Noch immer zögern Patienten beim Arztbesuch, auch bei den wichtigen Kontrollterminen. In den Kliniken ist man noch von der Rückkehr zur Normalität bei den operativen Eingriffen entfernt. Das zeigen eine Umfrage des Ärztenachrichtendiensts und die Auswertung der Klinikabrechnungen durch das Wissenschaftliche Institut der AOKen.

Noch immer blieben coronabedingt Patienten den Praxen fern, die eigentlich medizinisch betreut werden müssten. Eine aktuelle Umfrage des Ärztenachrichtendienst (änd.de) unter Haus- und Fachärzten zeigt: Fast drei Viertel der Mediziner kennen Patienten, die wichtige Kontrolluntersuchungen oder Behandlungen aufschieben, wodurch ihnen gesundheitliche Nachteile drohen könnten.

Die Auswertung der Krankenhausfälle der 27 Millionen AOK-Versicherten zeigt, dass es während der Lockdown-Phase im März und April 2020 insgesamt deutliche Fallzahl-Rückgänge von 39 Prozent gegenüber dem Vorjahres-Zeitraum gab. Besonders hohe Rückgänge sind bei planbaren, nicht dringlichen Eingriffen wie Operationen zum Arthrose-bedingten Hüftersatz (minus 79 Prozent) zu verzeichnen. Allerdings zeigen sich auch starke Rückgänge bei der Behandlung von lebensbedrohlichen Notfällen wie Herzinfarkten (minus 31 Prozent) und Schlaganfällen (minus 18 Prozent). Gerade dies bereite Sorge. Erst seit Mitte April steige die Zahl der Eingriffe wieder an.

81 Prozent der Hausärzte kennen Patienten, die nicht kommen wollen

Der Ärztenachrichtendienst hatte vom 24. bis zum 26. Juni mehr als 1.300 niedergelassene Ärzte (insgesamt 483 Hausärzte und 880 niedergelassene Fachärzte) aus dem gesamten Bundesgebiet zu den derzeitigen Auswirkungen der Corona-Krise befragt. Auf die Frage „Beobachten Sie, dass Patienten wichtige Kontrolluntersuchungen oder Behandlungen aufschieben, wodurch ihnen gesundheitliche Nachteile drohen könnten?“ antworteten 71 Prozent aller befragten Ärzte mit „Ja – das ist leider der Fall. Ich kenne solche Patienten.“ Die Aufschlüsselung nach Fachgruppen zeigt bei den Hausärzten mit 81 Prozent ein noch drastischeres Ergebnis als bei den Fachärzten (67 Prozent).

67 Prozent der Ärzte berichten geringere Patientenzahlen

Auch die Zahl der Patienten, die in die Praxen kommen, ist in 67 Prozent der Praxen noch geringer. Nur jeder dritte Arzt (33 Prozent) gab an, dass die Zahl der Patienten in der eigenen Praxis inzwischen wieder den Vor-Corona-Wert erreicht habe. 41 Prozent erklärten, dass die Besuche immer noch „etwas niedriger“ seien, 26 Prozent sehen dagegen „deutlich weniger“ Patienten als vor der Corona-Zeit.

Mundschutzpflicht bei drei Viertel der Praxen

Ziemlich eindeutig sei die Lage beim Thema Mundschutz: Mehr als drei Viertel der Ärzte lassen derzeit keine Patienten ohne Mund-Nase-Bedeckung in ihre Praxis. 14 Prozent der Mediziner bitten ihre Patienten zwar darum – tolerieren aber, wenn sich einzelne Personen nicht an die Auflage halten. Nur 9 Prozent überlassen die Entscheidung komplett den Patienten.

67 Prozent der Ärzte rechnen mit Anstieg der Infektionszahlen

Dass solche Schutzmaßnahmen schon bald der Vergangenheit angehören, glauben die Mediziner eher nicht. Das zeigen die Antworten auf die Frage nach der vermuteten Entwicklung der Neuinfektionszahlen: Eine deutliche Mehrheit der befragten Ärzte (67 Prozent) rechnet in diesem Jahr noch mit einem deutlichen Anstieg der Neuinfektionen. Lediglich 33 Prozent glauben nicht, dass sich die Lage in den nächsten Monaten wieder spürbar verschlechtern wird.

62 Prozent der Ärzte erwarten spürbare finanzielle Verluste

Auch eine Prognose zu den finanziellen Auswirkungen des coronabedingten Patientenrückgangs für die eigene Praxis mussten die Umfrageteilnehmer abgeben. Das Ergebnis: Nur 12 Prozent der Ärzte erwarten keine Veränderung bei den Finanzen. 26 Prozent befürchten dagegen deutliche Honorareinbußen, die zur Verschiebung von geplanten Investitionen oder sogar Personalabbau führen könnten. Die Mehrheit von 62 Prozent der Befragten erwartet dagegen zwar spürbare Verluste – die Auswirkungen auf die Praxen werden sich ihrer Einschätzung nach aber noch in Grenzen halten.

Präzisierung der Daten zu den Kliniken

Das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) hat die Fallzahl-Rückgänge bei den Krankenhaus-Behandlungen aufgrund des Coronavirus-Lockdowns erstmals auf einer validen bundesweiten Datenbasis untersucht. Die Auswertung der Krankenhausfälle der 27 Millionen AOK-Versicherten zeigt, dass es während der Lockdown-Phase im März und April 2020 insgesamt deutliche Fallzahl-Rückgänge von 39 Prozent gegenüber dem Vorjahres-Zeitraum gab. Besonders hohe Rückgänge sind bei planbaren, nicht dringlichen Eingriffen wie Operationen zum Arthrose-bedingten Hüftersatz (minus 79 Prozent) zu verzeichnen. Allerdings zeigen sich auch starke Rückgänge bei der Behandlung von lebensbedrohlichen Notfällen wie Herzinfarkten (minus 31 Prozent) und Schlaganfällen (minus 18 Prozent).

Während der Lockdown-Phase vom 16. März bis zum 5. April 2020 wurden insgesamt rund 241.000 Fälle von AOK-Versicherten in deutschen Krankenhäusern behandelt. Das waren etwa 157.000 Fälle weniger als im entsprechenden Vorjahreszeitraum. Absolut gesehen gab es den größten Rückgang der Fallzahlen laut WIdO-Report bei Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems, die um 42 Prozent (minus 27.000 Fälle) zurückgingen. Der größte relative Fallzahl-Rückgang ist mit 65 Prozent bei den Krankheiten des Muskel-Skelett-Systems zu verzeichnen (minus 22.000 Fälle). Das Ausmaß der Rückgänge ist regional unterschiedlich und reicht von 34 Prozent in Sachsen bis zu 43 Prozent in Rheinland-Pfalz.

Trendumkehr seit April 2020: Fallzahlen steigen wieder

Seit der 15. Kalenderwoche (6. bis 10. April 2020), in der die Krankenhaus-Fallzahlen ihren Tiefpunkt erreichten, zeichnet sich eine Trendwende ab: Die Zahl der Behandlungsfälle steigt in den letzten Wochen langsam wieder an. “Offenbar werden die Empfehlungen des Bundesgesundheitsministeriums zur Rückkehr der Kliniken in einen neuen Alltag Schritt für Schritt umgesetzt. Ob und wann das Fallzahlenniveau vor der Coronavirus-Pandemie wieder erreicht wird, ist aber noch offen”, betont WIdO-Geschäftsführer Jürgen Klauber.

Deutliche Unterschiede zwischen planbaren und dringlichen Behandlungen

In einer Detail-Analyse von insgesamt 21 Behandlungsanlässen zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen dringlichen, medizinisch notwendigen Behandlungen auf der einen und planbaren, weniger dringlichen Fällen auf der anderen Seite. So gab es beispielsweise bei den Blinddarm-Entfernungen ohne akute Entzündung einen Rückgang von 28 Prozent, während die Zahl Behandlungen von akuten Blinddarm-Entzündungen sogar leicht stieg (plus 8 Prozent). Ein ähnliches Muster zeigt sich bei Krebs-Behandlungen: Die Zahl der operativen Ersteingriffe zur Entfernung eines Tumors in der Brust stieg gegenüber dem Vorjahres-Zeitraum um 11 Prozent, während die nicht dringlichen Eingriffe zur Rekonstruktion der Brust um 76 Prozent zurückgingen. Die Gesamtzahl der vollständigen Gebärmutterentfernungen (Hysterektomien) hat sich nahezu halbiert (minus 48 Prozent), was ausschließlich auf Eingriffe bei gutartigen Veränderungen zurückzuführen war (minus 66 Prozent), während die Eingriffe bei Gebärmutterhalskrebs anstiegen (plus 23 Prozent).

Sehr rationales Vorgehen der Ärzte

„Insgesamt zeigt sich in den Daten ein sehr rationales Vorgehen der behandelnden Ärzte in der Phase des Lockdowns: Nicht so dringliche Operationen, zum Beispiel zur Implantation von künstlichen Gelenken, wurden den Vorgaben der Politik entsprechend verschoben, um Kapazitäten für die Behandlung von Covid-19-Patienten freizuhalten. Zugleich wurden aber offensichtlich dringliche und medizinisch notwendige Operationen weiter durchgeführt“, sagt WIdO-Geschäftsführer Jürgen Klauber. Den stärksten Rückgang hat es bei den besonders oft durchgeführten Operationen zum Einsetzen eines künstlichen Hüftgelenkes gegeben: Die Zahl der arthrosebedingten Hüftprothesen-Implantationen nahm um 79 Prozent ab. Die Zahl der Behandlungen von akuten Oberschenkelhalsbrüchen blieb dagegen ungefähr auf dem gleichen Niveau wie 2019.

Starker Rückgang bei Notfall-Behandlungen auch Anlass zur Sorge

Anlass zur Sorge geben aus Sicht der WIdO-Experten die hohen Fallzahl-Rückgänge bei der Behandlung von Herzinfarkten: Während im Vergleichszeitraum des Vorjahres insgesamt 4.628 Fälle von AOK-Versicherten behandelt wurden, waren es in der Lockdown-Phase nur 3.209 Herzinfarkte (minus 31 Prozent). Ein ähnliches Bild zeigt sich bei Schlaganfällen: Hier sank die Zahl der behandelten Fälle von 6.190 auf 5.046 (minus 18 Prozent). Bei der Behandlung der Vorstufe des Schlaganfalls, der transistorisch-ischämischen Attacke (TIA), zeigt sich in den Daten sogar ein Rückgang von 37 Prozent.

Patienten alarmieren offensichtlich seltener den Rettungsdienst

„Diese starken Rückgänge in der Behandlung von echten Notfällen weisen darauf hin, dass betroffene Patientinnen und Patienten in der Phase des Lockdowns den Rettungsdienst seltener alarmiert haben“, so Klauber. Trotz akuten Behandlungsbedarfs und möglicher gravierender Folgen hätten die Betroffenen offenbar häufiger keine medizinische Hilfe in Anspruch genommen. „Über die Gründe für dieses Verhalten und das Ausmaß möglicher Folgeerkrankungen geben die Daten keinen Aufschluss“, erklärt Klauber. Schon jetzt lasse sich aber schlussfolgern, dass die Aufklärung der Bevölkerung über das richtige Verhalten im Notfall verbessert werden sollte. Kampagnen wie „Zeit ist Muskel“ oder „Time is brain“ müssten mit Bezug zur Corona-Pandemie intensiviert werden. „Zu einem späteren Zeitpunkt sollten zudem die Sterblichkeitsraten und die Entwicklung von Folgeerkrankungen aufgrund nicht behandelter Notfälle analysiert werden“, betont Klauber.

Quellen: Pressemeldung des änd.de und des WIdO

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