Mit einem studentischen Netzwerk zu Interessenkonflikten in der Medizin in der Arbeitsgemeinschaft Interessenkonflikte wollen die Verbände der Medizinstudierenden in Deutschland für mehr Transparenz an den Universitäten im Umgang mit der Pharmaindustrie sorgen.

Eine neue Studie hat untersucht, wie medizinische Fakultäten in Deutschland angehende Ärztinnen und Ärzte während des Studiums vor unangemessener Beeinflussung schützen. Sie wurde von den beteiligten Studierenden der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd e.V.) und Universities Allied for Essential Medicines (UAEM Europe e.V.) am 18. Oktober 2019 in Berlin vorgestellt. Von 38 medizinischen Fakultäten in Deutschland antworteten 16. An nur zwei Fakultäten konnten Richtlinien identifiziert werden, die Rahmenbedingungen für Kontakte mit der Industrie schaffen. Insgesamt behandeln nur wenige Universitäten das Thema Interessenkonflikte im Unterricht, in der Studie gab keine Universität entsprechende Lehre an.

„Unser Studium soll uns darauf vorbereiten, Patientinnen und Patienten bestmöglich zu versorgen. Kommerzielle Interessen der Pharmaindustrie dürfen darauf keinen Einfluss haben. Es liegt in der Verantwortung der Universitäten, das sicherzustellen”, ist Mitautor Leonard Heß überzeugt, der an der medizinischen Fakultät der Universität Hamburg studiert.

Das Fazit der Studie: Anders als in den USA, wo Regelungen und Lehre verbreitet sind, ignorieren Universitäten in Deutschland das Thema Interessenkonflikte im Studium und verpassen dadurch die Chance, angehende Mediziner*innen frühzeitig auf den professionellen Umgang mit Pharmaunternehmen vorzubereiten.

Frühe Kontakte auf dem Campus

Zu ersten Berührungen mit der Pharmaindustrie kommt es bereits am Beginn der Ausbildung. Dabei ist bekannt, dass Marketingstrategien dieser Unternehmen ärztliche Entscheidungen beeinflussen können. In früheren Umfragen gaben mehr als 8 von 10 Medizinstudierenden an, schon einmal Zuwendungen erhalten zu haben. Dies können zum Beispiel Geschenke, Lehrmaterialien oder die Teilnahme an gesponserten Veranstaltungen sein. Gleichzeitig fühlt sich die Mehrheit der Studierenden nicht ausreichend auf Interaktionen mit der Industrie vorbereitet.

Bereits 2013 forderte die bvmd im Positionspapier „Beeinflussung der Freiheit von Lehre“ ein größeres Engagement der Fakultäten. „Wenn wir einen wissenschaftlichen Kongress besuchen, zeigen viele Vortragende eine Folie, auf der sie offenlegen, von welchen Pharmaunternehmen sie beispielsweise Gelder erhalten haben“, erklärt Sophie Gepp, Studentin an der Charité Berlin und Mitautorin der Studie. „In Vorlesungen habe ich das nie erlebt, auch wenn teilweise über dieselben Inhalte gesprochen wird“, so Gepp.

Studierende fordern mehr Transparenz

Die Studierenden der bvmd und UAEM wollen Veränderung. Deshalb haben sie Ende Oktober auf einer Konferenz in Berlin unter dem Motto „Wissen statt Werbung“ ein studentisches Netzwerk zu Interessenkonflikten in der Medizin ins Leben gerufen.

Die Studierenden fordern:

  1. Ein erweitertes fächerübergreifendes Lehrangebot zu Interessenkonflikten in der Medizin.
  2. Eine konsequente Offenlegung von Interessenkonflikten von Dozierenden gegenüber Studierenden.
  3. Einen regulierten Rahmen für den Kontakt mit der Industrie auch für Studierende.

„Deutsche medizinische Fakultäten haben noch einen langen Weg vor sich. In Frankreich waren Medizinstudierende bereits erfolgreich. Dort haben Universitäten eine gemeinsame Charta für den Umgang mit Interessenkonflikten entwickelt. Deutsche Fakultäten sollen nun folgen“, heißt es in der gemeinsamen Pressemitteilung der beiden Studentenverbände.

Unterstützt wurde die Arbeit vom Verein unbestechlicher Ärztinnen und Ärzte MEZIS e.V. Zudem sehen weitere Organisationen wie die europäische und internationale Vertretung Medizinstudierender Handlungsbedarf. Auch die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft begrüßte die Initiative der Studierenden in einer Stellungnahme vom 18. Oktober 2019, heißt es.

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