„Prävention, Funktion und Ästhetik“ sind die drei Ziele in der kieferorthopädischen Behandlung. Im Rahmen des 8. Symposions zur Erwachsenenkieferorthopädie am 25. Mai in Frankfurt am Main ist es dem Tagungspräsidenten Prof. Philipp Meyer-Marcotty gelungen, einen Bogen über die gesamten Anforderungen an die kieferorthopädische Behandlung Erwachsener zu spannen. Besonders wertvoll war dieses Symposion durch den enormen Erfahrungsschatz der eingeladenen Referenten in Kombination mit dem Ausblick auf heutige Techniken und Möglichkeiten.

Differenziertes Wissen notwendig

Das wissenschaftliche Programm begann mit einem Paukenschlag – dem Vortrag von Prof. Birte Melsen. Ihr Referat „The role of Orthodontics in the regeneration of the degenerated dentition“ beinhaltete nicht nur die Grundlagen für das Verständnis von Knochenregeneration und Zahnbewegung, sondern auch die präzise Diagnostik und Mechanik zur Behandlung schwierigster Behandlungsaufgaben.

Melsen zeigte anhand zahlreicher Fallpräsentationen mit Langzeitergebnissen über 40 Jahre die Notwendigkeiten kieferorthopädisch individueller Lösungen. Es gibt nicht das eine System zur Behandlung komplexer Fälle, so die Referentin. „Brainless Orthodontics“ werde heute teilweise vermittelt, wenn behauptet würde, ein bestimmtes System garantiere die Behandlungsqualität. Ganz im Gegenteil, differenziertes Wissen und die Kenntnisse verschiedenster Mechaniken sicherten den individuellen Langzeiterfolg, so Melsens Fazit. Prof. Ingrid Rudzki schloss sich mit ihrem Vortrag über „Neue Wege in der kieferorthopädischen Chirurgie?“ dieser Sichtweise an. Die heute übliche interdisziplinäre Planung und Behandlung von Dysgnathiepatienten erfordere ein hohes Maß an fachübergreifenden Kenntnissen.

Early Surgery Konzept

Die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Kieferorthopäden und Kieferchirurgen ist eine seit mehr als 100 Jahren geforderte und gelebte Kooperation (Blair, Angle, Whipple 1897/1908). Die dazu notwendige Basis verlangt eine das gesamte stomatognathe System umfassende präzise Befundung.

Der Überblick von den Konzepten des „Early Surgery Konzepts“ bis zu zahlreichen Fallpräsentation der interdisziplinären Zusammenarbeit wiederum mit Langzeitergebnissen über die letzten Jahrzehnte bot eine intensive Fortbildung.

Prof. Hans-Peter Bantleon aus Wien überzeugte mit einer Vielzahl von Fallbeispielen und einem intensiven Austausch mit den Zuhörern. Er präsentierte Erwachsenenfälle mit Konzepten zur Bisserhöhung, dem Lückenschluss, der Lückenöffnung sowie Distalisierungmechaniken mit verschiedensten Lösungsansätzen. Seine wissenschaftlich fundierten individuellen Mechaniken, die direkt in den praktischen Praxisalltag übernommen werden können, begeisterten die Zuhörer und wurden angeregt diskutiert.

Gesicherte Retension und „Best Ager“

Kein noch so gutes Behandlungsergebnis ist jedoch zufriedenstellend ohne eine gesicherte Retention. Zu diesem wichtigen Thema sprach Prof. Michael Wolf aus Aachen. Aber auch in der Retentionsphase mit festsitzenden Retainern können in Einzelfällen Fehlreaktionen auftreten. Mit zahlreichen klinischen Bildern zeigte Wolf einen aktuellen Überblick über die unterschiedlichen Retentionsmaßnahmen. Er gab Hilfestellung in der Planung der Retention, um aufgrund wissenschaftlicher Daten Risikofälle herausfiltern zu können.

Abschließend gab der Tagungspräsident Prof. Meyer-Marcotty einen umfassenden Überblick über die Motivation und Behandlungskriterien erwachsener Patienten ab 40 Jahren. Er vermittelte anschaulich, welche besonderen Grundlagen und Erfordernisse bei Behandlung von „Best Agern“ erforderlich sind.

Die Zuhörer waren von den angebotenen Themen und der Möglichkeit des direkten Erfahrungsaustausches mit den Referenten im Rahmen einer Podiumsdiskussion zu allen Themen so fasziniert, dass selbst beim Schlusswort der Saal noch gefüllt war.

Das Titelbild zeigt die Anfangssituation eines Patientenfalls von Dr. Christian Kirschneck, Quintessenz 5/2017