Wie sagte einst Helmut Schmidt – „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.“ Die Deutsche Gesellschaft für Implantologie sah dies anders: „Unsere Vision für die nächsten zwei Tage ist die Darstellung der oralen Implantologie nicht wie sie ist, sondern wie sie sein wird“ – mit diesem Eingangsstatement eröffnete der Kongresspräsident und Fortbildungsreferent der Deutschen Gesellschaft für zahnärztliche Implantologie (DGZI) den 49. Internationalen Jahreskongress der DGZI, der dieses Jahr in München stattfand.

Mit 50 Referenten und gut 350 Teilnehmerinnen und Teilnehmern wies der Kongress eine deutliche Steigerung bei den Buchungen auf: 75 Table Clinics und Übertragungen von zwei Live-OPs/Behandlungen via Livestream-Internet, sowie eine vielbeachtete Digitale Poster Präsentation standen am ersten Kongresstag im Fokus, der Samstag widmete sich der Wissenschaft: Namhafte Referenten präsentierten hier zwölf wissenschaftliche Vorträge, abgerundet mit Kursen für das Praxispersonal und einer begleitenden Dentalausstellung mit 26 handverlesenen Industriepartnern.

Neuausrichtung kommt an

Dass der Kongress dabei etwas kleiner als in den Vorjahren wurde, nahmen die Kongressmacher bewusst in Kauf – „wir freuen uns sehr über die besseren Zahlen wie vergangenes Jahr in Düsseldorf, aber wir hätten auch andere Teilnehmerzahlen akzeptiert“, so DGZI-Vize Dr. Rolf Vollmer, „uns geht es hier um Neuausrichtung und vor allem um Qualität!“ Past-DGZI-Präsident Prof. Dr. Deppe (München) ergänzt: „Die spontanen Reaktionen unserer Kolleginnen und Kollegen und auch der Rücklauf zeigten, dass wir den richtigen Weg eingeschlagen haben!“

Zukunftspodium

Erster Höhepunkt war das Zukunftspodium. Der Kongresspräsident und seit der Mitgliederversammlung am Kongressvortag auch frischgebackene Präsident der DGZI, Dr. Georg Bach, führte in das Thema ein: „Unser Kongressziel ist klar die Darstellung der Zukunft unserer Fachdisziplin – wie wird die Implantologie, wie wird die Zahnmedizin in fünf oder 10 Jahren aussehen? Welche Materialien und Technologien werden relevant sein? Wie sehen die künftigen medizinischen und wirtschaftlichen Herausforderungen aus? Welche politischen und wirtschaftlichen Außenbedingungen strahlen auf die freiberuflich Tätigen ein?“ Ein Politiker und zwei Hochschullehrer beschrieben ihre Visionen des Berufs Zahnarzt und stellten sich der Diskussion.

Stabübergabe: Nachfolger von Prof. Herbert Deppe (links) als DGZI-Präsident ist Dr. Georg Bach (rechts)

Die Verpflichtung des politischen Referenten Dr. Gregor Gysi hatte im Vorfeld für Aufsehen gesorgt. „Mir ist bewusst, dass ich hier kein Heimspiel habe“, so Gysi, in der Diskussion ergaben sich jedoch Übereinstimmungen in zentralen Themen wie der freiberuflichen Praxis und der freien Arztwahl, „dies muss bewahrt werden und es müssen auch die Honorarfragen der Zahnärzte und Ärzte angemessen Berücksichtigung finden!“, so das Mitglied des Bundestags. Interessant auch die Wertung des derzeitigen Gesundheitssystems aus der Sicht des Linken-Politikers – es sei eher von Flickschusterei als von echten Reformen gekennzeichnet. Erheblichen Bedarf sieht Gysi bei der flächendeckenden Ärzte- und Zahnärzteversorgung auf dem Lande, die er mit einem Bonus-Malus-System erreichen möchte, und im Bürokratieabbau. Durch Globalisierung und Digitalisierung ist eine weltweite Vergleichbarkeit der Lebensbedingungen und Lebenssteuerungen möglich, so Gysi, und diese Tatsache wird von der Politik missachtet.

Biomaterialien und Stammzellen

Prof. Dr. Dr. Ralf Smeets (Hamburg) diskutierte neue Biomaterialien im Hart- und Weichgewebsmanagement und neue Implantatmaterialien und -oberflächen. Immer noch aus kieferchirurgischem Munde ungewohnt – die neue Wertigkeit von Knochenersatzmaterialien, doch stellte Smeets klar: „In der zahnärztlichen Chirurgie gewinnen Biomaterialien (xenogen, allogen und synthetisch) und Membranen als Alternative zum körpereigenen, autologen Knochen zunehmend an Bedeutung. Gleichzeitig gibt es eine große Bandbreite an Materialien für das Weichgewebemanagement. Und – einige KEMs werden bereits patientenindividuell mittels CAD/CAM oder 3-D-Druck gefertigt. Langfristig erfolgreiche Ergebnisse können in der Implantologie nur über ein Gesamtkonzept erreicht werden, das Hart- und Weichgewebe, Prothetik und patienten- und implantatspezifische Faktoren berücksichtigt. Sein Fazit: „Es wird immer digitaler, immer patientenindividueller und immer zarter im Vorgehen und immer mehr aus dem Drucker kommend!“

Prof. Werner Grötz und Prof. Ralf Smeets

„Der Hype um die Stammzelltechnologie ist vorbei“, so Prof. Dr. Werner Götz (Bonn), „heute konzentrieren wir uns auf adulte Stammzellen aus Zähnen und anderen Geweben der Mundhöhle!“ Diese einfach zu gewinnenden Zellen erweisen sich als ideale Ausgangszellen für experimentelle Regeneration unter anderem auch von inneren Organen. Hoffnungsvoll auch das Statement des Bonner Hochschullehrers, dass man das Stadium der Grundlagen und präklinischen Forschung bereits weit verlassen habe und klinische Studien laufen. Mit einem Blick auf den DGZI-Kongress wies Götz darauf hin, dass Stammzellen durchaus auch zu einer Verbesserung der Osseointegration von Implantaten, auch unter kompromittierten Bedingungen beitragen können. Auch das Züchten von Zahnwurzeln oder ganzen Zähnen gelingt bereits in der Zellkultur, solche einfachen Zahnanlagen sind dann replantierbar. Gegebenenfalls kann sich hieraus dann ein echter Zahn differenzieren.

Stabilität in unruhigen Zeiten

In der anschließenden Diskussion der Referenten wurde eines klar – „Weiter so!“ ist nicht die Lösung, wenn man den Anschluss nicht verlieren will. Dies gilt für alle Bereiche der Zahnmedizin, besonders aber auch für den Teilbereich der oralen Implantologie, der immer schon sehr technikaffin und für politisch bedingte Störgrößen anfällig war. Wenn Deutschland, die Deutsche Zahnmedizin und die Deutsche Implantologie als Beteiligte wahrgenommen werden möchten, gilt es verstärkte Arbeit in den (Normungs-)Gremien zu leisten.

Live-Operationen

Eine Übertragung einer Live-Operation in den Tagungssaal per Multi-Channel-Streaming-Technik ermöglichte es auch DGZI-Mitgliedern, die nicht beim Kongress in München anwesend sein konnten, einen einmaligen Einblick in die Arbeit renommierter Kollegen zu erleben – und dies in HD Qualität. Dr. Conrad Kühnöl überzeugte mit seiner live übertragenen Behandlung zum Thema digitaler Workflow. Dem Zahnarzt und Zahntechniker und Absolventen des Studiengangs digitale Technik gelang es überzeugend darzustellen, dass sich der Ansatz der Minimalisierung nicht nur auf die chirurgischen Protokolle bezieht, sondern auch Bereiche wie die digitale Abformung. Kühnöl ging es nicht um die „großen Fälle“, sondern um die alltäglichen Fälle aus der Praxis, wo die digitale Wertschöpfungskette dem Patienten höheren Komfort und den Praxen mehr wirtschaftliche Kapazitäten bringen würden. Sein Beitrag war sehr praxisorientiert, die Gelassenheit und Routine bei Operateur und Mitarbeiterinnenteam zugleich belegte, dass das Praxisteam Kühnöl die rein digitale Vorgehensweise tatsächlich in das Alltagsprotokoll übernommen hat. Es konnten online und im Vortragssaal Fragen an den Referenten gerichtet werden, diese Option wurde rege genutzt.

Prof. Dr. Dr. Florian Stelzle stellte in seinem Live-Tutorial sein Konzept für „feste dritte Zähne an einem Tag“ vor und erläuterte das operative Vorgehen step-by-step. Einem 82jährigen Patienten mit nicht erhaltungswürdigem Restzahnbestand wurden vier Implantate im Unterkiefer inseriert und im direkten Anschluß an die Implantation mit einer festsitzenden Brücke versorgt.

Table Clinics

An Rund-Tischen fanden in drei Staffeln Tischdemonstrationen zu unterschiedlichen Spezialthemen der Implantologie statt. Jede ausstellende Firma hatte einen Tisch zur Verfügung gestellt bekommen und Referenten verpflichtet, die die Demonstrationen durchführten – hier erwiesen sich die unmittelbar zur Demonstration stattfindenden und auch die anschließenden Diskussionen und Austausche als sehr erkenntnisbringend. Ein neues Format, welches erneut auf hohe Akzeptanz der Kongressteilnehmer und der Dentalaussteller stieß.

Die Digitale Poster Präsentation (DPP) fand an beiden Kongresstagen in der Lounge im Ausstellungsbereich direkt vor dem Tagungssaal statt. Alle Poster konnten auch online über mobile Geräte abgerufen werden. Die DPP ist internetbasiert und interaktiv. Aus den eingereichten Postern wurden die Preisträger durch DGZI-Vizepräsidentin Dr. Arzu Tuna gekürt, die ersten drei Preise wurden im Rahmen des Samstagvormittagprogramms verliehen.
Dr. Georg Bach, Freiburg im Breisgau

Lesen Sie Teil 2 unter Visions in Implantology (2).

Das Titelbild zeigt den aktuellen Vorstand der DGZI. Bilder: Dr. Bach/DGZI