Ist die prothetische Zahnmedizin irgendwie „old fashioned“? Oder ist sie – auch dank Digitalisierung – eng am Puls der Zeit? Was kann und muss die Prothetik heute leisten, auch in der Zusammenarbeit mit anderen Disziplinen? Und welche Rolle fällt dabei der Zahntechnik zu?

„Old fashioned“ oder angestaubt ist die Prothetik ganz bestimmt nicht – das zeigten die Vorträge und Sessions der 67. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Prothetische Zahnmedizin und Biomaterialien, kurz DG Pro, am ersten Maiwochenende in Berlin. Für die DG Pro war die vom wissenschaftlichen Leiter Prof. Dr. Florian Beuer, Berlin, betreute und vom Quintessenz Verlag organisierte Tagung im Format sicher etwas ungewöhnlich, da im Hauptprogramm die Praxis im Fokus stand. Die Grundfrage: „Was braucht die Prothetik? Und was brauchen die anderen?“ wurde zu den Themen Parodontologie, Ästhetik, Kieferorthopädie und Implantologie von jeweils zwei Referenten kompetent und informativ beantwortet.

Strukturierte, standardisierte Workflows für den Erfolg

Den Auftakt machte mit Dr. Michael Altmann, Langenargen, ein Absolvent der „Freiburger Schule“, dessen Lehrmeister Prof. Dr. Dr. h.c. Jörg Rudolf Strub, Freiburg, ihm nach kurzen einführenden Worten die Bühne überließ. Altmann ist ein Verfechter gut strukturierter Abläufe – nicht nur mit einer beeindruckenden Praxisorganisation für fünf Praxen, die jetzt sogar in eine eigene Software mündet. Auch die prothetischen Abläufe sind für die fünf Praxen strukturiert und standardisiert und gewährleisten für den jeweils individuellen Patientenfall eine abgestimmte, gut dokumentierte und für alle Beteiligten transparente Zusammenarbeit. Sichere Kommunikationswege seien unerlässlich, so Altmann.

Gutes Weichgewebe – gute Prothetik

Stabile parodontale Verhältnisse sind ein Hauptkriterium für den Erfolg einer prothetischen Arbeit – und ohne eine gute Prothetik sind parodontologische Behandlungsergebnisse nicht stabil zu halten. Diese und weitere Wechselbeziehungen erläuterten Prof. Dr. Henrik Dommisch, Berlin, und PD Dr. Arndt Happe, Münster, in ihren Vorträgen. Dommisch machte drei entscheidende Schnittstellen zur Prothetik fest: parodontale Probleme durch überstehende/defekte Restaurationsränder, hygienefähige Langzeitprovisorien in der parodontologisch-prothetischen Therapie für einen möglichst langen Zahnerhalt und die Parodontalchirurgie zum Schaffen bestmöglicher Weichgewebsverhältnisse vor der Prothetik.

„Vorbehandlungen gibt es nicht, alles ist Therapie“, konstatierte er. Langzeitprovisorien sollten möglichst hygienefreundlich sein – „eine Größe Interdentalbürsten wäre ideal, dann kann der Patient das gut pflegen“ –, bei stark kompromittierten Gebissen sind metallverstärkte Langzeitprovisorien die erste Wahl.

Feine chirurgische Techniken, feines Nahtmaterial

Happe fokussierte auf die Implantatprothetik – nicht nur die Osseointegration des Implantats, auch geeignete und stabile Weichgewebsverhältnisse seien für den langfristigen Erfolg einer Implantatprothetik unabdingbar. Diese sollten bereits in der Behandlungsplanung berücksichtigt werden – so bei einem dünnen Biotyp, bei der Knochenaugmentation und beim Wundverschluss. Dabei seien minimal-invasive Verfahren (Flapless, Schnittführung mit Rücksicht auf die Durchblutung, mikrochirurgische Techniken, feines Nahtmaterial) unbedingt zu bevorzugen. Mehr Weichgewebe bringt insgesamt stabilere Verhältnisse, so Happe. Er plädierte dafür, dass der Zahntechniker auch Kontakt zum Patienten haben müsse, um die Anforderungen an seine Arbeit besser einschätzen zu können.

„Pas de deux“ für KfO und Prothetik

Was sich für Patienten erreichen lässt, wenn Prothetiker und Kieferorthopäde gemeinsam für die bestmögliche Rehabilitation arbeiten, zeigten Dr. Eric van Dooren, Antwerpen, und Dr. Nuno Sousa Dias, Villa Nova de Famalicão, in ihrem gemeinsamen Vortrag. Ohne detaillierte Analyse, abgestimmte Behandlungsplanung und engen Austausch funktioniert das natürlich nicht. Die Ergebnisse waren oft verblüffend und faszinierend, die Lösungen sowohl ästhetisch als auch funktional für den Patienten ein Erfolg. Mit minimal-invasiven kieferorthopädischen Techniken lassen sich nicht nur Lücken auf- oder zumachen, auch einzelne Zähne können vor der prothetischen Versorgung in eine prothetisch-ästhetisch-funktional passende Position bewegt werden. Nicht nur fachlich, auch ästhetisch war dieser „Pas de deux“ von Kieferorthopädie und Prothetik ein Genuss.

Komposit und Veneers – wer braucht noch Kronen?

Wo früher eine Überkronung anstand, lassen sich selbst stark zerstörte Zähne heute dank Adhäsivtechnik mit Kompositen erfolgreich und ästhetisch ansprechend rekonstruieren. Eckaufbauten, Kompositveneers, Diastemaschluss, Zahnumformungen, Kaschieren von Zahnverfärbungen, Kauflächenrekonstruktion und Bisshebung – alles heute minimal-invasiv mit Komposit zu lösen. Wenn man es kann – und da legte Dr. Ulf Krueger-Jansson, Frankfurt (Main), die Latte für die direkten Rekonstruktionen mit zahlreichen Beispielen hoch.

Vieles lässt sich heute aber dank moderner Hochleistungskeramiken auch ebenso minimal-invasiv und ästhetisch mit Non-präp-Veneers, Veneers mit minimaler Präparation oder Fullveneers lösen, wie Prof. Dr. Petra Gierthmühlen, Düsseldorf, in ihrem Vortrag erläuterte. Damit lassen sich langzeitstabil auch schwierigere Situationen ästhetisch anspruchsvoll versorgen.

Einflügelige Adhäsivbrücken sehr gute Lösung

Die klassische Krone mit invasiver Präparation ist vielfach obsolet, nur bei tief zerstörten und endodontisch behandelten Zähnen ist sie nach wie vor indiziert. Ihre Empfehlung an alle Zahnärzte und Zahntechniker lautete, sich mit den neuen Präparationstechniken und Vorgehensweisen rasch vertraut zu machen, um die Zahnhartsubstanz der Patienten optimal zu schonen. Nicht zu vergessen sind die einflügeligen Adhäsivbrücken aus Vollkeramik „nach Kern“, die das therapeutische Spektrum der ästhetisch-funktionalen und minimal-invasiven Versorgungen gerade in schwierigen Fällen wie Nichtanlagen mit zu kleinen Lücken für Implantate, Rehabilitation im juvenilen Gebiss etc. bereichern und erweitern.

Spannungsfeld Zahnmedizin und Zahntechnik

Mit besonderer Spannung erwartet wurde vor allem wohl von den Zahntechnikern die Session am Samstagmorgen: Wie viel Zahnmedizin braucht die Zahntechnik? „Wie viel Zahntechnik braucht die Zahnmedizin? ZTM Kurt Reichel, Hermeskeil, und ZA Horst Dieterich, Winnenden, selbst ausgebildeter Zahntechniker, gingen dazu – nach einem gewohnt fordernden und politischen Statement von ZT Ralf Suckert (für die FZT, die Fachgesellschaft für Zahntechnik) nach mehr Patientenkontakt geänderten gesetzlichen Rahmenbedingungen – auf die Bühne.

ZTM Kurt Reichel (Foto: QN)

Hohe Technik- und Materialkompetenz, zu wenig Medizin

Reichel verwies auf die hohe technische und Materialkompetenz des Gesundheitshandwerks Zahntechnik. Es fehle aber, gerade für komplexe Behandlungen und für die Implantologie, oft an zahnmedizinischen Kenntnissen, die in der Ausbildung nicht vermittelt würden. Ebenso wie Wissen über die sich rasch entwickelnde Technik- und Materialseite sei aber gerade dieses medizinische Wissen immer wichtiger. Er plädierte zudem für einen engeren Austausch zwischen Zahnarzt und Zahntechniker, gerade mit Blick auf neue Materialien und Versorgungsformen. Nicht zuletzt sehe man die reduzierte prothetische Ausbildung des zahnärztlichen Nachwuchses mit Sorge. Hier gebe es schon jetzt vielfach Defizite, die von den Zahntechnikern so nicht ohne (rechtliche) Probleme aufgefangen werden könnten.

Erfahrung mit Patienten macht oft den Unterschied

Dieterich konterte die Forderung nach Patientenkontakt des Zahntechnikers. Natürlich gebe es Techniker, die auch mit Patienten kommunizieren könnten, „aber ganz ehrlich, die meisten möchten mit Patienten nicht direkt etwas zu tun haben“. Aus seiner Erfahrung sei es aber schon so, dass die wirklich guten Zahntechniker in der Regel eine Zeit in einem Praxis- oder Kliniklabor gearbeitet und dabei engen Kontakt zu den Arbeitsabläufen am Patienten erlebt hätten. Diese Erfahrung mache oft einen Unterschied – er selbst arbeite mit dem eigenen Praxislabor und externen Laboren, so Dieterich.

Prof. Dr. Michael Stimmelmayr (Foto: QN)

Furioses Finale zur Implantologie

Furioses Finale war die Session zu Implantologie und Prothetik. Prof. Dr. Michael Stimmelmayr, Cham, und Prof. Dr. Heiner Weber, Tübingen, griffen in ihren reichen Erfahrungsschatz und brachten Probleme, Mängel und Bedürfnisse deutlich auf den Punkt. Nur drei seiner ca. 100 Überweiser schickten ihm regelmäßig gut aufgeklärte Patienten mit einer klaren Planung und einer Bohrschablone zur Implantation, berichtete Stimmelmayr. Eigentlich müsse er als Chirurg nichts von der Prothetik wissen, aber ohne Informationen zur geplanten prothetischen Versorgung und darauf basierender Bohrschablone gehe es nicht.

Die Beratungsleistung, die Analyse und die Behandlungsplanung müsse idealerweise im Team von Prothetiker (Hauszahnarzt), Chirurg und Zahntechniker laufen, aber das sei lange nicht die Regel. Kritisch betrachtete er – ebenso wie Weber – externe Implantatplanungen durch Planungszentren von Unternehmen oder Labore. „Woher weiß ich, dass der Mitarbeiter dort über entsprechende zahnmedizinische oder zahntechnische Kenntnisse verfügt? Natürlich soll ein Zahnarzt die Planung dann freigeben, aber reicht das aus? Und was versteht der Zahnarzt dann davon?“ Die Planung gehöre in die Hand des Zahnarztes, so sein Statement.

Ohne Teamwork komme es gerade bei komplexen Fällen mit unsicherem Zahnerhalt zu Fehl- oder Übertherapie, wie er an einigen Beispielen vorführte. Der Versuch, aus einem komplexen, aber mit weitgehendem Zahnerhalt zu lösenden Fall einen einfachen Fall zu machen, habe bei einer Patientin zur Extraktion aller Zähne und Ersatz durch zum Teil angulierte Implantate mit Brücken geführt. Am Ende habe die Patientin so nicht nur alle Zähne verloren, sie habe durch eine inadäquate Prothetik den Mund nicht mehr schließen können und sei stark in ihrer Gesundheit beeinträchtigt worden.

Prof. Dr. Heiner Weber (Foto: QN)

Weber unterstützte in seinem Vortrag – „einer meiner letzten im Amt als Professor in Tübingen“ – Stimmelmayrs Positionen. Er betonte, wie wichtig die enge Zusammenarbeit mit den Zahntechnikern für eine erfolgreiche Prothetik ist. Survival sei nicht gleich Success, ging Weber kritisch auf die Statistiken ein. Sein Konzept: So wenig Chirurgie wie nötig, so viel prothetisch lösen wie möglich. Ein Erfolg wird es nur, wenn alles stimmt – Implantat, Hygiene, Prothetik und Weichgewebe.

Gut besuchte Fachforen

Abgerundet wurde die Jahrestagung vom „Forum Werkstoffkunde“ unter der Leitung von Prof. Dr. Wolf-Dieter Müller mit einem Update zu PEEK als Werkstoff in der Prothetik und der Bedeutung der Werkstoffkunde in der Zahnmedizin, einem Industrieworkshop mit Prof. Dr. Bernd Wöstmann zur Abformung konventionell und digital (3M), der Tagung des Arbeitskreises Kiefer-Gesichts-Prothetik und einer Industrieausstellung. Vor allem junge Teilnehmer zog es in die Kurzvorträge und Posterpräsentationen, in denen viele Ergebnisse von Arbeitsgruppen aus Universität und Praxis berichtet wurden. Auch die Posterausstellung war gut besetzt und gut besucht – in den Postern standen vielfach neue Werkstoffe wie PEEK und Vollkeramik, aber auch Verfahren wie das Tissue Master Konzept nach Neumeyer im Fokus. Für den kollegialen Austausch und Entspannung sorgte eine bis zum letzten Platz ausgebuchte abendliche Schiffahrt auf der Spree durch Berlin.

Die 68. Jahrestagung der DG Pro wird vom 16. bis 19. Mai 2019 in Rostock stattfinden.

MM

Zur DGPro folgen hier auf Quintessence News noch Videostatements  ausgewählter Referenten.