Am 20. und 21. November 2020 geht es in Berlin um den ZahnArzt: „Zahnmedizin ist kein dentaltechnisches Handwerk, sondern eine wissenschaftliche Fachrichtung der Medizin. Unsere Verantwortung beschränkt sich nicht auf die Mundgesundheit unserer Patienten, sondern umfasst – soweit es in unseren Möglichkeiten liegt – das gesamtheitliche Wohlergehen der sich uns anvertrauenden Menschen“.

Das schreibt Dr. Derk Siebers M.Sc., Präsident der NEUEN GRUPPE, im Programmflyer zur diesjährigen Jahrestagung der wissenschaftlichen Gesellschaft. Was treibt ihn und die Programmverantwortlichen der NEUEN GRUPPE um? „Als Zahnärztinnen und Zahnärzten muss uns bewusst sein, dass wir nicht nur für die Gesundheit der Zähne unserer Patienten verantwortlich sind, sondern vielmehr für die Gesundheit der gesamten orofazialen Region und des craniomandibulären Systems. Aber nicht nur das sollte der Anspruch von ZahnÄrzten/innen sein. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit den jeweiligen Facharztgruppen wird für den Erfolg der Behandlung von vielen multifaktoriell bedingten Erkrankungen immer wichtiger und entscheidend bei der Erzielung des Therapieerfolgs“, so der Berliner Zahnarzt gegenüber Quintessence News, und lenkt den Blick auf die Herausforderungen das Alltags: Das zunehmende Alter der Patienten und die daraus resultierende Multimorbidität „zwingen uns im Arbeitsalltag immer häufiger allgemeinmedizinisches Wissen zu besitzen und anzuwenden. Schließlich sind wir ‚Zahn-Ärzte‘ – deshalb ist auch ein erweiterter ‚Blick über den zahnmedizinischen Tellerrand‘ heute zwingend geboten, um nicht den Überblick bei der ständig zunehmenden Spezialisierung zu verlieren. Wir Zahnärzte erleben unsere Patienten ‚hautnah‘ und haben den Blick in die Mundhöhle, den wenige andere Facharztgruppen haben.“

Kongressprogramm mit Experten der Medizin und ZahnMedizin

Diese Herausforderungen, aber auch besonderen Chancen des ZahnArztes, für die orale und die Allgemeingesundheit seiner Patienten wirksam zu werden, nimmt das diesjährige Kongressprogramm auf. Internationale Experten aus der Medizin und ZahnMedizin werden an den beiden Kongresstagen und im Vorkongress neues Wissen vermitteln und an Bekanntes erinnern, Zusammenhänge aufdecken und Hilfestellungen für das Umsetzen in der täglichen Praxis geben. „Die Fortbildung bezweckt mit ihren Themenschwerpunkten Hämatologie, Infektiologie, Onkologie, Kardiologie, Innere Medizin, Mikrobiologie, Oralchirurgie, Hals-, Nasen-, Ohrenmedizin und Schlafmedizin, aber auch Psychologie, Soziologie und Medizinethik eine Auffrischung und Aktualisierung des heutigen Wissens in diesen eng mit der Zahnmedizin assoziierten Fachdisziplinen. Eine intensive Diskussion über Schnittstellen in der interdisziplinären Behandlung mit den ausgewählten Spezialisten auf ihren Fachgebieten soll dabei nicht zu kurz kommen“, erklärt Siebers.

Wie wichtig diese Herausforderungen aus seiner Sicht sind und warum er nicht nur die Mitglieder der NEUEN GRUPPE, sondern möglichst viele Kolleginnen und Kollegen jedes Alters für den Kongressbesuch begeistern möchte, machen Siebers Gedanken zum diesjährigen Thema der Jahrestagung deutlich.

Zahnärzte in herausgehobener Stellung

„Es ist bereits seit vielen Jahrhunderten und in vielen Kulturkreisen bekannt, dass Mundhöhle und Zunge einen Spiegel der inneren Veränderungen darstellen. Insbesondere für das Erkennen oraler Manifestationen allgemeiner Erkrankungen kommt dem Zahnarzt deshalb eine herausgehobene Stellung zu. Er sieht den Patienten in der Regel zweimal im Jahr und damit häufiger als sein Hausarzt. Somit befindet sich der Zahnarzt – bei entsprechender Ausbildung – in der exponierten Position, Erkrankungen erkennen zu können und adäquate Maßnahmen einzuleiten. Dies kann geschehen, bevor der Patient Symptome verspürt und einen Arzt aufsucht. Natürlich ist es eine besondere Verantwortung, diese Prävention im Sinne der Patienten exakt und gewissenhaft durchzuführen. Aufgrund unserer großen Erfahrung als Zahnärzte um und über das normale Erscheinen der Mundhöhle und Zunge sowie das gesunde Aussehen von oralen Schleimhäuten – Form, Farbe, Beläge etc. – sind wir prädestiniert für das Erkennen und auch die Früherkennung von vielen Erkrankungen.“

Veränderungen der Zunge wahrnehmen

Dies macht er an einigen Beispielen deutlich: Stoffwechselerkrankungen und kardiovaskuläre Erkrankungen können beispielsweise zu deutlichen quantitativen und farblichen Veränderungen der Zunge führen: Makroglossie, violett-zyanotische volumenvergrößerte „Stauungszunge“. Makroglossie und Farbveränderungen der Zunge können aber auch Manifestation von Stoffwechselerkrankungen wie Amyloidose, Akromegalie, Myxödem, Morbus Addison oder Hämochromatose sein. Auch ein Diabetes mellitus kann Veränderungen an der Mund- und Zungenschleimhaut hervorrufen wie Candidiasis, Zungenpapillenatrophie oder Stomatitiden.

Viele Allgemeininfektionen zeigen deutliche Veränderungen in der oralen Kavität. Am bekanntesten ist wohl die „Erdbeerzunge“ als Kardinalsymptom des Scharlachs oder die „Porzellanzunge“ als typisches Symptom der Syphilis.

Hauterkrankungen, Mangelerscheinungen und Nebenwirkungen im Blick

Fast alle Haut- und Bindegewebserkrankungen gehen mit Alterationen der Schleimhäute der oralen Kavität einher, wie Lichen ruber, Pemphigus und Sklerodermie. Auch Mangelerkrankungen und Medikamentennebenwirkungen oder ach chronische Vergiftungen lassen sich ebenfalls oft in der Mundhöhle erkennen. Xerostomie, Epithelatrophien, Gingivahyperplasien und farbliche Veränderungen von Schleimhaut und Zunge („schwarze Haarzunge“) können Hinweise auf Vitamin- und Mineralmangel, Nikotinabusus oder medikamentöse Antidepressiva-Therapie geben.

Wichtige Früherkennung von Tumoren

Nicht zuletzt kommt dem Zahnarzt eine entscheidende Rolle bei der Früherkennung oraler Karzinome oder anderer Malignome zu. Speziell die Differentialdiagnose benigner, potentiell maligner und maligner Alterationen der Mundhöhlenschleimhaut stellt sich oft als durchaus schwierig dar und erfordert großes Wissen und viel Erfahrung.

Zahnärztliche Schlafmedizin gehört dazu

Ein Punkt des Programms wird die Therapie nächtlicher Schlafstörungen sein, die heute ebenfalls zum interdisziplinären Arbeitsbereich des Zahnarztes gehört. Dies setze Wissen um die zahnärztliche Schlafmedizin voraus. Mehr als ein Viertel aller Menschen leidet unter obstruktiver Schlafapnoe (OSA), mit den daraus resultierenden, zum Teil massiven Einschränkungen der Lebensqualität.

„Neben diesen Folgen, die von vielen Patienten gar nicht wahrgenommen werden, wissen wir, dass Menschen, die an Schlafapnoe leiden, ein etwa fünf- bis zehnfach erhöhtes Risiko haben, einen Unfall zu erleiden. Die Lebensqualität ist in der Regel eingeschränkt und die Gefahr, an Krebs zu erkranken, ist erhöht. Außerdem ist das Risiko, an einer kardiovaskulären Erkrankung (Herzinfarkt oder Schlaganfall) zu versterben, um den Faktor 2,5 erhöht. Schnarcher mit OSA entwickeln zu 75 Prozent eine Hypertonie. Nicht zuletzt haben Menschen mit einer moderaten Schlafapnoe eine um zehn Jahre reduzierte Lebenserwartung“, erklärt Siebers. Der Zahnarzt kann hier mit Unterkiefer-Protrusionsschienen (UPS) dazu beitragen, die OSA zu beseitigen oder deutlich zu verbessern. Auch bei Intoleranz gegenüber den CPAP-Geräten sind diese Schienen eine Alternative. Die Herstellung sollte aber, so Siebers, in die Hand entsprechend qualifizierter Zahnärzte und Zahntechniker in interdisziplinärer Zusammenarbeit mit Schlafmedizinern und HNO-Ärzten gehören.

Ethische Orientierung und Werte

Aber auch das Umfeld, in dem sich Zahnärzte heute bewegen, wird immer komplexer und komplizierter. „Der Wertewandel in unserer Gesellschaft stellt uns vor neue und große Herausforderungen, die gemeistert werden wollen“, konstatiert Siebers. In den heutigen Zeiten der „Beliebigkeit“, des „Egoismus“, der „Dominanz der Ökonomie“, der das „Jetzt priorisierenden Sichtweise“ sei es aus seiner Sicht wichtig, klare und definierte, bewährte Wertprinzipien, Grundideen und Denkweisen fortzuschreiben. „Das erfordert hohe soziale und ethische Kompetenz von uns.“ Auch diese Themen finden sich daher im Programm.

Generalist und Spezialisierung

Nicht zuletzt bereitet die zunehmende Spezialisierung der Zahnmedizin in der Praxis auch Probleme. Den Generalisten – „und das sollten, ja müssen wir als ZahnÄrzte auch immer weiter bleiben“ – könne es in der heutigen Zeit trotz intensiver Fortbildung nicht mehr gelingen, alle zahnmedizinischen Spezifikationen gleich gut zu beherrschen. „Wir dürfen uns nicht dazu verleiten lassen, den zwingend notwendigen ‚Blick über den Tellerrand‘ zu unterlassen“, so sein Appell.

Die ständig zunehmende Verflechtung von Medizin und Zahnmedizin werde für die verantwortungsbewussten Kolleginnen und Kollegen eine immer größere Herausforderung, diesem hohen Anspruch durch Fortbildung gerecht zu werden. Aber dennoch: „Wir sind als Zahnärzte verpflichtet, unser medizinisches Wissen immer wieder zu trainieren und es zum Nutzen und Wohle unserer Patienten auszuweiten“, so Siebers Aufruf an die Mitglieder der NEUEN GRUPPE und alle interessierten Kolleginnen und Kollegen, das Angebot der Jahrestagung in Berlin zu nutzen.

Vorkongress und Assistenzprogramm

Der Vorkongress am Donnerstag, 19. November 2020, bietet zwei Workshops: einen zum Thema Prothetik mit Dr. Giuseppe Allais und ZTM Jörg Stuck und einen zum Thema Bruxismus, Tooth Wear and Obstructive Sleep Apnea mit Prof. Dr. Frank Lobbezoo, Dr. M. Wetselaar und Prof. Dr. P. Wetselaar. Das begleitende Teamprogramm am 20. und 21. November 2020 besteht aus vier dreistündigen Workshops, die je Tag zwei Mal angeboten werden. Themen sind Stressbewältigung, Kommunikation in der Praxis und mit dem Patienten, Zeit für das Wesentliche gewinnen durch Praxisoptimierung und Strategisches Praxismanagement. Tagungsort ist das Hotel Radisson Blu direkt am Dom. Das ausführliche Programm und die Möglichkeit zur Online-Anmeldung gibt es hier.

Titelbild: Direkt neben dem Berliner Dom wird die NEUE GRUPPE vom 19. bis 21. November 2020 ihre diesjährige Jahrestagung im Hotel Radisson Blu abhalten. (Foto: Holger Boehm/Shutterstock.com)