Nachdem der erste Kongresstag stark praktisch ausgerichtet war, standen am zweiten Kongresstag die wissenschaftlichen Aspekte im Mittelpunkt. Ausgehend von einer Bestandsaufnahme zu aktuellen Trends ging es aber auch hier verstärkt um die Frage, wie wird die Implantologie der Zukunft aussehen. Renommierte Referenten aus dem In- und Ausland, von Universitäten und aus der Praxis stellten Trends und Visionen und deren Relevanz für die Praxis vor. Die DGZI-Kongressmacher verfolgten hier erneut das Ziel, dass es bei diesen Vorträgen vorrangig darum gehen sollte darzustellen, was sein wird, daher nicht um Case-Reports oder Vorstellung einzelner Studien, sondern um Entwicklungsrichtungen und Visionen.

HNO und Implantologie

Den Auftakt machte Prof. Hans Behrbohm mit seinem Thema: „HNO und Implantologie – wo die Reise hingehen könnte!“ Die Vision des Facharztes für HNO ist klar definiert – wer plant, Implantate im Oberkieferseitenzahngebiet zu setzen, sollte auch derjenige sein, der im Falle eines Verdachts auch die Kieferhöhle des betroffenen Patienten inspiziert – „das sollte alles in einer Hand sein“, so Behrbohm. Die üblichen HNO-Endoskop-Zugänge sind für implantologische Fragestellungen aufgrund toter Winkel ungeeignet, der diesbezügliche Zugang sollte immer über die fossa canina erfolgen. Behrbohm stellte ein speziell für zahnärztlich-kieferchirurgische Fragestellungen entwickeltes Endoskop-Set vor.

Trend Sofortimplantation

Prof. Dr. Thomas Weischer ging in seinem Beitrag „Implantat-Sofortinsertion bei apikaler Pathologie in Kombination mit GBR und APDT“ von der Einschätzung aus, dass es eine Tendenz zu schnellerer Insertion von Implantaten nach Extraktion gibt. Sein Procedere sieht vor: Entfernung der apikalen Pathologie, Photodynamische Therapie mit ein- bis dreiminütiger Einwirkung des Sensitizers und 10-sekündiger Laserlichtapplikation pro Stelle, Implantatinsertion. Weischer konnte die gleichen Ergebnisse wie bei Patientenfällen ohne apikale Pathologie berichten, Voraussetzungen für dieses Vorgehen ist die Abwesenheit akuter Erkrankungen, eine gründliche Reinigung und das Erzielen einer Primärstabilität des Implantats.

Der Heidelberger Hochschullehrer Prof. Dr. Peter Rammelsberg sprach über „Implantatprognose und Knochengewinn nach einem Sinuslift ohne Augmentationsmaterial“. Und in der Tat: Mit dem von ihm beschriebenen Procedere, das eine Modifikation der klassischen internen Sinus-Lift-OP mit gezielter Fraktur des Kieferhöhlenbodens ist, wird kein Knochenersatzmaterial eingebracht. Rammelsberg konnte erfreuliche Ergebnisse präsentieren – 92 Prozent Erfolg in zehn Jahren, das ist den Ergebnissen konventioneller Verfahren sehr, sehr ähnlich. Frauen schnitten hier statistisch signifikant besser als Männer ab, es konnte mit diesem „augmentationsfreien“ Verfahren im Mittel 4 bis 5 Millimeter Knochen gewonnen werden.

Bioaktivierung des Knochenstoffwechsels

Den Vorgaben eines Zukunftsprozesses wurde PD Dr. Dr. Peer Kämmerer mit seinem Beitrag  „Iatrogene elektrische mechanische Bioaktivierung des Knochenstoffwechsels“ mehr als gerecht, und er konnte in der Tat Faszinierendes präsentieren: Implantate, die mit 20 bis 30 Hz elektrisch stimuliert werden, wiesen signifikant bessere knöcherne Ergebnisse auf – eine Idee, die nun in den Tierversuch und dann bei Bewährung in klinische Studien überführt wird.

DGZI Past-Präsident Prof. Dr. Herbert Deppe stellte seine Ergebnisse einer Studie über „Periimplantäre Gesundheit in augmentiertem und distrahiertem Knochen“ vor. Die These: ist es bereits extrem schwierig, im ortsständigen Knochen eine nachhaltige periimplantäre Gesundheit zu erzielen, so ist dies beim „manipulierten Knochen“ nach Augmentationen und Distraktionen gegebenenfalls noch schwieriger. Doch der Münchener Hochschullehrer konnte das Gegenteil beweisen. Bezüglich der Korrektur vertikaler Defekte unter 3,7 mm weisen beide Verfahren eine ausgezeichnete Eignung auf. Periimplantäre Parameter, Überlebens- und Erfolgsraten der Implantate und die Funktionsdauer des Zahnersatzes sind in beiden Gruppen sehr ähnlich. Bei Stegkonstruktionen weisen beide Verfahren vergleichbare Ergebnisse bezüglich der periimplantären Gesundheit auf.

Die Referenten des Podiums 2 (von links) Prof. Herbert Deppe, Prof. Dr. Dr. Dr. Shahram Ghanaati, Prof. Dr. Dr. Adrian Kasaj und Prof. Dr. Nicole Ahrweiler

Prof. Dr. Dr. Adrian Kasaj wies darauf hin, dass die aktuellen Gewebeersatzmaterialien erheblich an Bedeutung gewonnen haben. Bei fehlender Entnahmemorbidität weisen diese Materialien auch die Option der unbedingten Verfügbarkeit bei gleichzeitig vergleichbaren klinischen Ergebnissen auf. Allerdings ist ein operatives Vorgehen zu wählen, welches sich wesentlich von dem mit Eigenmaterial unterscheidet – „einen forgiving-me-effect gibt es bei Ersatzmaterialien nicht!“, so Kasaj – unbedingte Adaptation und strikt vollständige Bedeckung bei Einhalten einer verlängerten Einheilzeit sind conditiones sine qua non. Eine Kombination aus Ersatzmaterialen beschichtet mit Schmelz-Matrix-Proteinen scheint ein hoffnungsvoller Ansatz für das Erzielen noch besserer Ergebnisse.

In idealer Ergänzung dazu stellte Prof. Dr. Dr. Dr. Shahram Ghanaati seine Ergebnisse zur „Biologisierung des Knochen- und Weichgewebes in der Zahnmedizin“ vor. Der atrophe Knochen mit einer dreidimensionalen Defektsituation ist nach Ansicht des Referenten die größte Herausforderung. Unabdingbar ist die Verwendung von Platzhaltern, Ghanaati stellte hier ein entsprechendes Mesh vor. Die von ihm wesentlich mitentwickelte PRF-Membran ist gut adaptierbar und sogar nähbar und stellt somit ein unterstützendes „intelligentes Biomaterial“ dar. Gerade bei der Vermeidung von Dehiszenzen, wie diese in der Augmentationschirurgie durchaus vorkommen, kann unter Verwendung und mit Unterstützung dieser PRF-Membran im Sinne eines „open-healing GBR-Konzeptes“ zu einem wesentlich besseren Outcome führen.

Prof. Dr. Nicole Ahrweiler sprach über „Implantate professionell managen – der Balanceakt zwischen gründlich und schonend“. Eigentlich sei es mit einer hochwertigen Implantatarbeit fast so wie mit einem hochwertigen Automobil, so Ahrweiler – „Wenn es halten soll, dann bedarf es regelmäßiger Inspektionen und Pflege“. Ob Kürettage mit Titan- und Stahlküretten, ob Glycinpulver-Strahl-Verfahren, ob Politur – Kollegin Ahrweiler stellte sämtliche etablierten mechanischen Verfahren in der Implantatpflege vor, ergänzt von chemischen und Laserverfahren zum Biofilmmanagement. „Die beste Vorsorge vor einem Periimplantitis-Tsunami ist eine gute häusliche und zahnärztliche Prävention.“

Augmentation und Alternativen

Mit Dr. Karl Ulrich Volz ergriff ein Pionier der „weißen Implantate“ das Mikrofon. Er sprach über „Zirkoniumdioxid-Implantate und Osteogenese: Neue Möglichkeiten mit einem osteokonduktíven und Attachment favorisierenden Material“. Mit der Erfahrung von mehr als 20.000 inserierten Keramikimplantaten ausgestattet, konnte der an der Bodenseeklinik tätige Implantologe gleich zu Beginn seines Vortrags über die Ergebnisse eines jüngst gefundenen Expertenkonsens berichten, welche für Zirkonoxidimplantate (im Vergleich zu solchen aus Titan) beim Hartgewebe keinen Unterschied, aber beim Weichgewebe erhebliche Vorteile aufwies. Auch die Erfolgsquoten mit 90,3 Prozent bei Sofortimplantationen und 97,3 Prozent bei Spätimplantaten sind mit denen von Titanimplantaten vergleichbar.

Die Referenten des Podiums 3 (von links) Prof. Dr. Dritan Turhani, Dr. Karl Ulrich Volz, Dr. Alexandra Stähli und Prof. Dr. Mauro Marincola

Großen Wert legte Volz auf die Würdigung von healing chambers, synonym auch Stammzellenlakunen genannt, die durch eine überextendierte Aufbereitung entstehen (die Primärstabilität des Implantats entsteht ausschließlich im unteren „apikalen“ Bereich, die zu einer deutlich schnelleren und besseren Knochenheilung und die Entstehung des höherwertigen „De Novo Bones“ führen.

Ist tatsächlich immer eine Augmentation mit mehr oder weniger ausgeprägter Patientenmorbidität erforderlich – nein, war auch die Ansicht von Prof. Dr. Mauro Marincola. Er sprach über „Kurze Implantate versus Augmentation – implantologische Konzepte bei stark reduziertem Angebot“. Marincola präsentierte sein chirurgisches Protokoll, welches sich durch Minimalisierung bezüglich Aufwand, Vorgehen und Materialbedarf auszeichnet.

Großes Aufsehen des Auditoriums erregte die Insertion von festsitzendem Zahnersatz – zwar mit verkürzter Zahnreihe, aber trotz der Verwendung von nur vier durchmesserreduzierten, sehr kurzen aber auch rein interforaminär inserierten Implantaten. Wichtig sei hierbei die Verwendung eines elastischen Materials (faserverstärktes Kompositmaterial) für die Suprakonstruktion, das stimulierende Effekte auf den Knochen leitet. Marincola konnte eine Erfolgsquote von 98,04 Prozent nach drei Jahren für das von ihm favorisierte Konzept präsentieren.

Mit dem Münchener Kongress und dem neuen Tagungskonzept konnten die Kongressteilnehmerinnen und -teilnehmer in der Tat ein herausragendes und innovatives Fortbildungsereignis erleben. „Wir sind sehr froh, dass wir diesen Weg beschritten haben!“, so DGZI Präsident Dr. Bach.

Als Fazit des zweiten Zukunftskongresses zeigte sich, dass es zur Prognose der implantologischen Praxis der Zukunft neben wissenschaftlichen und technologischen Gesichtspunkten vor allem um strategische Fragen und deren Beantwortung geht. Die DGZI wird an diesem Thema eng dranbleiben und so ihre Bedeutung und Anziehungskraft, auch im Hinblick auf den bevorstehenden 50. Jahrestag ihrer Gründung einmal mehr unter Beweis stellen – am 6. und 7. November 2020 in der Hansestadt Bremen, in der 1970 die DGZI gegründet wurde.
Dr. Georg Bach, Freiburg im Breisgau

Teil 1 des Kongressberichts lesen Sie unter Visions in Implantology (1).

Das Titelbild zeigt die Referenten des Podiums 1 (von links) Prof. Peter Rammelsberg, Prof. Hans Behrbohm, Prof. Dr. Thomas Weischer, PD Dr. Dr. Peer Kämmerer und Dr. Georg Bach. Bilder: Dr. Bach/DGZI