Dr. Michael Drefs

Die Desinfektion des Wurzelkanalsystems bestimmt entscheidend die Prognose endodontischer Behandlungen. Aufgrund der großen Anzahl der im infizierten Wurzelkanal vorhandenen Keimspezies gilt es, ein Desinfektionsmedium beziehungsweise eine Desinfektionsmethode mit möglichst großem antimikrobiellem Wirkspektrum zu verwenden. Autor Dr. Michael Dress stellt in seinem Beitrag für die Endodontie 1/18 kaltes Atmosphärendruckplasma als eine neue und vielversprechende Behandlungsoption zur Desinfektion des Wurzelkanals vor, die wegen ihres unspezifischen Wirkmechanismus und des breiten Spektrums an Wirkkomponenten sowohl Bakterien als auch Viren und Pilze abtötet. Die Fähigkeit des gasförmigen Plasmas, in kleinste Nischen vorzudringen, ermöglicht es auch, Isthmen, Ramifikationen und andere schwer instrumentierbare Hohlräume innerhalb des Wurzelkanalsystems zu erreichen und zu desinfizieren. Nebenwirkungen des Plasmas sind nicht bekannt. Bis zur klinischen Anwendung kalter Atmosphärendruckplasmen in der Endodontie sind jedoch weitere Untersuchungen und einige Weiterentwicklungen der Plasmageräte erforderlich, da die bisherige Größe des Handstückes und zum Teil auch das Design der Instrumentenspitze für den Einsatz im Wurzelkanal unzureichend erscheinen.

Fast jede zahnärztliche Maßnahme tangiert das endodontische System, und jährlich ca. zehn Millionen in Deutschland durchgeführte Wurzelkanalbehandlungen belegen den Stellenwert der Endodontie in der Zahnmedizin. Die Zeitschrift „Endodontie“ hält ihre Leser dazu „up to date“. Sie erscheint vier Mal im Jahr und bietet praxisrelevante Themen in Übersichtsartikeln, klinischen Fallschilderungen und wissenschaftlichen Studien. Auch neue Techniken und Materialien werden vorgestellt. Schwerpunkthefte zu praxisrelevanten Themen informieren detailliert über aktuelle Trends und ermöglichen eine umfassende Fortbildung. Die „Endodontie“ ist offizielle Zeitschrift der Deutschen Gesellschaft für Endodontologie und zahnärztliche Traumatologie (DGET), des Verbandes Deutscher Zertifizierter Endodontologen (VDZE) und der Österreichischen Gesellschaft für Endodontie (ÖGE). Abonnenten erhalten kostenlosen Zugang zur Online-Version (rückwirkend ab 2003 im Archiv) und zur App-Version. Mehr Informationen zur Zeitschrift, zum Abonnement und kostenlosen Probeexemplaren im Quintessenz-Shop.

Die Elimination der Mikroorganismen sowohl in Form eines intrakanalären Biofilms als auch in planktonischer Form aus dem Wurzelkanal ist der entscheidende Faktor für den Erfolg der endodontischen Behandlung, da die intrakanaläre Infektion übereinstimmend als Hauptursache für die apikale Parodontitis identifiziert werden konnte1. Hierzu bedarf es neben der mechanischen Entfernung insbesondere der chemischen Desinfektion des Wurzelkanalsystems. Von großer Bedeutung ist das breite Spektrum an Mikroorganismen, das im kontaminierten Wurzelkanalsystem zu finden ist. Während primäre endodontische Infektionen etwa 10 bis 30 verschiedene Keimspezies beherbergen, sind es in sekundären Infektionen für gewöhnlich etwas weniger2–7. Die Gesamtzahl aller bisher im Wurzelkanalsystem isolierten Keimspezies beträgt mehr als 300. Ein Leitkeim, der in nahezu jeder endodontischen Infektion nachgewiesen werden kann, existiert jedoch nicht8. Mit dem Wissen, dass sich etwa 50 Prozent der mikrobiellen Mundflora bis heute noch gar nicht kultivieren lassen9, kann vermutet werden, dass noch zahlreiche weitere endodontische Pathogene das infizierte Wurzelkanalsystem besiedeln.

Breites Keimspektrum

Aufgrund der außerordentlich großen Zahl an Mikroorganismen, die für die endodontische Infektion verantwortlich gemacht werden können, gilt es, eine Desinfektionsmethode beziehungsweise ein Desinfektionsmedium zu nutzen, das möglichst das gesamte breite Spektrum an endodontischen Pathogenen bekämpft. Derzeit wird versucht, die Dekontamination des Wurzelkanalsystems mit medikamentösen Einlagen ( Ca(OH)2 oder antibiotikahaltige Präparate), geeigneten Desinfektionslösungen (NaOCl, CHX) sowie entsprechenden Aktivierungsmethoden (Schall- oder Ultraschallaktivierung) zu erreichen. Auch neuere und innovative Verfahren wie Laser- und Ozonbehandlungen, PIPS oder photodynamische Therapieansätze wurden in die Endodontie eingeführt, um die Desinfektion des Wurzelkanalsystems zu optimieren. Der zusätzliche Nutzen dieser Verfahren ist jedoch teilweise umstritten. 

Die Entwicklung des kalten Atmosphärendruckplasmas und dessen Einführung in die Zahnmedizin, insbesondere in die Endodontie ist ein vielversprechender Ansatz zur intrakanalären Desinfektion. Das unspezifische Wirkspektrum des Plasmas ermöglicht sowohl die Bekämpfung von Bakterien als auch die Inaktivierung von Viren und Pilzen.

Abb. 1 Vereinfachte schematische Darstellung eines Plasmajets.

Begriffsklärung „Plasma“

Der Begriff „Plasma“ im physikalischen Kontext steht für einen besonderen, angeregten Gaszustand und wird vielfach als vierter Aggregatzustand bezeichnet10. Durch Energiezufuhr in Form von Wärme oder starken elektrischen Feldern wird ein Gas teilweise oder vollständig ionisiert. Daraus resultiert die Herauslösung von Elektronen aus den Gasatomen beziehungsweise -molekülen, was zur Entstehung ionisierter Atome und frei beweglicher Elektronen führt. Das entstandene Plasma ist somit ein elektrisch leitfähiges Medium, das sich durch eine erhöhte Reaktivität auszeichnet. Charakteristisch ist die Emission elektromagnetischer Strahlung – insbesondere von UV-Strahlung und sichtbarem Licht –, Wärme, elektrischer Felder sowie die Entsendung reaktionsbereiter Ionen, Elektronen und neutraler reaktiver Spezies, sogenannter Radikale11. Je nach Gaszusammensetzung, Energiezufuhr und Druckverhältnis kann auch die Zusammensetzung des jeweiligen Plasmas variieren. Besonders die Komponenten UV-Strahlung, elektrische Felder und reaktive Sauerstoff- und Stickstoffspezies (ROS und RNS) scheinen für die hohe Wirksamkeit des Plasmas verantwortlich zu sein12. Für den Einsatz von Plasma in der Endodontie eignen sich sogenannte Plasmajets (Abb. 1), die eine strahlenförmige Entsendung des Plasmas in Richtung der zu behandelnden Oberfläche (zum Beispiel der Wurzelkanalwand) ermöglichen13. Als Arbeitsgas wird üblicherweise Argon oder Helium verwendet, das sich nach seiner Entsendung mit Gasen der Umgebungsluft (hauptsächlich Sauerstoff und Stickstoff) vermischt und mithilfe der energetischen Elektronen und weiterer Komponenten des Plasmas einen wirksamen „Cocktail“ ergibt. Die Kollision der energetischen Elektronen des Arbeitsgases mit den Sauerstoff- und Stickstoffatomen der Umgebungsluft führt zur Bildung reaktiver Spezies (ROS und RNS) sowie geladener Partikel, die letztendlich die Wirkung des Plasmas mitbestimmen14. Durch eine gezielte Ausrichtung des Handstücks kann der Plasmastrahl in Laborversuchen bereits direkt in den Wurzelkanal appliziert werden, wo die Wirkung des Plasmas untersucht werden kann. Oftmals kann das Plasma sogar direkt im Wurzelkanal generiert werden, was die Verfügbarkeit der aktiv wirkenden Komponenten des Plasmas im Wurzelkanal erhöht13.

Antimikrobielle Wirkung des Plasmas

Die Entwicklung geeigneter Plasmageräte für den Einsatz im Wurzelkanal könnte einen zusätzlichen Beitrag zur Desinfektion des Wurzelkanalsystems leisten, da bekannt ist, dass Plasma Mikroorganismen und Viren nicht nur inaktiviert oder abtötet, sondern organisches Material auch vollständig entfernt werden kann10. Es wurde nachgewiesen, dass Plasma sowohl gegen grampositive als auch gegen gramnegative Bakterien wirkt, unabhängig davon, ob sie in planktonischer, vegetativer oder adhärenter Form vorliegen15–18. Allerdings scheinen gramnegative Keime empfindlicher gegenüber Plasma zu sein als grampositive19,20. Auch gegen Hefen und Pilze wurde die Wirksamkeit von kaltem Atmosphärendruckplasma beobachtet. Aufgrund des unspezifischen Wirkmechanismus sind außerdem bisher keine Resistenzbildungen von Mikroorganismen gegen kaltes Plasma bekannt21. Weiterhin wurde gezeigt, dass Plasma auch gegen multiresistente Keime erfolgreich eingesetzt werden kann22–24. Selbst künstlich hergestellte Biofilme ließen sich partiell durch Plasmabehandlung oberflächlich abtöten oder signifikant reduzieren10. Der genaue Wirkmechanismus ist zwar noch nicht endgültig geklärt, es ist aber davon auszugehen, dass das breite Spektrum der Wirkspezies zu einer Aufsummierung führt, die eine hochpotente keimabtötende Wirkung des Plasmas nach sich zieht. Die antimikrobiellen Wirkspezies sind im Einzelnen10: 

  • reaktive oxidative und nitrogene Spezies (ROS und RNS) 
  • Bildung freier Radikale
  • Bildung von Ionen
  • elektrische Felder
  • Elektronenfreisetzung
  • UV-Strahlung.

Die Summe dieser Eigenschaften des Plasmas resultiert in einer Oxidation von Zellwand und DNA der Mikroorganismen, was letztendlich den keimtötenden Effekt zur Folge hat25. Plasmainduzierte Brüche der Bakterienzellwand wurden auch in weiteren Studien nachgewiesen26. Weiterhin wurden Brüche in der Zellmembran der mit Plasma behandelten Mi­kroorganismen beobachtet27. Bezüglich der Biofilm­in­aktivierung werden außerdem durch das Plasma induzierte elektrostatische Störungen der bakteriellen Zellmembran genannt, die einen desinfizierenden Effekt bewirken sollen28. Zusätzlich sollen Oberflächenablösungen der bakteriellen Zellmembran aus der Aktivität des Plasmas resultieren29. Bereits wenige Sekunden Plasmaexposition genügten, um in vitro alle medizinisch relevanten Kontaminations-, Besiedelungs- und Infektionserreger mit den bereits zugelassenen und zur Verfügung stehenden Gerätesystemen zuverlässig abzutöten10. Durch die Kombination aller Wirkkomponenten ist es möglich, mit einer deutlich geringeren Dosis im Vergleich zu den jeweiligen Einzelverfahren (zum Beispiel UV-Bestrahlung) auszukommen. Dies hat zur Folge, dass die Wahrscheinlichkeit des Auftretens unerwünschter Wirkungen vermindert ist. Jede Einzelkomponente für sich allein brächte Nebenwirkungen mit sich, würde sie in klinisch wirksamer Dosis eingesetzt.

Anwendung in der Endodontie

Zahlreiche Untersuchungen zeigten, dass die mechanische Entfernung von infiziertem Dentin aus dem Wurzelkanal nur eingeschränkt zu realisieren ist, da die Wurzelkanalinstrumente häufig weniger als 50 Prozent der Wurzelkanaloberfläche bearbeiten, insbesondere wenn ovale Kanalquerschnitte vorliegen30,31 (Abb. 3). Die Hälfte der Wurzelkanaloberfläche bleibt somit oftmals mechanisch unberührt, sodass Biofilm und kontaminierte Dentintubuli zurückbleiben (Abb. 2 und 3). Zahlreiche Desinfektionsmedien und -techniken kamen bislang in der Endodontie mit mehr oder weniger gutem Erfolg zum Einsatz, weiterhin wurden Laserbehandlungen und auch die Anwendung von Ozon zur Keimreduzierung im Wurzelkanalsystem in die Endodontie eingeführt. Aufgrund seiner gewebeauflösenden Eigenschaften und seines breiten antimikrobiellen Keimspektrums gilt NaOCl als Goldstandard hinsichtlich der zu verwendenden Desinfektionsmedien. Allerdings birgt die Nutzung von NaOCl auch Gefahren, da überpresste Spülflüssigkeit zytotoxische Wirkungen entfalten oder allergische Reaktionen hervorrufen kann32. Außerdem ist ungewiss, inwieweit applizierte NaOCl-Lösung in der Lage ist, Mikroorganismen in Isthmen, Seitenkanälen, Ramifikationen oder den infizierten Dentintubuli adäquat zu beseitigen, da unter anderem die Oberflächenspannung der Spüllösung das Eindringen in feinste Hohlräume verhindert. Trotz der vielfältigen zur Verfügung stehenden Desinfektionsmöglichkeiten ist in etwa 10 % der endodontischen Behandlungen mit einem Misserfolg zu rechnen, der in den meisten Fällen auf im Wurzelkanalsystem verbliebene Bakterien zurückzuführen ist33.

Abb. 4 Das Plasma scheint sich auch im gekrümmten Wurzelkanal gut ausbreiten zu können.

Die Einführung kalter Atmosphärendruckplasmen in die Endodontie stellt einen vielversprechenden Ansatz zur Optimierung der intrakanalären Desinfektion dar. Insbesondere die Fähigkeit des Plasmas, aufgrund seiner Gasphase auch in kleinste Nischen und schmale, schwer instrumentierbare Bereiche vorzudringen und dort antimikrobiell wirksam zu sein, macht es für die Anwendung im Wurzelkanalsystem interessant13. Der in den Wurzelkanal gerichtete Plasmastrahl scheint außerdem in moderat gekrümmten Kanälen auch apikal der Krümmung antimikrobiell zu wirken26 (Abb. 4). Es wurde nachgewiesen, dass sich nicht nur planktonische Bakterien, sondern auch Biofilme innerhalb des Wurzelkanalsystems durch Plasmabestrahlung vollständig zerstören lassen, wenn eine Plasmabehandlung von mindestens zehn Minuten erfolgt14,27. Selbst polymikrobieller Biofilm, der deutlich schwerer zu beseitigen ist als Biofilm-Monokulturen, lässt sich durch die Anwendung mit Plasma nachweislich inaktivieren, auch wenn eine vollständige Desinfektion insbesondere tieferer Bereiche des Wurzelkanalsystems ausbleibt34. Infizierte Dentintubuli der Wurzelkanalwand lassen sich ebenfalls mithilfe der Plasmabehandlung desinfizieren27,35. Je weiter die Plasmaquelle vom Biofilm entfernt ist, desto geringer ist jedoch die Desinfektionsleistung. Allerdings ist auch in weiter entfernten Bereichen zumindest eine Reduzierung der Zahl der Mikroorganismen zu beobachten27. Lu et al. berichten von einem Gerät, welches das Plasma direkt im Wurzelkanal generiert, sodass die kurzlebigen Wirkspezies auch tiefer im Wurzelkanal wirksam werden können13. Die Inaktivierung der Keime wird neben angeregten Spezies, geladenen Teilchen und der UV-Strahlung, maßgeblich den reaktiven Sauerstoffspezies zugeschrieben14,36. So gelingt auch die Inaktivierung und Abtötung von „endodontischen Problemkeimen“ wie Enterococcus faecalis13,26,37 und Pilzen wie Candida albicans38, die gegenüber den konventionellen Desinfektionsmethoden teilweise sehr resistent zu sein scheinen und oftmals für das Scheitern endodontischer Behandlungen verantwortlich gemacht werden. Enterococcus faecalis beispielsweise ist resistent gegenüber Ca(OH)2 und kann durch NaOCl oder CHX oft nur beseitigt werden, wenn die jeweilige Spüllösung im direkten Kontakt mit dem Keim steht39. Vergleichende Untersuchungen zur Desinfektionsleistung verschiedener antimikrobieller Spülmedien bestätigen die plasmainduzierte Abtötung von intrakanalärem Biofilm34,35. Während Üreyen Kaya et al.35 ähnlich gute Ergebnisse für NaOCl und kaltes Plasma zeigten, beobachteten Schaudinn et al.34 eine Überlegenheit von NaOCl gegenüber der Plasmabehandlung. Der Vergleich zwischen Plasmabehandlung und medikamentöser Einlage mit Ca(OH)2 weist darauf hin, dass die antimikrobielle Wirksamkeit des Plasmas bei Behandlungszeiten von mindestens acht Minuten effektiver ist als die konventionelle Ca(OH)2-Einlage27. Allerdings diente als getestete Keimspezies ein Enterococcus faecalis-Biofilm, der bekanntlich weniger sensitiv auf Ca(OH)2-Präparate reagiert. Ein weiterer Vergleich zwischen der Applikation von Ozon gegenüber der NaOCl-Spülung beziehungsweise kaltem Plasma zeigte signifikant schlechtere Ergebnisse der Ozonbehandlung gegenüber den beiden anderen Desinfektionsalternativen35. Die Untersuchungen von Üreyen Kaya et al.35 zeigten außerdem, dass der antimikrobielle Effekt des Plasmas im mittleren Wurzeldrittel größer zu sein scheint als im koronalen Drittel. Kim et al. erklären dies damit, dass die höchste Energiedichte des Plasmastrahls etwa 5 bis 6 mm unterhalb der Plasmaquelle zu finden ist40.

Abb. 5 Bisher zugelassene Plasmajets (hier: kINPen 08, INP, Greifswald) generieren einen nach vorn gerichteten Plasma­strahl, der zur Dekontamination tubulärer Strukturen nur eingeschränkt geeignet erscheint. Die Größe des Handstücks macht den klinischen Plasmaeinsatz am Patienten für endodontische Behandlungen derzeit noch unpraktikabel.

Limitationen der Plasmabehandlung in der Endodontie

Das Design der Instrumentenspitze des Plasmagerätes scheint einen Einfluss auf die antibakterielle Wirkung des applizierten Plasmas zu haben, da beobachtet wurde, dass eine Plasmaquelle mit geradeaus gerichtetem Strahl eine signifikant schlechtere Dekontaminationsleistung einer röhrenartigen Struktur (wie beispielsweise dem Wurzelkanal) erreicht im Vergleich zu einer Instrumentenspitze, die eine Plasmaabgabe in verschiedene Richtungen ermöglicht41. Eine bauliche Reduzierung eines derart weiterentwickelten Instrumentendesigns auf den Mikrometerbereich scheint realisierbar, sodass der Einsatz einer solchen optimierten Applikationsspitze in der Endodontie ermöglicht werden könnte. Die Mehrzahl der zur Verfügung stehenden Plasmaapparaturen generiert allerdings einen nach vorn gerichteten Plasmastrahl, der offenbar weniger gut geeignet ist, um tubuläre Strukturen zu desinfizieren (Abb. 5). Eine Verbesserung des Instrumentendesigns unter Berücksichtigung der Plasmaabgabe in tubuläre Formationen ist daher für das Einsatzgebiet in der Endodontie zu begrüßen. Aufgrund der äußerst kurzen Lebenszeit des Plasmas ist es erforderlich, das Plasma möglichst über eine Kanüle bis tief in den Wurzelkanal zu befördern, um eine ausreichend tiefe Desinfektion zu gewährleisten. Ein einfaches Handstück, das im Bereich der Zugangskavität platziert wird, genügt vermutlich nicht, um auch die tiefen Areale des Wurzelkanalsystems mit Plasma zu desinfizieren (Abb. 5). Die Generierung von kaltem Atmosphärendruckplasma im Wurzelkanal sowie dessen Applikation über eine dünne Kanüle in tiefere Bereiche des Wurzelkanalsystems kann zwar bereits realisiert werden13, inwieweit die Anwendung einer solchen Kanüle in stark gekrümmten Wurzelkanälen gelingt, ist jedoch noch völlig unklar. Weitere limitierende Faktoren für den Einsatz kalter Atmosphärendruckplasmen sind die Reichweite des Plasmastrahls sowie dessen radiale Ausbreitungsfähigkeit. Es können bereits zahlreiche Plasmastrahlen generiert werden, die eine Länge von 1,5 bis 5 cm erreichen14,27,42 und somit für den Einsatz im Wurzelkanal geeignet zu sein scheinen. Einige Autoren ermittelten radiale Ausbreitungsdimensionen von etwa 30 µm42, die für eine vorhersagbare Desinfektion kontaminierter Dentintubuli unzureichend erscheinen, da Bakterien in der Lage sind, bis zu 800 µm tief in die Dentintubuli einzudringen43. Pan et al. hingegen zeigten, dass die Plasmabehandlung innerhalb des Wurzelkanals nicht nur zur Zerstörung der Bakterien im Biofilm führt, sondern auch die Mikroorganismen innerhalb der Dentintubuli abtötet27. Die desinfizierende Wirkung des Plasmas in kontaminierten Dentintubuli wurde von Üreyen Kaya et al.35 bestätigt. Es wird allerdings nicht erwähnt, wie tief die desinfizierende Wirkung des Plasmas in die Dentintubuli hineinreicht27. Außerdem ist festzustellen, dass durch die Plasmabehandlung zwar eine Keimreduktion in den Dentinkanälchen beobachtet werden kann, eine vollständige Abtötung der Mikroorganismen jedoch ausbleibt35.

Plasma gegen Biofilm

Ein zentrales Ziel jeder endodontischen Behandlung ist die Entfernung von intrakanalärem Biofilm. Zwar wurde mehrfach gezeigt, dass es mithilfe der Plasmabehandlung gelingt, die im Biofilm enthaltenen Bakterien teilweise zu zerstören oder zu inaktivieren10, eine Entfernung des Biofilms kann jedoch in der Regel nicht erreicht werden. Vielmehr lassen sich nach Plasmabehandlung Bakterientrümmer und Mikroorganismen mit einer löchrigen Zellwand sowie nur noch wenige intakte Keime beobachten44. Somit ist kaltes Atmosphärendruckplasma in der Lage, mikromorphologische Veränderungen der im Biofilm eingebetteten Bakterien zu bewirken, eine Elimination scheint jedoch nicht zu gelingen10. Im Gegensatz dazu konnte die Arbeitsgruppe um Jiang et al. eine vollständige Entfernung von Biofilm durch den Plasmaeinsatz beobachten14. Das Areal der Biofilmentfernung reicht allerdings nur etwa 1 mm tief in den Wurzelkanal hinein. Im mittleren und apikalen Wurzeldrittel war der Biofilm auch nach der Plasmabehandlung unverändert vorhanden.

Die komplexe Struktur des Wurzelkanalsystems mit ihren Krümmungen, Isthmen und Ramifikationen (Abb. 2 und 3) stellt für die bisher zur Verfügung stehenden Desinfektionsmethoden eine große Herausforderung dar, die vermutlich auch mit der Einführung des Plasmas nicht ohne Weiteres bewältigt werden kann. Es wurde beobachtet, dass sich die Wirkung des Plasmas nur ungleichmäßig im gesamten Wurzelkanalsystem verteilt, sodass sich vergleichbare Ergebnisse der alleinigen Plasmabestrahlung gegenüber den bisherigen endodontischen Behandlungsstandards mit den heutigen zur Verfügung stehenden Plasmageräten nur mit sehr langen Behandlungszeiten von bis zu 30 Minuten realisieren lassen27,37,45. Derart lange Anwendungszeiten machen den Einsatz im klinischen Alltag unpraktikabel. Erst eine Kombination aus Plasmabehandlung und anderen desinfizierenden Maßnahmen – wie beispielsweise eine Spülung mit NaOCl oder CHX – führte zu einer adäquaten Desinfektionsleistung in einer akzeptablen Behandlungszeit und somit zu einer gesteigerten antimikrobiellen Effektivität26,46.

Nebenwirkungen bzw. unerwünschte Wirkungen

Im Rahmen der Zertifizierung für ein Medizinprodukt durchlaufen die entsprechenden Geräte eine intensive Prüfung. So ist beispielsweise gewährleistet, dass die abgegebene UV-Strahlung bei empfohlenen Anwendungsparametern deutlich unterhalb der UV-Tagesdosis für den empfindlichsten gesunden Hauttyp liegt47. Das Risiko thermischer Schädigung der umliegenden Gewebe durch das Plasma selbst kann ausgeschlossen werden, da in zahlreichen Untersuchungen nachgewiesen wurde, dass kalte Atmosphärendruckplasmen nicht beziehungsweise nur minimal mit einer Temperaturerhöhung einhergehen, die in keinem Fall schädigende Wirkungen hervorriefen14,26,35,37. Auch der patienteninduzierte Ableitstrom liegt unterhalb der erlaubten Grenzwerte. Kalte Atmosphärendruckplasmen können nicht nur im Wurzelkanal zur Bekämpfung intrakanalärer Mikroorganismen genutzt werden, sondern finden beispielsweise auch bei der Behandlung chronischer, nicht heilender Wunden Anwendung. Dabei werden die Wunden direkt mit Plasma bestrahlt, sodass zwangsläufig ein Kontakt der menschlichen Zellen mit dem Plasma zu beobachten ist. Auch wenn durch das Plasma intrazelluläre redoxaktive Spezies entstehen, können diese über zelleigene Systeme wirkungsvoll entgiftet werden10. Gegebenenfalls entstehende Schädigungen der DNA resultieren nicht in einem gentoxischen Effekt, sondern werden entweder repariert oder führen zur Induktion des programmierten Zelltods (Apoptose)48. Doppelstrangbrüche der DNA, die ein Indiz für eine Mutagenität des Plasmas wären, können nicht gefunden werden49. Des Weiteren gibt es keinen Anhalt dafür, dass die direkte Bestrahlung menschlicher Hautzellen mit Plasma zu einer präkanzerogenen Gewebeveränderung führt50. In einer Studie zur Dekontamination chronischer Wunden mit Plasma wurden selbst nach 1.300 Plasmabehandlungen bei 150 Patienten keinerlei unerwünschte Nebeneffekte beobachtet51. Da sich die Art der Anwendung des Plasmas im Wurzelkanal von der bei der Dekontamination chronischer Wunden oder Hautareale deutlich unterscheidet, scheint die Gefahr einer Schädigung körpereigener Zellen nochmals geringer, da in der Endodontie ein direkter Kontakt des Plasmastrahls mit Zellen des menschlichen Körpers ausbleibt. Außerdem ist die Gesamtexpositionszeit des Plasmas bei endodontischen Behandlungen um ein vielfaches geringer im Vergleich zur Plasmatherapie chronischer Wunden, die über einen längeren Zeitraum durchgeführt werden müssen. Hinsichtlich eventueller unerwünschter Effekte auf das vom Plasma bestrahlte Dentin liegen keinerlei Hinweise vor. So sind auch nach zwölfminütiger Plasmabehandlung keine signifikanten Änderungen der Mikrohärte oder der Rauigkeit des Wurzelkanaldentins festzustellen36.

Fazit

Auch wenn In-vitro-Untersuchungen von kaltem Atmosphärendruckplasma im Wurzelkanal mit Laborgeräten bereits realisiert werden können und die ersten Resultate vielversprechend erscheinen, ist für den klinischen Einsatz kalter Plasmen am Patienten eine Optimierung des Gerätedesigns erforderlich. Ein frei bewegliches und leicht zu handhabendes Handstück ist ebenso wünschenswert wie ein abgewinkelter und möglichst kleiner Instrumenten­kopf mit nadelförmiger Spitze, um auch bei eingeschränkter Mundöffnung alle Zähne zu erreichen. Die bisher entwickelten und zugelassenen Geräte sind aufgrund ihrer Größe und Unhandlichkeit kaum für den klinischen Einsatz im Wurzelkanal geeignet. Besonders komplexe Wurzelkanalsysteme oder Wurzeln mit ausgeprägten Krümmungen scheinen den Einsatz kaltatmosphärischer Plasmen zu erschweren, da die Applikation des Plasmas mit seiner kurzen Lebenszeit in alle Bereiche des Kanalsystems als große Herausforderung gesehen werden muss. Es ist nicht davon auszugehen, dass die Plasmaanwendung allein die bisherige Therapieform der chemomechanischen Bearbeitung des Wurzelkanalsystems revolutionieren oder gar ersetzen kann10. Allerdings kann die Anwendung des Plasmas als adjuvante Therapieergänzung aufgrund der guten antibakteriellen Wirkung und der guten Erreichbarkeit auch kleinster Hohlräume und schwer zu instrumentierender Areale des Wurzelkanalsystems durchaus sinnvoll sein, sodass die weitere Erforschung und Weiterentwicklung der Plasmabehandlung in der Endodontie zu begrüßen ist. Derzeit scheinen vergleichbare Ergebnisse der Plasmabehandlung gegenüber der konventionellen chemomechanischen endodontischen Therapie in ähnlichen Behandlungszeiten nicht möglich, da bisher ein deutlich höherer Zeitbedarf für die Plasmabehandlung erforderlich ist, um eine ähnlich gute Desinfektionsleistung zu erreichen.

Keine Alternative zu NaOCl

Insbesondere die Ablösung von NaOCl als intrakanaläres Desinfektionsmedium durch kaltatmosphärisches Plasma ist nicht zu erwarten, da nahezu alle verfügbaren Studien zeigen, dass NaOCl im Vergleich zur Plasmabehandlung mindestens ebenbürtig abschneidet, oftmals sogar überlegen ist. Längere Plasmabehandlungszeiten könnten jedoch den antimikrobiellen Effekt steigern. Trotz des vielversprechenden Ansatzes der intrakanalären Applikation kalten Atmosphärendruckplasmas scheint die große Herausforderung der absoluten und vollumfänglichen Keimabtötung im Wurzelkanalsystem auch mit der Plasmabehandlung nicht bewältigt werden zu können, auch wenn einzelne Studien nach zwölfminütiger Plasmabehandlung keine lebenden Bakterien finden konnten36.

Literatur auf Anfrage über news@quintessenz.de

Ein Beitrag von Dr. med. dent. Michael Drefs, Greifswald