die Marktdurchdringung noch immer relativ niedrig.

Zur IDS 2019 ist das neue BLX-Implantatsystem aufwendig in den Markt eingeführt worden. An welche Zielgruppe richtet sich dieses System?

Gadola: Es richtet sich insbesondere an erfahrene Behandler, die Sofortimplantationen vornehmen und auch komplett zahnlose Patienten versorgen. Da braucht es ein Implantat mit einer sehr hohen Primärstabilität.

BLX basiert auf langjährig erprobten und sicheren Konzepten, Designs und Materialien. Eine der Schlüsseleigenschaften des neuen Implantats ist der sogenannte Bone Sensor: Das Implantat „merkt“, auf welche Art von Knochen es trifft und verhält sich dann entsprechend. Trifft es auf harten Knochen, schneidet das Implantat und transportiert Knochen dorthin, wo der Knochen gebraucht wird. Wenn der Knochen weicher ist, dann komprimiert das Implantat den Knochen.

Es bietet also eine ideale Art, Implantate zu setzen. Wenn man sich das Implantat von außen anschaut, sieht es relativ aggressiv aus. Aber wenn Sie es in der Anwendung betrachten, ist es ein Implantat, das Fehler verzeiht und mit sehr gutem „bone-to-implant-contact“ (BIC) darauf ausgelegt ist, extrem gut in den Knochen einzuwachsen.

Das BLX-Implantat ist der Baustein, der uns noch gefehlt hat. Wir glauben, hier etwas in der Hand zu haben, mit dem wir richtig Gas geben können. Mit den Durchmessern 3,5 bis 6,5 Millimetern decken wir die gesamte Bandbreite vom ästhetischen Frontzahn- bis zum Molarbereich bei Extraktionsalveolen ab, wobei man mit dem 3,75-Millimeter-Durchmesser eigentlich alles machen kann. Das ist quasi die Universallösung.

„Die Rolle des Zahntechnikers ist immer noch entscheidend.“

Auf dieser IDS standen beim Thema Digitalisierung erneut die zahntechnischen Labore im Fokus. Welchen Stellenwert haben die Zahntechnik und das gewerbliche Labor bei Straumann?

Gadola: Die Rolle des Zahntechnikers ist immer noch entscheidend. Wenn Sie sehen, wie viele Kronen oder Brücken in der Praxis gefräst werden, ist das ein verschwindend kleiner Teil. Es sind die Labore, welche die Hauptarbeit leisten und auch die komplizierteren Konstruktionen herstellen.

Wie spiegelt sich die Bedeutung und der Stellenwert des gewerblichen Labors in Ihrem Unternehmen wider?

Marco Gadola: „Für die Straumann Group ist das Labor ein ebenso wichtiger Kunde wie die Zahnarztpraxis.“ (Foto: Straumann)

Gadola: Zum Beispiel durch MPS Multi Platform Solution, eine Lösung, die wir seit zwei Jahren über Medentika anbieten. Dadurch kann das Labor bei uns prothetische Elemente nicht nur für Straumann-Implantate, sondern für alle gängigen Implantatsysteme bekommen.

Außerdem haben wir den digitalen Workflow für das Dentallabor vervollständigt: Wir bieten sowohl Laborscanner in verschiedenen Preisstufen als auch Fräsmaschinen oder 3D-Drucker mit dem entsprechenden Material an.

Für die Straumann Group ist das Labor ein ebenso wichtiger Kunde wie die Zahnarztpraxis, und wir sind uns bewusst, dass wir auch hier ein Gesamtlösungsanbieter sein müssen, um Partner der Wahl zu sein. Das haben wir, so glaube ich, in den vergangenen beiden Jahren mit der Erweiterung unserer Produktpalette auch zeigen und erreichen können.

Welche Rolle spielt der informierte Patient in der gesamten Bandbreite der Angebote für Straumann?

Gadola:  Natürlich entscheidet noch immer hauptsächlich der Behandler darüber, welches Implantatsystem er nutzt. Aber wir stellen fest, dass sich gerade die jüngeren Patientinnen und Patienten intensiv informieren. Sie realisieren, dass es nicht nur einen preislichen, sondern auch qualitativen Unterschied gibt. Es spricht ja für uns und kann uns nur recht sein, dass sich die Patienten zunehmend informieren und sich nicht einfach irgendein Implantat „in den Mund schrauben lassen“.

Sie haben für 2020 Ihren Rückzug als CEO angekündigt, Ihr Nachfolger wird Guillaume Daniellot. Wie werden Sie die Zeit des Übergangs gestalten?

Gadola: Guillaume Daniellot ist zurzeit noch zuständig für unser Geschäft in Nordamerika, das in den vergangenen Jahren sehr stark gewachsen ist. Aktuell sind wir in der Selektionsphase, was seine Nachfolge angeht. Sobald sein Nachfolger oder seine Nachfolgerin eingearbeitet und vorbereitet ist, werden wir den Übergang von mir auf ihn angehen – mit dem gesamten Team.

Titelbild: Marco Gadola, CEO der Straumann Group, im Gespräch mit Dr. Aneta Pecanov-Schröder für Quintessence News. (Foto: Quintessence News)