Unbestritten ist: Je komplexer der prothetische Fall, desto mehr muss der Zahntechniker über den Patienten wissen. Muss er dafür aber auch direkt Kontakt mit dem Patienten haben? Das wird ja von einigen Protagonisten der Zahntechnik-Szene derzeit vehement gefordert – aber wollen das die Zahntechniker in der Breite auch? Und müssen dafür Gesetze geändert werden?

Es war nicht zu erwarten, dass die Session zu Zahnmedizin und Zahntechnik auf der Jahrestagung der DG Pro Anfang Mai in Berlin auf diese Fragen eine klare Antwort gibt. Dafür gab es auf der gesamten Tagung viele interessante Bemerkungen und Zwischentöne, die sicheres Indiz dafür sind, dass sich das Verhältnis Zahnmedizin – Zahntechnik verändert hat und sich auf beiden Seiten weiter etwas ändern muss.

Grenzwertige Situationen im Alltag

Viele Zahntechniker berichten aus dem Alltag, dass sie immer häufiger von Zahnärzten gebeten oder gar vehement aufgefordert werden, direkt am Patienten tätig zu werden, zum Beispiel komplexe Arbeiten anzuprobieren oder gar final einzugliedern. Damit machen sich beide Seiten nach geltendem Recht strafbar. Es fehle nicht nur bei jungen Zahnmedizinern häufig an Kenntnissen und Erfahrungen, heißt es vonseiten der Techniker. Es wird – von Zahnärzten und Zahntechnikern gleichermaßen – befürchtet, dass sich dies mit der neuen Approbationsordnung weiter verschlechtern könnte, da hier die zahntechnische Ausbildung der angehenden Zahnärzte weiter reduziert werden wird.

„Ohne prothetische Kenntnisse geht es nicht“

Es kann aber nicht die Lösung sein, deswegen die Arbeit der Zahntechniker am Patienten zuzulassen. Denn es fehlt auch bei den Zahntechnikern an den nötigen zahnmedizinischen Kenntnissen, wie nicht nur ZTM Kurt Reichel in seinem Vortrag konstatierte. Zuallererst müssen die Zahnärzte selbst über geeignete Fortbildungen dafür sorgen, dass sie in der Lage sind, ihre Patienten prothetisch „State of the Art“ zu behandeln – im Fall des Falles auch in der Zusammenarbeit mit Prothetik-Spezialisten. Diese Verpflichtung liegt bei jedem einzelnen Zahnarzt, und an qualifizierten Fortbildungsangeboten bis hin zu Curricula mangelt es nicht. Die sind vielleicht gerade für junge Zahnärzte nicht so sexy wie die allgegenwärtige Implantologie, aber „ohne prothetische Kenntnisse geht es nicht“, so Tagungsleiter Prof. Dr. Florian Beuer.

Zahnärzte können ihre Verantwortung nicht einfach delegieren

Zahnärztinnen und Zahnärzte können sich angesichts ausufernder Materialvielfalt, digitaler Fertigungsverfahren, neuer Anforderungen an Präparationstechniken und komplexer Therapieplanungen mit Implantaten im Praxisalltag durchaus überrollt und überfordert fühlen. Die Industrie reagiert darauf bereits mit Angeboten wie der „Cerec-Helferin“ oder kompletten Implantat- und Prothetikplanungen aus dem Servicecenter oder dem wie auch immer zertifizierten Dentallabor – auch um ihren eigenen Absatz anzukurbeln. Der Zahnarzt brauche das dann nur noch freigeben – aber er kann nur freigeben, was er selbst auch verstanden hat und beherrscht, denn schließlich muss er am Ende dafür haften, wenn es schiefgeht.

Die Zahntechnik braucht mehr medizinische Kenntnisse

„Die besten Zahntechniker sind die, die auch mal in einem Praxislabor oder in einer Klinik gearbeitet haben“, „ohne die enge Zusammenarbeit mit guten Technikern geht nichts“ – solche und ähnliche Aussagen kamen bei der DG Pro von vielen Referenten. Klar ist, dass sich auch in der Aus- und Weiterbildung im Zahntechnikerhandwerk etwas verändern muss. Die Zahntechnik ist ein hoch spezialisiertes Gesundheitshandwerk, und sie wird neben den technischen Kenntnissen und dem Beherrschen digitaler Verfahren mehr zahnmedizinische Kenntnisse brauchen. Eine weitere (akademische) Spezialisierung im Handwerk neben dem bereits existierenden Studiengang Dentale Technologie, zum Beispiel eine erweiterte Meisterausbildung oder einen Bachelor mit Pflichtanteilen in zahnmedizinischen Unikliniken oder Lehrpraxen, erscheint daher absolut sinnvoll.

Weg zur Gesetzesänderung lang und steinig

Der Weg zu einer Gesetzesänderung, die Zahntechnikern den direkten Zugang zum Patienten erlauben würde, ist lang und steinig. Und so stichhaltig, wie viele Befürworter erweiterter Befugnisse für Zahntechniker glauben machen wollen, sind die Argumente dafür nicht.

Es müssen andere Wege gefunden werden, die Zusammenarbeit von Zahnarzt und Zahntechniker auf eine moderne Basis zu stellen. Momentan rühren hier auf zahntechnischer Seite aber noch zu viele Köche im selben Brei. Wer mit den Zahnärzten und gar der Politik verhandeln will, braucht eine breite Legitimation nach außen – und innen. Und er muss allen Seiten klar sagen, was das bringen soll. Sonst bleibt der schönste gefundene Konsens am Ende nur Papier.

Dr. Marion Marschall, Chefredakteurin Quintessence News, marschall@quintessenz.de