Nach den Beiträgen „Weitere Digitalisierung in der Branche ist möglich – aber nur mit exzellenten Laboren!“ und „Mythos Qualität“ gab es positive Reaktionen und auch die Bitte, die dort angesprochenen Themen noch etwas differenzierter zu behandeln. Im folgenden Beitrag steht daher nun das Thema „Ganzheitliche Werte schaffen“ im Fokus.

Der Mensch, der Patient, der Zahnpatient ist mehr als die Summe seiner Zähne, seien sie gesund oder krank, seien es viele oder wenige, oder müssen sie ersetzt werden. Der Kontinuitätsbruch ist nach Hippokrates eine Störung im lückenlosen Funktionszusammenhang und somit eine Störung der Einheit des Ganzen. Da der Patient das Maß aller Dinge ist, sollte man in diesem Kontext auch bei den zahntechnischen Arbeiten alle verfügbaren Möglichkeiten nutzen, um die Einheit des Ganzen für ihn wieder herzustellen. Nicht die Technik allein ist der Wert der zahntechnischen Arbeit, sondern die bestmögliche Versorgung für den individuellen Patienten.

Dreiklang von exzellentem Labor, Zahnarztpraxis und Industrie

Meiner Auffassung nach können zum Beispiel die restaurativen, prothetischen Arbeiten an diesem Wert orientiert nur von und mit exzellenten zahntechnischen Laboren geleistet werden und müssen im Kontext mit den Vorarbeiten der Praxen und den Angeboten der Industrie gesehen werden. Also sollten wir uns die drei Bereiche unter diesem Aspekt genauer anschauen.

Die Zahnmedizin und die Zahnarztpraxis sind ein komplexes Feld. Angefangen von einer Beratung und Befunderhebung über eine Therapieplanung und Therapievorschläge ist der Wert der Behandlung ein ethisch-moralischer Höchstanspruch im Sinne des Patienten. Ist doch zum Beispiel zu klären, ob und wie Funktionsstörungen vor einer prothetischen Behandlung zu beheben sind, bis hin zu den individuellen Wünschen des Patienten in der Ästhetik.

Stellen wir uns eine Vorbehandlung vor mit dem Thema Zahnerhalt und Zahnersatz, eventuell mit einem implantologischen Eingriff. Also eine komplexe Versorgung, die oft mit einer zu behandelnden Kiefergelenksproblematik einhergeht, manchmal klagt der Patient auch über Kopfschmerzen, Rückenschmerzen und allgemeinen Beschwerden. Eine interdisziplinäre Zusammenarbeit mit dem qualifizierten Labor ist in einem solchen Fall eigentlich unumgänglich – sie wird aber leider nicht immer gemacht. Die Fortbildungen, die in unserem Labor für Zahnärzte seit Jahren zu diesem Thema angeboten werden, sind stets ausgebucht. Das Thema ist also bekannt und auch im Trend. Auch ist es bezeichnend, dass unser Kollege Udo Plaster hier ein System entwickelt hat und zum Segen unserer Kunden und der Branche (mit Physiotherapeut Ralf Hergenröther) ganze Arbeit leistet.

Dass dann über Vorplanungen unsererseits, Probeaufstellungen, Relationsbestimmungen etc. sehr hochwertige Arbeiten entstehen, die auch wirklich geplant sind, fern jeder Theorie, macht alle Beteiligten – insbesondere aber den Patienten – glücklich und zufrieden.

Natürlich wäre hier ganz umfänglich ein gesondertes Referat im Bereich Zahnmedizin notwendig, um die Vielfältigkeit der Leistungen zu beschreiben, aber mir geht es in erster Linie um den Stellenwert der Zahntechnik und hier im Speziellen von exzellenten Laboren, die das gesamte Spektrum der Prothetik beherrschen. Denn allein wegen einer Extraktion, einer Präparation oder einer Implantation kommt kein Patient gerne in die Praxis. Er kommt in dem Wissen, dass er mit „neuen Zähnen“ verschönert wird, seine Kaufunktion wiederhergestellt wird, er Sicherheit und Wohlbefinden erfährt.

Komplexe Fälle sind auch im Labor Teamarbeit

Hier können wir ohne falsche Bescheidenheit auf unsere Fähigkeiten als Zahntechniker verweisen: Das haben wir gelernt und können wir besser und qualitätssicherer leisten, als jeder andere Beteiligte. Bleiben wir bei dem komplexen Fall, den ich von Zahnarztseite her schon kurz skizziert habe. Auch im Labor arbeitet bei einem solchen Fall von Beginn an ein Team von hochqualifizierten Mitarbeitern, die für die Praxis quasi als „freie Mitarbeiter“ agieren, unterstützen, beraten, informieren. Dinge, die der Zahnarzt in der Regel selbst in diesem Umfang nicht leisten kann. Und nicht zuletzt der Patient fühlt sich wohl bei einer ästhetischen Gestaltung, die er mit dem Experten der Ästhetik, dem qualifizierten Techniker, abstimmt.

Spitzenleistungen gibt es nur im Team

An dieser Stelle einige Worte zum Stellenwert der Praxislabore. Sie sind aus meiner Sicht auch unter dem Aspekt der interdisziplinären Zusammenarbeit der falsche Weg. Von wem lernt ein Praxistechniker denn sein Geschäft? Und wie lernt er im Alltag allein in der Praxis weiter? Zahlreiche gute Techniker, aber auch Zahnärzte – das ist meine Erfahrung – vollbringen Spitzenleistungen, aber nur in einem eingespielten Team mit einem guten Trainer (Chef). Auf sich allein gestellt, merken diese Menschen dann oft erst, wie schwierig die Gesamtleistung ist. Wenn Ronaldo in der nächsten Saison beim TUS Koblenz spielen würde, könnte man sehen, wie auch er keine brillanten Spitzenleistungen mehr vollbringen kann, weil ihm ein exzellentes, breit entwickeltes Team fehlt und vor allem ein Trainer, kein Spielertrainer.

Nicht zuletzt deshalb werden uns immer wieder Praxislabore zur Übernahme in das gewerbliche Labor angeboten. „Wollen“ heißt eben nicht immer auch „Können“. Soviel als Ausflug in dieses Thema.

Frage der Wertschätzung für den Patienten

Ich bleibe also dabei: Der Wert einer Zusammenarbeit zwischen Zahnarztpraxis und gewerblichem Labor ist eine Frage der Wertschätzung für den Patienten und bietet eine hohe Sicherheit für das Gelingen einer hochwertigen Arbeit. Die Expertise eines exzellenten Dentallabors in der Zusammenarbeit sollte an sich nicht nur eine Selbstverständlichkeit sein: Das ist der professionelle Weg. Nutzen wir die Metapher eines Sandwiches, so sind wir, die Labore, der gute, hochwertige Belag zwischen Zahnarztpraxis und Industrieprodukten. Schließlich wollen Patienten für ihre ganzheitliche Gesundheit auf sehr gute Materialien und sehr gute Verarbeitung nicht verzichten.

Wenn wir diesen Wert ganzheitlich sehen, gehören dazu die Geräte, die Materialien, die industriellen Produkte. Dass uns die Industrie in ihrer Allmachtsphantasie – natürlich mit Hilfe der Digitalisierung – weismachen will, dass sie das alles alleine bewerkstelligt, ist eine Anmaßung, der ja auch schon einige renommierte Hersteller zum Opfer gefallen sind. Es ist eben sinnvoll, sich auf seine Kernkompetenzen zu konzentrieren. Zudem werden die Anforderungen in jedem Bereich stets komplexer: in der Zahnmedizin, der Implantologie, der Parodontologie, in der Kieferorthopädie mit den neuen Schienen-Techniken und was es alles in letzter Zeit  noch Neues gibt.

Kritischer Trend zu Online-Anbietern

Online dem Patienten direkt angebotene zahnmedizinische Produkte und Leistungen – von Prophylaxe und Bleaching über Verschönerungsschienen und Sportschutz – sind in Amerika ein Riesentrend, der auch schon zu uns herüberschwappt. Hier steht die Industrie in den Startlöchern mit Beteiligungen und zum Teil mit Übernahmen. Diese Welle wird, so leid mir das tut, auch an vielen Praxen nicht vorbeigehen. Der Patient bestellt sein Bleachingset oder seine Schienen für die geraden Zähne dann im Internet. Über die Qualität solcher Dienstleistungen ohne zahnärztliche Expertise müssen wir hier nicht viel sagen.

Ganzheitliche Werte schaffen heißt für mich, im Zusammenspiel der Fachkompetenzen den größtmöglichen Nutzen für den Patienten zu erzielen. Im Übrigen wissen wir, dass Spitzenleistung nur in der unterschiedlichen Zusammensetzung eines Teams möglich ist. Jeder macht das, was er am besten kann.

Zufriedene Patienten, hohe Arbeits- und Lebenszufriedenheit,

Synergie und Symbiose sind letztlich für jeden Beteiligten erlebbar und führen zudem zu einer hohen Arbeitszufriedenheit und zu zufriedenen Patienten. Keiner kann alles. Der Zahnarzt in seiner Selbständigkeit, in seiner eigenen Praxis, ist immer wie ein guter Architekt, er braucht exzellente, freie Gewerke.

Werte stiften heißt auch, moralisch-ethisch Verantwortung zu übernehmen, im Sinne der allgemeinen Zufriedenheit. Diese Philosophie lässt sich nicht zuletzt auch gut auf das allgemeine Leben übertragen.

ZTM Alois C. Lubberich, Koblenz

Ich freue mich auf Ihre Meinungen, gerne per E-Mail an acl@lubberich.de.

 

ZTM Alois C. Lubberich, Koblenz (Foto: Lubberich Dental)

Alois C. Lubberich ist in Brohl am Rhein geboren. Seine Aus- und Weiterbildung zum Zahntechniker hat er an der Universitätsklinik in Bonn absolviert und bei Lernaufenthalten in der Schweiz erweitert. Nachdem er mit 23 Jahren seine Meisterprüfung in Düsseldorf ablegte, gelang es ihm bereits im Alter von 24 Jahren, sein eigenes Dentallabor in Koblenz zu gründen. Mit mehr als 100 Beschäftigten und mehreren Standorten ist das Dentallabor Lubberich heute das größte Dentallabor in Rheinland-Pfalz und dient als Referenzlabor der wichtigsten Industriepartner innerhalb der Branche.
Schon früh suchte Lubberich den Kontakt zu Unternehmensberatern und Hochschulen, um davon für seine Laborentwicklung zu profitieren und neue, wissenschaftliche Methoden der Unternehmensführung und Marktentwicklung zu nutzen.
Lubberich ist auch Autor des Buchs „Unternehmen Zahntechnik“ (Quintessenz), das die Grundlagen moderner Labor- und Unternehmensführung beschreibt und die langjährigen Erfahrungen des Autors widerspiegelt.

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Titelbild: Lubberich Dental, Koblenz